Gemeinschaft und Integration

Samstag, 7. Juni 2008

Integration als Hauptaufgabe der Gemeinschaftsbildung

Dieser von -raven- verfasste Artikel erschien erstmals 2005 in der Printausgabe der NHZ Nr.10

Vorwort

Zweifellos gibt es eine ansteigende Anzahl von Menschen, die in den traditionellen Lebensformen Kleinfamilie / Single /Alleinerziehend / hierarchische Betriebe etc nicht mehr Leben wollen und gewissermaßen instinktiv nach einem gemeinschafts¬orientierten Leben streben und sich sehnen. Die Erfahrung zeigt gleichwohl, dass Gemeinschaftsleben meist nicht so einfach ist, wie viele es sich vorstellen. Es ist nämlich keinesfalls so, dass sich der Gemeinschaftssuchende sich einfach „in die Gemeinschaft fallen lassen“ kann, wenn er denn eine findet. Wo sich jemand fallen lassen will, da muß auch jemand auffangen und auffangen können, denn was ist, wenn alle sich einfach nur fallen lassen und niemand da ist, der sich Fallen-Lassende auffängt?
Hinzu kommt, dass persönliche Ressentiments und Antipathien oft schon in Gründungsphasen potentielle Gemeinschaften auseinanderreißen und sprengen. Ja, es ist sogar so, dass Gruppen, die sich den Aufbau einer, wie auch immer gearteten, personen- und beziehungsorientierten (Wohn-/Lebens-/Haus-) Gemeinschaft vorgenommen haben, überdurchschnittlich oft zerfallen oder sich zerstreiten, jedenfalls häufiger, als es bei rein aufgabenbezogenen Gruppen wie Bürgerinitiativen, Betriebe, Vereine etc der Fall ist.
Woran liegt das? Die Antwort darauf ist zunächst profan: es liegt an Konflikten, genauer an ungelösten Konflikten. Konflikte werden – so sie nicht vertuscht werden – entweder konstruktiv gelöst oder führen zur Auflösung des Zusammenhanges aufgrund unvereinbarer Interessen.
Dieser Aufsatz soll dieses für jede Gemeinschafts¬bildung essentielle Thema beleuchten.

Konflikt und Gemeinschaft


Warum gibt es nur immer so viele Konflikte, wenn es um Gemeinschaft geht? Die Frage lässt sich leicht beantworten: Weil der Konflikt das zentrale Wesensmerkmal von Gemeinschaften ist. Vorausgesetzt, dass unter einem Konflikt ein Interessensgegensatz verstanden wird. Konflikt (lat.: confligere = aneinandergeraten, kämpfen) ist die Folge von wahrgenommenen Differenzen, die gegenseitig im Widerspruch stehen und eine Lösung erfordern. So die enzyklopädische Definition des Wortes Konflikt. Deswegen ist die erfolgreiche Anwendung von Konfliktlösungsmethoden eine Überlebensstrategie für jede Gemeinschaft.
Warum ist also der Konflikt ein zentrales Wesensmerkmal von Gemeinschaft? Einfach weil Menschen sich nun einmal durch divergierende und konvergierende Interessen auszeichnen, und die Kunst der Gemeinschaftsbildung darin besteht, mit diesen Divergenzen und Konvergenzen umzugehen.

Konflikt als Gefahr und als Chance


Konflikte können zweifellos Gruppen und kleine Gemeinschaften zerreißen. Oft herrscht deswegen die Ansicht vor, alles würde gut, wenn die konfliktträchtigen Personen aus der Gruppe hinausgedrängt werden, so dass nur eine konfliktarme Gruppe zurückbleibt. Das läuft schnell auf Ausgrenzung oder sogar Mobbing hinaus.
Theoretisch haben viele schon davon gehört, dass jeder Konflikt eine Wachstumschance darstellt, so verkünden es nicht nur verschiedene spirituelle oder religiöse Lehren, sondern auch zahlreiche Therapie- und Sozialpsychologiekonzepte. Doch ein Konflikt führt nicht zwangsläufig zum Wachstum, vielmehr stellt er vor die Alternativen Wachstum oder Zerfall.

