Mittwoch, 4. Juni 2008

Alexandra Kollontai



"Die Frauen und ihr Schicksal beschäftigten mich ein Leben lang, und ihr Los war es auch, das mich zum Sozialismus führte", schrieb Alexandra Kollontai 1926 in ihrer "Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin", mit der sie auf ihre Zeit als revolutionäre Parteiarbeiterin in Russland zurückblickte.

Kollontai war in der Geschichte der russischen Revolution eine außerordentlich schillernde und auch widersprüchliche Person. Sie entstammte einer alten Adelsfamilie und war eine außerordentlich renitente und rebellische Tochter. Sie ertrotzte gegen den Willen ihrer Eltern eine Ehe "unter Stand" mit einem mittellosen Ingenieur, den sie nach fünf Jahren aber wieder verließ.
Sie schloß sich als Alleinerziehende der russischen Sozialdemokratie an, wurde eine engagierte marxistische Autorin und war nach der Oktoberrevolution als Volkskomissarin für soziale Fürsorge die erste Ministerin der Welt.
Sie setzte in der jungen Sowjetunion durch, dass das Eherecht gelockert und der Mutterschutz verbessert wurde. Sie erkämpfte das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, schlug Volksküchen und kollektive Kindererziehung vor, propagierte sogenannte Kommunehäuser, freie Liebe und freie Sexualität.
Als eine Führerin der "Arbeiteropposition" geriet sie 1921 u.a. auch in Disput mit Lenin und ging dann in den diplomatischen Dienst.
In ihren späten Jahren wurde sie Stalins treue Parteigängerin (meist als Diplomatin im Ausland) und sie entging als einzige Überlebende der bolschewistischen Führungspersonen von 1917 (außer Stalin selbst) den entsetzlichen Säuberungen der 30er Jahre, die das revolutionäre Erbe in der Partei auslöschten.
Sie starb vereinsamt und als ein Schatten ihres früheren Selbst selbst 1952.

Was sie unvergeßlich macht ist ihre Haltung zur Frauenfrage und zur Sexualität in den Jahren bis 1926.

Rote Liebe

Im Zentrum von Kollontais Denken über Sexualität stand folgende Analyse:
"Jede geschichtliche (und daher ökonomische Epoche in der Entwicklung der Gesellschaft hat ihr eigenes Eheideal und ihre eigene Sexualmoral" …
"Unterschiedliche wirtschaftliche Systeme haben unterschiedliche Moralkodizes. Nicht nur jede Stufe in der Entwicklung der Gesellschaft, sondern jede Klasse hat die ihr entsprechende Sexualmoral … "
"Je fester die Grundsätze des Privateigentums etabliert sind, desto strikter ist der Moralkodex."
"Das Liebesideal in der Ehe entstand in der bürgerlichen Klasse erst dann, als sich die Familie schrittweise von der Produktionseinheit in eine Konsumtionseinheit verwandelte und gleichzeitig zur Bewahrerin akkumulierten Kapitals wurde."


Die Familie als struktureller Garant des Privateigentums an Kapital, und nicht als Produkt eines Ideals von Liebe.

Dagegen hält sie die Liebe....

Die Liebe, schreibt sie, ist "ein grundlegend soziales Gefühl." Sie "keine rein ‚private‘ Sache zweier sich liebender Herzen: Liebe enthält ein für das Kollektiv wertvolles verbindendes Element."

Dies war für Alexandra Kollontai die Grundlage einer einer "proletarischen Moral", die "die die allumfassende und exklusive eheliche Liebe der bourgeoisen Kultur" durch "drei Grundprinzipien ersetzt":

"1.) Gleichheit in den Beziehungen …

2.) beiderseitige Anerkennung der Rechte des anderen, der Tatsache, dass niemand des Anderen Herz und Seele besitzt (jenes Gefühl des Eigentums, das sich in der bürgerlichen Kultur entwickelt hat),

3.) genossenschaftliche Sensibilität, das Vermögen, sich in die Vorgänge der Seele des vertrauten und geliebten Menschen hineinzuversetzen und sie zu verstehen (die bürgerliche Kultur forderte diese Feinfühligkeit in der Liebe nur von der Frau)."


Alexandra Kollontai glaubte an das revolutionäre Potenzial der Liebe zwischen freien Individuen, die nicht durch wirtschaftliche Abhängigkeit aneinander gebunden sind, nicht warenförmig sind und nicht possessiv (besitzend). Sie glaubte an den gesellschaftlichen Wert der auf Genossenschaft und Gleichheit beruhenden "Liebe-Solidarität" und daran, daß in einer kommunistischen Zukunftsgesellschaft diese "als jener Motor wirken (wird), der als Konkurrenz und Eigenliebe die bürgerliche Gesellschaft antrieb".

Auch trotz ihrer späteren Liebedienerei vor der arbeiterfeindlichen stalinistischen Diktatur möchte ich ihr Andenken als Vorkämpferin für eine von kapitalistischen Verwertungszwängen befreite Liebe und Lust zwischen befreiten Menschen als "ein für das Kollektiv wertvolles verbindendes Element" bewahren und ehren.

Sie war darin auch ihrer revolutionären Zeit weit voraus.

Ehre ihrem Andenken.

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