Freitag, 15. Februar 2008

Ordnung und Sauberkeit

----------------------------------------
Dieser Artikel von -raven- erschien in der Printausgabe der Nemetische Heimatzeitung Nr. 11 6.n.Z. (2006)
-----------------------------------------
Warum ein Artikel zu Ordnung und Sauberkeit in
einer Zeitschrift zur Gemeinschaftsbildung?
Scheinbar beantwortet sich die Frage selbst. Diese
beiden Begriffe sind der Quell gewiß von mehr als
der Hälfte von Zerwürfnissen vor allem in
Kleingemeinschaften.
Grund genug, dieses Thema einmal unabhängig von
einem konkreten Fall näher zu beleuchten. Es ist
ein sehr empfindliches Thema. Nach meiner
Erfahrung vermuten die meisten nicht in
Gemeinschaft lebenden Menschen in Örtlichkeiten
wie Küche und Bäder das größte Konfliktpotential.
Es sind Hellseher, denn in der Tat entwickeln sich
um derartige Örtlichkeiten gewöhnlich die
destruktivsten Auseinandersetzungen, die nicht
selten kleine Gemeinschaftsansätze geradewegs
auseinanderreißen. Das sollte Grund genug sein,
sich dieser Thematik zu widmen.
  • Die meisten Menschen kommen aus
    Lebensumständen, in denen sie – vor allem in
    Kindheit und Jugend – zu einem von den
    Erwachsenen definierten Niveau von Ordnung
    und Sauberkeit gezwungen worden sind. Die
    eigene Erfahrung der Zwanghaftigkeit wird
    meist dergestalt verinnerlicht, dass man meint,
    ohne Zwang und Nötigung sei Ordnung und
    Sauberkeit grundsätzlich nicht herstellbar. So
    wird die eigene Zwangserfahrung natürlich
    auch ungebrochen an die nachfolgenden
    Generationen weitergegeben.
  • Beide Begriffe Ordnung und Sauberkeit
    werden in ihrer wahren Bedeutung und
    Sinnhaftigkeit niemals hinterfragt, sondern
    meist als quasi moralische Grundwerte
    vorausgesetzt. Insbesondere fühlt sich der
    „Sauberere“ und der „Ordentlichere“ als besser
    als die „Unsauberen“ und „Unordentlichen“.
    Regelmäßig stellt sich heraus, dass die
    Vorstellungen über das, was ordentlich und
    sauber ist, zwischen den Beteiligten im Detail
    oft auseinanderklaffen, und zum Teil sogar auf
    verschiedenen Ebenen noch völlig
    unterschiedlich sind (jemand läßt das Geschirr
    stehen, aber ist akribisch und unduldsam in
    Fragen der Müllentsorgung). Trotzdem meinen
    alle Beteiligten oft, dass ihr eigenes
    Verständnis von Ordnung und Sauberkeit „das
    einzig richtige“ und das der anderen „das
    falsche“ ist.
  • Natürlich kommt es dabei auch zu der
    unvermeidlichen Erscheinung, dass Menschen,
    die einen lebenslangen inneren Krieg gegen die
    eigene „Schlampigkeit“ führen, diesen inneren
    Bürgerkrieg gern dadurch unterbrechen, indem
    sie ihren inneren Konflikt auf andere
    projizieren. Aus meiner Erfahrung ist gerade in
    diesem Bereich die Tendenz ungeheuer
    verbreitet, den Splitter im Auge des anderen
    anzuklagen, um den Balken im eigenen Auge
    zu vertuschen. Nach außen hat diese
    Doppelbödigkeit meist verheerende Folgen, da
    sie Vertrauen im Alltag zerstört und zu
    endlosen Grabenkriegen führt.
  • Oft sind Auseinandersetzungen über Ordnung
    und Sauberkeit Stellvertreterkriege für
    Konflikte auf ganz anderen Ebenen. So kann
    eine demütigende Bemerkung hervorragend
    gerächt werden, indem man den Beleidiger bei
    einer Nachlässigkeit erwischt und „zur Sau
    macht“ (verräterische Sprache!). Kriege um
    Sauberkeit und Ordnung entpuppen sich bei
    näherem Hinsehen oft als verschobene und
    damit unkenntlich gemachte Macht- und
    Revierkämpfe.