Das persönliche Ressentiment: der Spaltpilz des Gemeinschaftswunsches

Vorderhand zerreißen oder sprengen persönliche Ressentiments einzelner Menschen zu anderen einzelnen Menschen sehr häufig die Gruppenzusammenhänge von Gründergruppen, was bisweilen den Wunsch aufkommen lässt, nur ressentimentfreie Gruppen zu formieren, in denen „sich alle gut verstehen“ und es „keine Ressentiments gibt“. Es ist jedoch naiv zu glauben, dass ein momentanes „gutes Gruppenklima“ allein eine tragfähige Basis für eine dauerhafte Gemeinschaftsbildung ist. Sicherlich ist ein gutes Kommunikationsklima ein zentrale Säule einer stabilen Gruppenbildung, doch ist gutes Kommunikationsklima in aller Regel das Ergebnis angewandter integrativer Kommunikationsmethoden. Zweifellos hat jede Leserin und jeder Leser schon Gruppenprozesse erlebt, wo ein scheinbar gutes Gruppenklima aufgrund von bedeutungslos erscheinenden Begebenheiten urplötzlich „umkippt“ und aus der scheinbar harmonischen Gruppenbildung jahrelange Feindschaften hervorgehen. Sicherlich haben solche Begebenheiten mit schlechten traditionellen Kommunikationsmethoden zu tun, mit nötigungsorienter Kommunikation, Versuchen, andere Menschen durch gezielt ausgelöste schlechte Gefühle, Vorwurf, Zwang, Drohung etc. zu irgendetwas zu zwingen, oder mit Abwertungsbotschaften in Wort und Geste.

Konflikte sind nicht unbedingt "Missverständnisse"

Doch es wäre eine Täuschung, nur untaugliche Kommunikationsmethoden – die sicherlich eine ständige Problematik darstellen – für die Schwierigkeiten beim Gemeinschaftsaufbau verantwortlich zu machen. Nicht alle Konflikte sind bloße „Missverständnisse“, die sich einfach dann auflösen, wenn nur alle Beteiligten ehrlich und transparent sind. Diese naive Auffassung wurde durchaus schon von einigen Gründergruppen vertreten, die beispielsweise die unablässige Anwendung einer Kommunikationsform wie beispielsweise das ZEGG – inspirierte „Forum“ für das Allheilmittel der Gemeinschaftsbildung halten.
Auch ist der bloße Wunsch, Konflikte mögen sich doch bitte auflösen, beschwörend geäußert, ist noch keine Konfliktlösung.
Sicher basieren viele Konflikte auf sogenannten „Missverständnissen“, gewissermaßen „falsch“ interpretierten Äußerungen oder Verhaltensweisen. Aber nicht alles ist bloßes „Missverständnis“, was ist mit handfesten Interessenkonflikten?

Minimalkonsens - Gruppen

Das Dilemma kleiner Gründungsgruppen: Minimalkonsens
Viele Gründungsgruppen, die sich vornehmen, zu einer Gemeinschaft heranzuwachsen, einigen sich häufig schnell darauf, den „kleinsten gemeinsamen Nenner“ zu finden, gewissermaßen den Minimalkonsens, bei dem niemand mehr „Nein“ sagt.
Das scheint bestechend und logisch zu sein, und doch ist der Keim zum Scheitern im Konzept des Minimalkonsenses bereits angelegt. Menschen suchen Gemeinschaft aus emotionalen wie aus rationalen Gründen. Menschen haben Ziele, Wünsche, Visionen oder schlicht und einfach Bedürfnisse. Minimalkonsens bedeutet nichts anderes als einen kollektiven Kompromiss. Ein Kompromiss ist – per Definition - die Lösung eines Streites durch Verzicht beider Seiten auf einige der gestellten Forderungen. Ein Kompromiss findet dann statt, wenn keine der beiden Seiten genug Einfluss besitzt die eigenen Ziele konsequent und vollständig durchzusetzen. Ein Minimalkonsens lässt daher alle Beteiligten letztlich zu Verlierern werden, denn Kompromiss bedeutet letztlich Verzicht, für einige oder gar für alle. Kein Mensch wird dauerhaft bei einer Gemeinschaft bleiben, die ihn zum Verzicht zwingt, selbst wenn diese Gemeinschaft gerechterweise ALLE zum Verzicht zwingen sollte.
Aus diesen Erwägungen folgt, dass eine Gemeinschaft sich erst dann durch hohe Bindungskraft auszeichnet, wenn sie sicherstellt oder zumindest in Aussicht stellt, dass alle ihre Mitglieder ihre Ziele, Wünsche, Visionen, Bedürfnisse, Anliegen etc. durch die Hilfe und Unterstützung der Gemeinschaft verwirklichen können.

