Ernst Bloch

Mittwoch, 23. Januar 2008

Ernst Bloch - Philosoph der konkreten Utopie

Ernst Bloch wird als der Philosoph der konkreten Utopien, der Tagträume, des Prinzips der Hoffnungen bezeichnet. Ich möchte Ihnen, liebe Leser, diesen großen Philosophen vorstellen.


Lebensdaten
Ernst Bloch wurde am 08.07.1885 in Ludwigshafen als Sohn jüdischer Eltern geboren. Er war ein Einzelkind und seine Jugend empfand er als wenig glücklich. Bloch selbst sagte, dass er sich „aufsässig gegen Haus und Schule“ verhielt.
Schon früh entdeckte der junge Bloch, dass er philosophische und literarische Neigungen hatte. Ab 1905 studierte er Philosophie. Als Nebenfächer wählte er Physik, Musik und Germanistik. Zwei Jahre später wechselte er nach Würzburg. Dort schloss Bloch sein Studium ab.
Schon jetzt Ernst Bloch stellte die Forderung nach einer neuen Metaphysik auf und wesentliche Theoreme seiner späteren „Philosophie der Utopie“. In Heidelberg 1912 gelangte Ernst Bloch in den Kreis um Max Weber. Sein erstes bedeutendes Werk erschien nach der Emigration in die Schweiz (am Ende des Ersten Weltkriegs). Es trägt den Namen „Geist der Utopie“. 1923 erschien eine Neufassung von „Geist der Utopie“, die noch stärker an marxistische Lehren angelehnt war. In Blochs Freundeskreis befanden sich u.a. Bert Brecht, Walter Benjamin und Theodor W. Adorno.
Nach Hitlers Machtübernahme 1933 emigrierte Ernst Bloch nach Zürich. Danach lebte er in den USA, wo mehrere Werke entstanden (z.B. „Naturrecht und menschliche Würde“ oder sein Hauptwerk „Das Prinzip der Hoffnung“).
1949 kehrte Bloch in den Osten Deutschlands, die DDR, zurück. Mit 64 Jahren erhielt er in Leipzig einen Lehrstuhl für Philosophie. Er wurde mit den Nationalpreis der DDR und den Vaterländischen Verdienstorden ausgezeichnet. Allerdings wurde er 1957 zwangsemeritiert, weil er Kritik an Staat und Partei geübt hatte.

Bei einem Besuch der Wagner-Festspiele in Bayreuth wurde Bloch vom Bau der Mauer überrascht und blieb im Westen. Die 68er Studentenbewegung begleitete er mit großer Sympathie und war mit Rudi Dutschke eng befreundet. Er starb 1977.

Grundgedanken seines Werkes

Bloch hat viel zur Rehabilitierung der Utopie getan. Er hat nachgewiesen, dass sie sehr wohl in Gestalt des Prinzips Hoffnung in eine Praxis der Emanzipation münden kann.

Ernst Bloch nennt das eine "konkrete Utopie" - für ihn ist dies kein Widerspruch und bewusst gegen die romantische Utopie gerichtet, die sich an der eigenen Unerfüllbarkeit weidet. Konkrete Utopie braucht Hoffnung - bei Bloch gibt es kein "jenseits der Hoffnung". Sie kann enttäuscht werden, aber sie stirbt nicht. Das Prinzip ist so stark, dass es sich jeder Katastrophe widersetzt. Eine Flagge kann auch dann noch an den Mast genagelt werden, wenn das Schiff untergeht, so Bloch. Bloch hofft auch wider alle Hoffnung. und überwindet damit die größte Gegenutopie - den Tod.

http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/62446/index.html

Manchem Leser mögen philosophische Texte diverser Autoren (wie etwa in der Schule behandelt) als sehr abgehoben, verkopft und abseits von Gefühlen und Empfindungen erscheinen. Doch dem ist nicht so bei Ernst Bloch. Bloch vermag es auch, sehr existenziellen Gefühlen, die jedem Menschen, unabhängig von ihrem Bildungsgrad vertraut sind, philosophisch zu betrachten.

"Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Was erwarten wir? Was erwartet uns? Viele fühlen sich nur als verwirrt. Der Boden wankt, sie wissen nicht warum und von was. Dieser ihr Zustand ist Angst, wird er bestimmter, so ist er Furcht.
Einmal zog einer aus, das Fürchten zu lernen. Das gelang in der eben vergangenen Zeit leichter und näher, diese Kunst ward entsetzlich beherrscht. Doch nun wird, die Urheber der Furcht abgerechnet, ein uns gemäßeres Gefühl fällig.
Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern."
(Aus dem Vorwort von „Prinzip Hoffnung“)

In einer Zeit, wo die neoliberale Propaganda uns allen einzutrichtern versucht, dass es zur gegenwärtigen Realität keine Alternative gäbe, ist es wichtig, eine Gegenposition zu beziehen, die das „Noch-Nicht-Sein“ in den Mittelpunkt des Denkens und Handelns stellt.