Um nicht missverstanden zu werden: wenn ich die
Begriffe Ordnung und Sauberkeit gewissermaßen in
Frage stelle, dann spreche ich mich nicht etwa für
Unordnung und Unsauberkeit aus, sondern möchte
die Aufmerksamkeit auf den subjektiven Charakter
beider Begriffe in konkreten Zusammenhängen
aufmerksam machen.
Letztlich hat jeder Mensch ein wie auch immer
geartetes Verständnis von Ordnung und Sauberkeit,
selbst der Obdachlose, der unter der Brücke
übernachtet.
Sauberkeit ist grundsätzlich eine willkürliche
Definition, denn die entgegengesetzte Definition
für „Dreck“ oder „Unrat“ ist ebenfalls willkürlich.
Die Online – Enzyklopädie Wikipedia schreibt
dazu: Ob eine Materieansammlung eine
Verschmutzung bildet ist orts- und zeitabhängig
und unterliegt teilweise auch subjektiven
Einschätzungen. Dreck oder Schmutz ist in diesem
Sinne das "falsche Ding zur falschen Zeit am
falschen Ort"
, oder „Dreck ist Materie am falschen
Platz“
. Dies setzt gleichwohl voraus, dass es eine
Definition von richtigem oder falschem Platz gibt.
Wo mehrere Menschen beteiligt sind, liegt es nahe,
dass diese Definition einvernehmlich gefunden
werden muß. Wo sie es nicht ist, da sind destruktive
Auseinandersetzungen geradezu vorprogrammiert.
Kaum anders verhält es sich mit dem Begriff
„Ordnung“. Ordnen heißt gestalten. Wo eine Seite
ihre Ordnungsvorstellungen gegen die andere
„durchsetzt“, da wird logischerweise der
Gestaltungswille einer Seite gebrochen. Wo aber
der Gestaltungswille mehrerer Menschen sich
kombiniert, da wird eine gemeinsame Ordnung
entwickelt.
Erhellend ist da ein Blick auf den aktuellen Stand
der Robotik. Warum gibt es trotz Internet noch
keine Haushaltsroboter, die mir meine Wohnung
sauber und ordentlich halten? Die Antwort ist
einfach: die Systementwickler stellten fest, daß die
Definition dessen, was ordentlich und sauber ist,
viel zu komplex ist, um einfach objektivierbar zu
sein. Freilich kann man heute schon staubsaugende
Roboter kaufen, die nach dem Zufallsprinzip den
Boden abfahren und saugen. Doch bereits ein Stück
Papier oder Plastik kann die Entscheidungsfähigkeit
einer solchen Maschine überfordern. Wann ist ein
Stück Papier Müll und wann ist es ein Geldschein
beispielsweise?
Wo kein gemeinsames und einvernehmliches
Verständnis von Sauberkeit und Ordnung
entwickelt wird, da entwickelt sich ein Herd
ständiger destruktiver Auseinandersetzungen.
Welche konkrete Ausformung Ordnung und
Sauberkeit innerhalb einer konkreten Gemeinschaft
annehmen, kann sehr unterschiedlich sein. Wichtig
ist lediglich, daß die Definition einvernehmlich
entwickelt wurde.
Natürlich ist diese Einsicht allein kein Patentrezept
für die Lösung aller Sauberkeits- und
Ordnungsfragen in Gemeinschaft, aber sie gibt die
Methode an, mit der die Konfliktlösung erfolgen
muß. Nicht der Disput darüber, welches „richtige“
und „falsche“ Auffassungen sind, sondern das
gemeinsame Bemühen darum, Lösungen zu finden,
die letztlich alle Beteiligten zufriedenstellen. Das
impliziert natürlich auch, die eigenen Vorstellungen
zu überprüfen.