Alternative zum Minimalkonsens?


Diese Frage drängt sich natürlich auf, nachdem ich Grenzen und Schwächen einer Minimalkonsens – Gruppe aufgewiesen habe: gibt es denn eine Alternative zum Minimalkonsens. Wollen wir mal versuchen…. Rein semantisch (hinsichtlich der Wortbedeutung) wäre eine „Maximalkonsens – Gruppe“ das Gegenteil einer Minimalkonsens – Gruppe. Maximalkonsens würde bedeuten, dass alle Gruppenmitglieder ihre maximalen Ziele in der Gruppe und durch die Gruppe verwirklichen könnten. Das klingt wie die Quadratur eines Kreises, scheint auf den ersten Blick eine Unmöglichkeit zu sein. Aber ist es das wirklich?
Es hängt letztlich nur von der Haltung der Gruppe ab. Gesetzt den Fall, die Verabredung, das Reglement der Gruppe sieht vor, dass jedes Gruppenmitglied innerhalb der Gruppe nicht nur die eigenen Interessen „durchsetzen“ will, sondern auch die aller anderen, und gesetzt den Fall, alle Gruppenmitglieder würden sich auch an dieses Reglement halten, dann würde das auch funktionieren.
Wie ist das jetzt aber in einer Situation, wenn unmittelbare Interessen krass auseinanderfallen? Wenn etwa A einen Tauchurlaub möchte, B einen Skiurlaub, C eine Hochgebirgswanderung, D einen Strandurlaub und E einen Ausflug zum Mond – eine echte Herausforderung für Integration! Wir wollen es nicht übertreiben, für den Gemeinschafts¬bildungsprozeß reicht eine „Optimalkonsens-Gruppe“ völlig aus, die sich bemüht, die Interessen, Ziele und Wünsche aller soweit als machbar und möglich erfüllen möchte.

Eine kleine Anekdote


Vor vielen Jahren was ich – als Bundeswehrsoldat – auf einer Art Rüstzeit in Kloster Maria Laach. Damals neigte ich dazu, das muß der Ehrlichkeit halber gesagt werden, sowohl die Bundeswehr als auch das christliche Kloster ausschließlich aus dem Blickwinkel eines revolutionären Linken zu sehen. Trotzdem gab es eine Begebenheit, die mich damals sehr beeindruckte, und an die ich mich immer wieder erinnerte.
Bei einer der seminaristischen Veranstaltungen erzählte einer der Mönche vom Mönchsleben, wonach sich einige Teilnehmer interessiert erkundigten. Natürlich bestand der Alltag im Kloster, so der Mönch, nicht ausschließlich aus Gebet und Kontemplation. Vielmehr würden alle Mönche auch ihren persönlichen Neigungen nachgehen, und diese versuchen, ins Gemeinschaftsleben einzubringen. So gäbe es Schreiner, Winzer, Brauer etc. unter ihnen. Die Klostergemeinschaft würde versuchen, jede der verschiedenen Fähigkeiten und Neigungen konstruktiv ins gemeinsame Ganze zu integrieren. „Wissen Sie, einer von uns ist sogar Ethnologe. Der verkümmert uns, wenn er nicht mindestens einmal im Jahr eine Weltreise machen kann, die wir ihm natürlich ermöglichen“.
Das blieb mir bis heute im Gedächnis. Schon damals ging mir durch den Kopf: eine Weltreise, exklusiv für jenen einen? Und was ist mit den anderen? Aber dieser eine würde verkümmern ohne Weltreise, die anderen nicht. Und außerdem: werden die Kosten dieser Weltreise für den einen – zu Lasten der Gemeinschaft -. nicht aufgewogen durch den gewaltigen Zugewinn, den diese Klostergemeinschaft dadurch erfährt, daß einer der weltbekanntesten Ethnologen in ihren Reihen lebt?
Heute habe ich begriffen, daß diese kleine Anekdote der Schlüssel sein kann für das Verständnis dessen, was man Integration nennt. Und ich lernte zum ersten Mal in meinem Leben kennen, was eine Optimalkonsensgruppe sein kann.