„Sozialutopie arbeitete als ein Teil der Kraft, sich zu verwundern und das Gegebene so wenig selbstverständlich zu finden, dass nur seine Veränderung einzuleuchten vermag.“

Ernst Bloch spricht in seinen Werken aber nicht nur das Gefühl an, sondern auch das Denken.

„Denken heißt Überschreiten. Freilich, das Überschreiten fand bisher nicht allzu scharf sein Denken. Oder wenn es gefunden war, so waren viel zu schlechte Augen da, die die Sache nicht sahen. Fauler Ersatz, gängig-kopierende Stellvertretung, die Schweinsblase eines reaktionären, aber auch schematisierenden Zeitgeistes, sie verdrängten das Entdeckte“. (Bloch, 1954-59: 2)

Blochs gesamtes Denken ist nach vorn, nicht nach rückwärts gerichtet.

„Nur jenes Erinnern ist fruchtbar, das zugleich erinnert, was noch zu tun ist.“ - Ernst Bloch; zit. nach Dr. Reinhard Gaede in CuS 4.1998

Einige von Ernst Blochs Sätzen sind wahre Edelsteine in ihrer Kürze und Prägnanz.

„Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ (Bloch, 1963: 11)

Getreu der Marxschen These über Feuerbach „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern“ bleibt Blochs Philosophie nicht in der bloßen Betrachtung stehen, sie ist appellativ und fordert zum Handeln auf.

„Ich bin. Wir sind. Das ist genug. Nun haben wir zu beginnen. In unsere Hände ist das Leben gegeben. Für sich selber ist es längst schon leer geworden. Es taumelt sinnlos hin und her, aber wir stehen fest, und so wollen wir ihm seine Faust und seine Ziele werden.“ (aus Geist der Utopie)

Persönliche Erinnerung
Ich hatte die Ehre, im Jahr 1971 dem großen Philosophen anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Ludwigshafen persönlich zu begegnen. Damals war ich ein „rebellischer Schüler“, der gemeinsam mit anderen meiner „Art“ in den Empfang der Stadtverwaltung eingeschleust worden war (von unserem Sozialkundelehrer), gekleidet in Jeans und Parka, lange Haare und so weiter, Sie wissen schon.
Der gesamte Festsaal war voller Schlips- und Anzugträger, trotzdem ließ es sich Ernst Bloch nicht nehmen, ausdrücklich unsere Bekanntschaft zu machen und ein längeres Gespräch mit uns zu suchen, sehr zum Verdruß mancher Schlipsträger, die sich lieber gemeinsam mit dem Geehrten auf Pressefotos ablichten lassen wollten.
„Sehr sympathisch“ sprach Ernst Bloch bedeutsam und drückte jedem von uns kräftig die Hand.
Gemäß dem Vers „Geschlagen ziehen wir nach Haus, die Enkel fechtens besser aus“ sah er uns politisierende Hippies wohl als seine Enkel an und behandelte die Statisterie der Anzugtypen wie die Theaterkulisse einer grotesken Komödie, die eigentlich niemanden wirklich interessiert. Die Ehrenbürgerschaft der Stadt Ludwigshafen, so sagte er uns, sei ihm eigentlich „wurscht“, viel eher ziehe er es vor, mit der rebellischen Jugend ins Gespräch zu kommen.
Ich weiß nicht, ob die beistehenden CDU- und SPD – Honoratioren in dem Augenblick entsetzt die Augen verdrehten, denn zu sehr zog mich die trotz ihres hohen Alters kraftstrotzende Persönlichkeit Blochs in den Bann.
So konnten wir „Paradiesvögel“ uns ungehindert an den Schnittchen und Fleischbällchen des Büffets delektieren, uns mit dargebotenen Zigarren ausstatten und die irritierten Blicke der Honoratioren genießen, wenn wir mit Ernst Bloch wie alte Bekannte über Politik und gesellschaftliche Utopien parlierten.
Die Begegnung erschien mir in einem gewissen Sinne schicksalhaft. Sie wirkte auf mich wie ein Steilpass im Fußball, oder auch wie die Übergabe eines Staffelholzes beim Staffellauf.
Und dabei ging es eindeutig nicht um gesellschaftlichen Rang, sondern um eine gewissermaßen geistige Potenz, dem „Geist der Utopie“.

Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern.

Blochs unsterbliches Verdienst bleibt, das Prinzip Hoffnung als Virus in unser Denken eingepflanzt und damit eine Idee geschaffen zu haben, die so konsequent und vollkommen ist, wie ein Kunstwerk.
Doch eine Idee wird erst dann zur materiellen Macht, wenn sie viele Menschen ergreift. Das ist eine Aufgabe nicht für die Philosophie, sondern für die tägliche Praxis.

Einige Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Bloch
http://www.bloch.de/
http://www.ernst-bloch-gesellschaft.de/
http://www.ernst-bloch.net/
http://www.bloch-akademie.de/

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