-raven-

Freie Liebe?

Im Gemeinschaftsumfeld taucht immer wieder der Begriff „Freie Liebe“ auf, insbesondere wenn es sich um den Einflussbereich des ZEGG handelt.
Was verbirgt sich hinter dem Begriff?
Nun, platt gesagt, das was sich die jeweiligen Menschen darunter vorstellen. Und das kann sehr sehr unterschiedlich sein, sogar gegensätzlich.

Was ist also unter freier Liebe zu verstehen?

Tatsächlich scheint es keinen Begriff zu geben, der von unbedarften Menschen auf der einen Seite und böswilligen Verleumdern auf der anderen Seite nicht so schon so grob falsch interpretiert wurde.

Tatsächlich konnte ich persönlich die Erfahrung schon machen, dass Menschen aus der Peripherie des ZEGG (also Besucher, keine Bewohner) diesen Begriff als eine Art „Pflicht zu Offenheit“ verstanden. Vereinzelt gab es auch besonders „freie“ Männer, die das Argument „freie Liebe“ als eine Art „Verführungsinstrument“ verwendeten, das ganze eventuell noch mit einer Prise nötigungsorientierter Kommunikation wie „Ooch, bist du prüde“.
Solcherlei Dinge sind natürlich ein gefundenes Fressen für Berufsneurotiker, „Publizisten“ und „Sektenforschern“, die Gemeinschaftsansätzen unterstellen, als „Sekten“ ihre Mitglieder zu „möglichst viel Sex“ zu animieren oder gar Promiskuität zur „Pflicht“ zu erklären.
Sehr häufig lassen solche Anwürfe tiefer in die Psyche der Verleumder und ihrer verdrängten Bewusstseineinhalte blicken als in das reale Leben eines Gemeinschaftsansatzes (ich denke hier an die Boulevardpresse – Kampagnen gegen das ZEGG oder den Stamm der Likatier in den letzten 20 Jahren.. )

Das ZEGG jedenfalls hat zu solchen Projektionen von Freunden und Feinden unmissverständlich Stellung genommen:

Im ZEGG gibt es keine Pflicht zu »möglichst viel Sex« oder eine »Pflicht zur Sexualität mit mehreren Personen«. Unsere Utopie von »freier Liebe« ist weder durch die Art der Sexualität noch durch die Zahl der PartnerInnen definiert.

http://www.zegg.de/index.php?kontrovers_kurz

„Freie Liebe“ ist eine Folge von Vertrauen unter Menschen. Dass auf dem Weg dahin auch verstopfte Kanäle aufbrechen und Ungelebtes nachgeholt werden will, gehört vielleicht zum Heilungsprozess dazu, darf aber nicht mit „freier Liebe“ verwechselt werden.

Und

Freie Liebe bedeutet, dass ich mehr als einen Menschen lieben darf und dass ich eine Form finde, wo ich diese Wahrheit so leben kann, dass es für alle Beteiligten Glück erzeugt und nicht Angst, Verletzung und Streit.

Und

Die Menschen im ZEGG leben Beziehungsformen, die so vielfältig sind wie die Menschen, die sie leben.

http://www.zegg.de/ZeggInBildern/Liebe/index.htm

Das ist wohl an Klarheit nicht zu überbieten.

Auch das Projekt Nemetien propagiert „freie Liebe“, wobei mir aber der Begriff von Charles Fourier „liberte amourouse“ (Freiheit in der Liebe) besser gefällt.
Denn einem Charles Fourier war jeder Gedanke an ein erzwungenes oder ernötigtes Verhalten des Menschen ein tiefer Greuel. Vielmehr soll in der Zukunftsgesellschaft der „Harmonie“ jeder Menschen seine Leidenschaften, welche auch immer es seien, frei leben können (unter der Voraussetzung, niemandem anderen damit zu schaden).