Was ist Integration?

Der Begriff Integration (aus: lateinisch integer griechisch entagros = "unberührt", "unversehrt", "ganz"), zu deutsch Herstellung eines Ganzen, bezeichnet in der Soziologie das Einbinden in eine größere soziale Gruppe. Integration meint nach sozialpolitischem Verständnis den Prozess, durch den bisher außen stehende Personen oder Gruppen zugehörige Glieder einer größeren sozialen Gruppe oder auch Gesellschaft werden sollen. Die Wortwurzel mit der ursprünglichen Bedeutung von „unberührt“ und „ganz“ ist ein Hinweis darauf, daß dieser Glied-Werdungs-Prozeß das zu Integrierende in seiner Eigenart unberührt und ganz sein läßt.
Im allgemeinen sprechen wir von Integration, wenn beispielsweise eine kleinere Gruppe in einen größeren Rahmen hineingeht. So spricht man ja oft von Ausländerintegration, z.B. bei einwandernden Arbeitsmigranten. Das muß nicht unbedingt zahlenmäßig verstanden werden, es kann durchaus eine zahlenmäßig starke Gruppe in einen größeren geistigen Rahmen aufgenommen werden. Es geht letztlich auch nicht um Größer oder kleiner, auch die Vereinigung zweier gleich starker oder großer Gruppen, eine Fusion also, wäre in jedem Fall ein doppelter Integrationsprozess.

Integration versus Assimilation

Es handelt sich bei Integration nicht um eine Assimilation (völlige Anpassung) an ein bereits bestehendes 'Ganzes', sondern um die kombinatorische Schaffung eines neuen Ganzen unter Einbringung der Werte und Kultur der außen stehenden Gruppe in die neue Gesellschaft, bei Erhalt einer eigenen 'Identität'.
Assimilation dagegen bedeutet nach Wikipedia, der Online – Enzyklopädie:
„Assimilation bezeichnet in der Soziologie die Übernahme einer vorherrschenden Kultur durch Individuen oder Gruppen. Üblicherweise wird Assimilation mit der Anpassung von Einwanderern an die Gebräuche ihres Aufnahmelandes verbunden.“
Assimilation ist also das Gegenstück, der Antipode zur Integration. Assimilation bedeutet die Aufgabe der eigenen Identität dessen, was in das größere Ganze übergeht.
Nach der heutigen Akkulturationsforschung lassen sich vier Akkulturationsstrategien unterscheiden, definiert über die Fragen,
- ob die Minderheitengruppe die eigene Kultur beibehalten will/soll oder nicht und
- ob irgendeine Form des Kontakts zwischen Mehrheit und Minderheit bestehen soll oder nicht.
Je nachdem wie diese Fragen beantwortet werden, ergibt sich
- Werden beide Fragen mit Ja beantwortet, spricht man von Integration.
- Kultur nein/Kontakt ja: Assimilation.
- Kultur ja/Kontakt nein: Separation.
- und bei Verneinung beider Fragen: Marginalisierung oder Exklusion.
(Sinngemäß nach http://de.wikipedia.org/wiki/Akkulturation)
Ohne diese komplexe Begrifflichkeit jetzt vertiefen zu wollen möchte ich festhalten: es geht im weiteren um Integration als permanente Hauptaufgabe von Gemeinschaftsbildung.
Komponenten von Integrationskraft
Integrationskraft zerfällt aus meiner Sicht in mindestens zwei voneinander zu unterscheidenden Komponenten:
- der Integrationswille (wen oder was wollen wir integrieren)
- die Integrationsfähigkeit (wie und wen können wir integrieren)
Unter Integrationswille ist die Haltung der integrierenden Gruppe oder Person zu verstehen. Wen oder was will sie integrieren? Wo sind die selbstgewählten Integrationsgrenzen? Der Integrationswille ist wiederum abhängig vom Integrationshorizont.