In diesem Sinne bedeutet „Freiheit in der Liebe“ - wie in der gesamten Vorstellung Fouriers von der Harmonie – dass der einzelne Mensch die Freiheit hat, seine Leidenschaften zu leben und darin von der Gesellschaft unterstützt wird.

Auf keinen Fall ist es richtig, „freie Liebe“ einseitig mit „Mehrfachbeziehungen“ zu assoziieren, oder mit „häufig wechselnden Sexpartnern“.
Menschen mit mehr als einer ständigen Beziehung leben sogenannte „Polyamorie“.
Die Neigung zu „häufig wechselnden Sexpartner“ (möglicherweise anonyme) bezeichnet man als Promiskuität (von lat. „promiscuus“ = fremd, d.h. Sex mit unbekannten, anonymen Menschen).
Beides sind zudem auch noch unterschiedliche Dinge.
http://de.wikipedia.org/wiki/Polyamorie
http://de.wikipedia.org/wiki/Promiskuität



Auch die Gegenüberstellung von „Freie Liebe“ und Monogamie ist völlig unsinnig.

Freiwillige Monogamie
gehört nämlich genau so zur Freiheit der Liebe wie etwa die Askese, oder auch die Promiskuität.

Man könnte also allgemein Askese, Monogamie, Polyamory und Promiskuität als völlig gleichwertige Grundvarianten sexuellen Verhaltens und sexueller Neigungen gegenüberstellen, zuzüglich noch der Differenzierungen hinsichtlich Hetero/Bi/Homosexualität, zwischen romantischer versus sexueller Liebe, sodann die diversen „fetischistischen“ Orientierungen (die Fourier als „Zwiespältigkeiten“ bezeichnete), Polaritäten wie voyeuristisch versus exhibitionistisch, dominant versus submissiv usw usf.



DAS ALLES gehört zu „Freiheit in der Liebe“, will heißen: dass der einzelne Mensch, soll frei, ohne jeden Gruppendruck, darüber entscheiden können, welche der „Spielarten“ und „Orientierungen“ er zur seinen wählt und zudem auch noch beliebig oft wechseln kann.

Dieses Grundkonzept der Freiheit der Liebe unterscheidet sich schon sehr von der durch „Moral“ und Gesetz verteidigten uniformen Lebensform der Vergangenheit, die die monogame Kleinfamilie (möglichst lebenslang) zum gesellschaftlichen „Normmodell“ erklärte.

In der Zukunftsgesellschaft der „Harmonie“, wie sie Charles Fourier prognostizierte, wird es eben kein „Normmodell“ mehr geben, sondern eine Vielfalt von freiwillig eingegangenen Beziehungsformen, wozu letztlich auch die monogame Kleinfamilie zählen wird – für diejenigen, die genau das wollen. Und Polyamorie und Promiskuität ebenso.

Dienstag, 12. Februar 2008

Friedrich Engels über Gemeinschaftsbildung

Friedrich Engels: "Beschreibung der in neuerer Zeit entstandenen und noch bestehenden kommunistischen Ansiedlungen"

Aus: "Deutsches Bürgerbuch für 1845", Darmstadt 1845. S. 326-340, abgedruckt in der NHZ Nr.6

Vorwort der Redaktion der NHZ

Daß der Begriff "Kommunismus" ursprünglich nicht ein Synonym war für Gulag, Stacheldraht und Einparteiendiktatur war, sondern für den Aufbau solidarischer Lebens- und Arbeitsgemeinschaften stand, wird aus dem folgenden Text des "Klassikers Engels" deutlich ersichtlich. In seinen Ausführungen betrachtet er auch religiös inspirierte Gemeinschaften zu seiner Zeit in den USA und in Großbritannien, um konkret zu machen, was er unter Kommunismus verstand.