Integrationsfähigkeit ist dagegen eine Angelegenheit der Methode: wie und mit welchen Mitteln wird versucht zu integrieren? Es handelt sich hier vor allem um Inhalt und Form von Kommunikationsprozessen. Integrationsfähig ist nur, wer kommunikationsfähig ist, und das bedeutet zweierlei: die Fähigkeit, sich zutreffend mitzuteilen, und die Fähigkeit, zuzuhören und die Intentionen des anderen zu erfassen.

Integrationswille mal Integrationsfähigkeit ist gleich Integrationskraft (IW * IF = IK) , so könnte man formulieren, und aus meiner Erfahrung kann man damit sogar recht zuverlässig Gruppenstrukturen und –dynamiken einschätzen. Bei der Beurteilung von Gruppen hinsichtlich ihrer Integrationskraft kann eben diese Unterscheidung beider Faktoren sehr hilfreich sein.
Es gibt Gruppen, die über einen großen Integrationswillen verfügen, deren Integrationsfähigkeit aber begrenzt ist. Das wären Gruppen, die beispielsweise sehr „missionarisch“ auftreten, aber ein geringes Umfeld haben.
Es gibt umgekehrt Gruppen, deren Integrationsfähigkeit groß, aber deren Integrationswillen klein ist. Diese zeichnen sich meist durch Abschließung und Verkrustung eines inneren Kerns aus.

Integrationswille und Integrationshorizont


Ich möchte noch das Augenmerk auf einen anderen Umstand lenken. Integrationswille hat auch noch so etwas wie eine „Reichweite“, das will heißen: wen oder was will man eigentlich integrieren? Die ganze Menschheit? Bewohner einer bestimmten Region? Einer Stadt? Menschen bestimmter Ansichten oder Neigungen? Nur sympathische Menschen? Nur schöne Menschen? Nur attraktive Menschen?
Diese Frage ist nicht unwichtig, natürlich ist es möglich, quasi spirituell aber abstrakt („alles ist eins“) die Welt umarmen zu wollen (ironisches Beispiel: einschließlich aller Nazis, Taliban, Öl – Plutokraten etc?). Praktisch aber wird der Integrationshorizont immer begrenzt sein, und es ist wichtig, diesen Horizont mit Augenmaß und Klarheit festzulegen. Auch eine friedlich geeinte Menschheit wird sicherlich gegliedert sein, in verschiedenen Gruppenzusammenhängen und auf verschiedenen Ebenen (z.B. ökonomisch, politisch, sexuell-erotisch, sippenmäßig etc.).
Aber jede konkrete Gruppierung (Hausgemeinschaft, Stamm, Gruppenehe etc.) wird einen konkreten Integrationshorizont haben müssen. Integrationshorizont ist gewissermaßen der Umfang des Integrationswillens.


Integrationskraft und Toleranz

Im Zusammenhang mit Integration fällt immer wieder der Begriff „Toleranz“, und zwar als positiver Wert. Integration basiert demnach auf Toleranz im Sinne von „die soziale, kulturelle und religiöse Nichtverfolgung von Einzelnen oder Gruppen, deren Glaubens- und Lebensweise vom etablierten religiösen oder gesellschaftlichen System abweichen“ (Online – Enzyklopädie Wikipedia). Im erweiterten Sinne bedeutet es, den anderen (zu Integrierenden) in seiner Besonderheit stehen zu lassen, ohne ihn verformen zu wollen. Gewiß ist Toleranz eine wichtige Voraussetzung von Integration – ich kann nur integrieren, wen ich auch in seiner Besonderheit belasse, toleriere, nicht ausgrenze und nicht verfolge.
Aber es ist ein Trugschluß, Toleranz für einen hinreichenden Faktor von Gemeinschaftsbildung zu halten (wiewohl sie sicherlich notwendig ist). Einfach gesagt: Toleranz alleine macht es nicht, es muß aktive Integrationsarbeit gemacht werden, damit ein Gemeinschaftsprozeß in Gang kommt.


Integrationskraft und Anziehungskraft


Integrationskraft darf keinesfalls mit Anziehungskraft verwechselt werden. Vielmehr ist Anziehungskraft ein vollkommen eigene Kategorie.

Folgendes Beispiel mag einleuchtend sein: eine charismatische Musikband kann eine sehr große Anziehungskraft haben, zehntausende kommen zu ihren Konzerten, aber ihre Integrationskraft ist fast gleich null, weil sie sich nicht um diese zehntausende vergrößern wird und will und kann.
Gewiß ist Anziehungskraft (man kann auch sagen Attraktivität) für eine Gemeinschaft unter Umständen auch sehr wichtig, aber sie mit Integrationskraft zu verwechseln kann verhängnisvoll sein. Umgekehrt ist es auch denkbar, dass eine Gruppe eine hohe Integrationskraft, aber geringe Attraktivität besitzt. Ob das gewollt ist, hängt vom Integrationswillen ab.
Möglicherweise lohnt sich an dieser Stelle die Einführung eines weiteren Begriffes: Bindungskraft. Demnach wäre Bindungskraft = Integrationskraft * Anziehungskraft.
Aber das wäre ein erweitertes Thema, auf das wir sicher noch in anderen Artikeln eingehen werden.

Integrationsbereitschaft, Integrator, Integrand

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Faktor in dem Prozeß, den wir Integration nennen. Natürlich kann nur integriert werden, wer sich auch integrieren möchte (ich vermeide die Formulierung „sich integrieren lassen will“). Umgekehrt heißt das: Integration aufgrund von Zwang oder Nötigung ist zwar theoretisch möglich (und die Geschichte liefert uns zahllose Beispiele), aber für die Gemeinschaftsbildung zweifellos nicht sinnvoll und nicht anzustreben. Integrationsbereitschaft nenne ich also die Willensentscheidung des zu Integrierenden, den Integrationsrahmen zu akzeptieren.
Wenn wir von Integration sprechen, dann meinen wir die Ein – Gliederung einer kleineren Gruppe oder einer Einzelperson in einen größeren Verband (z.B. die Integration der türkischen Migranten in die deutsche Gesellschaft). Nur hilfsweise nenne ich den größeren Verband (integrierend) Integrator, und das Sich-integrierende Integrand. Solche Integrationsprozesse sind ständige Wegbegleiter eines Gemeinschaftsbildungsprozesses, nämlich immer wenn ein neues Mitglied zu einer Gruppe hinzukommt.
Aber auch in einer bestehenden Gruppe stellt sich ständig das Integrationsthema, denn jeder einzelne ist als Gruppenmitglied in einer ständigen Doppelrolle als Integrator und Integrand gleichzeitig.

Schritte der Integration

Bloße Toleranz reicht also nicht aus, um einen erfolgreichen Integrationsprozeß einzuleiten, geschweige denn zur Vollendung zu bringen. Vorausgesetzt, dass Integration immer auch Ziele, Wünsche und Bedürfnisse aller Beteiligten mit einschließt (Ziel – Integration), ergeben sich folgende Prozessstufen:
1. Alle Beteiligten müssen sich über den eigenen konkreten Integrationshorizont im Klaren sein. Dies gilt sowohl für die Integrator – Gruppe als auch den Integrand.
2. Alle Beteiligten sollten ihre eigenen Ziele, ihre Wünsche, ja auch ihre Bedürfnisse kennen und benennen können.
3. Die Kommunikation, d.h. die Mitteilung dieser Ziele, Wünsche, Bedürfnisse an die anderen.
4. Das Verstehen, Begreifen der Ziele, Wünsche, Bedürfnisse der anderen.
5. Das aktive Anknüpfen an den Zielen, Wünschen, Bedürfnissen der anderen und die Suche nach Möglichkeiten der Verknüpfung der eigenen Ziele mit denen der anderen.
6. Die Bildung eines gemeinsamen Zielkomplexes aller Beteiligten, so dass alle allen bei der Erreichung ihrer Ziele helfen. Oft findet sich, dass die Kombination vieler Einzelziele zu einem gemeinsamen Zielkomplex in übergreifenden Projekten die Gemeinschaft insgesamt auf eine höhere Ebene hebt.

Der aus der Zielintegration hervorgehende Prozeß führt dann – wenn erfolgreich durchgeführt – zur Synergie (Zusammenwirken von Energien). Letztlich ist das die Formel des Gemeinschaftsbildungsprozesses.
Dieser Prozeß ist keinesfalls als einmaliger, zeitlich befristeter zu verstehen, sondern als ein permanenter, immerfort währender. Der permanente Integrationsprozeß IST Gemeinschaftsbildung im ursprünglichsten Sinne des Wortes.
So kommen wir auch zum Stichwort des Konfliktes wieder zurück.
Konflikte sind, so sagten wir, Interessengegensätze. Gegensätze können kämpferisch ausgetragen werden, indem sich ein Interesse gegen das andere durchsetzt. Dann gibt es einen Verlierer und einen Gewinner. Gegensätze können durch Kompromisse scheinbar beigelegt werden, indem jeder zurücksteckt auf einen gemeinsamen Minimalkonsens, der letztlich alle zu Verlierern macht.
Gegensätze können aber auch auf einer höheren Ebene aufgehoben werden, auf der die Gegensätze aufgehoben werden. Das bezeichnet man auch als das Prinzip der Dialektik auf der philosophischen Ebene: aus These und Antithese wird eine Synthese. Auf der pragmatischen Ebene nennt man den Prozeß auch Integration und das Ergebnis als Synergie (Zusammenwirken der Energien).

Kardinalsatz: Integration ist, wenn niemand seine Ziele aufgeben oder einschränken muß, sondern alle Ziele in einem gemeinsamen Zielrahmen vereint sind.

Nemetien als integratives Projekt

Nemetien ist als Projekt insgesamt auf Integration ausgerichtet. Integration ist die zentrale Absicht des Projektes. Der Integrationshorizont ist durch die sieben Leitideen definiert, sowie durch einen nicht zu scharf abgegrenzten geographischen regionalen Rahmen (Oberrheinische Tiefebene mit Pfalz/Baden als Zentrum).
Der Integrationswille besteht darin, alle Menschen, die dem Integrationshorizont (so sie ihn denn erfahren und kennen), in einem Netzwerk, basierend auf freiwilligen Zusammenschlüssen, zu verknüpfen und zu einer Kraft zu vereinen, die ein regionales Zukunftsmodell in die Welt zu setzen vermag.
Die Integrationsfähigkeit basiert natürlich auf der Fähigkeit der nemetischen Kerngruppen, integrative Fähigkeiten zu entwickeln, nämlich Menschen oder Menschengruppen, die dem nemetischen Projekt mit seinen Leitideen zugewandt sind, unter Wahrung ihrer eigenen Identitäten und Zielvorstellungen in den Rahmen des Nemetischen Projektes aufzunehmen. Natürlich setzt das die Integrationsbereitschaft der Integranden voraus, nämlich die Unterstützung des nemetischen Projektes und seiner Sieben Leitideen. Es macht keinen Sinn, jemanden in einen Rahmen hineinzudefinieren, in den er/sie gar nicht eintreten will. Ohne Zweifel ist das der Ausgangspunkt eines künftigen umfassenden gemeinsamen Lernprozesses.

Abschließende Worte

Bloßer Gemeinschaftswunsch, bloße Sehnsucht nach Heimat, Heimeligkeit und Annahme schafft noch keine Gemeinschaft, und bloße Toleranz auch nicht.
Gemeinschaftsinitiativen zeichnen sich gar zu oft schon in der Gründungsphase durch Ausgrenzungsprozesse aus, die meist auf diffusen emotionalen Sympathien und Antipathien beruhen. Das mag für Neigungsgruppen angehen ( z.B. kleine Freundeskreise, Cliquen etc.), für einen komplexeren Gemeinschaftsbildungsprozeß ist das abträglich. Nicht dass persönliche Sympathien und Antipathien keine Rolle spielen sollten bzw unter den Tisch gekehrt oder vertuscht werden sollten. Doch wenn das persönliche Ressentiment den Vorrang vor der Integrationskraft bekommt, dann stirbt auch der Gemeinschaftsprozess.
Integration ist eine Kunst, deren Methoden und Techniken gut gelernt sein wollen, vor allem wenn es um Integration auf der Basis von Freiwilligkeit geht. Hier ist die Fähigkeit gefragt, an den Zielen und Wünschen der anderen anzuknüpfen und sie mit den eigenen auf einer höheren Ebene zu verbinden.
(raven 2005)

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