----------------------------------------------------
(Beginn Textauszug Friedrich Engels)

Wenn man sich mit den Leuten über Sozialismus oder Kommunismus unterhält, so findet man sehr häufig, daß sie einem in der Sache selbst ganz recht geben und den Kommunismus für etwas sehr Schönes erklären; "aber", sagen sie dann, "es ist eine Unmöglichkeit, dergleichen jemals in der Wirklichkeit auszuführen". (...) Übrigens, wenn man jenem Einwande etwas näher auf den Grund geht, so findet man, daß er sich in zwei weitere auflöst; nämlich erstens: es würden sich keine Arbeiter zu den niedrigen und unangenehmen Handarbeiten hergeben; und zweitens: es würden, bei einem gleichen Anrecht auf den gemeinschaftlichen Besitz, die Leute sich um diesen Besitz streiten, und so würde die Gemeinschaft wieder zerfallen. - Der erste Einwurf löst sich einfach so: diese Arbeiten sind, einmal in der Gemeinschaft, nicht mehr niedrig; und dann, sie lassen sich durch verbesserte Einrichtungen, Maschinen u. dergl. fast ganz beseitigen. (...) - Was aber den zweiten Einwurf. betrifft, so sind bis jetzt alle kommunistischen Kolonien nach zehn bis fünfzehn Jahren so enorm reich geworden, daß sie von allem Wünschenswerten mehr haben, als sie verzehren können, also gar keine Veranlassung zum Streit da ist.

Der Leser wird finden, daß die meisten der in Nachfolgendem geschilderten Ansiedelungen von allerhand religiösen Sekten ausgegangen sind, welche meistens über verschiedene Gegenstände sehr abgeschmackte und unvernünftige Ansichten hegen, und will der Schreiber dieses nur kurz bemerken, daß diese Ansichten durchaus mit dem Kommunismus nichts zu schaffen haben. Es ist auch offenbar einerlei, ob diejenigen, welche die Ausführbarkeit der Gemeinschaft durch die Tat beweisen, an einen Gott, an zwanzig oder an gar keinen glauben; wenn sie eine unvernünftige Religion haben, so ist das ein Hindernis, das der Gemeinschaft im Wege steht, und wenn sich trotzdem die Gemeinschaft hier im Leben bewährt, wieviel eher muß sie bei andern möglich sein, die von solchen Verrücktheiten frei sind. (...).

Die ersten Leute, welche in Amerika und überhaupt in der Welt eine Gesellschaft auf dem Grund der Gütergemeinschaft zustande brachten, waren die sogenannten Shakers. Diese Leute sind eine eigne Sekte, welche sehr sonderbare religiöse Meinungen haben, nicht heiraten und überhaupt keinen Verkehr der Geschlechter dulden, und was dergleichen mehr ist. Dies aber geht uns hier nichts an. Die Sekte der Shakers entstand vor ungefähr siebenzig Jahren. Ihre Stifter waren arme Leute, die sich vereinigten, in brüderlicher Liebe und Gemeinschaft der Güter zusammenzuleben und ihren Gott auf ihre Weise zu verehren. (...).

Außer den Shakers gibt es aber noch andre auf Gemeinschaft der Güter begründete Ansiedlungen in Amerika. Vor allen sind hier die Rappiten zu erwähnen. Rapp ist ein Prediger aus Württemberg, der sich um 1790 mit seiner Gemeinde von der lutherischen Kirche lossagte und, da er von der Regierung verfolgt wurde, 1802 nach Amerika ging. Seine Anhänger folgten im Jahre 1804, und so siedelte er sich mit etwa hundert Familien in Pennsylvanien an. Sie hatten etwa 25 000 Taler zusammen im Vermögen, wofür sie Grundstücke und Werkzeuge kauften. Ihr Land war ein unbebauter Urwald und kostete sie soviel, als ihr ganzes Vermögen betrug; doch bezahlten sie es erst nach und nach. Sie vereinigten sich nun zur Gütergemeinschaft, und zwar machten sie folgenden Vertrag:

1. Jeder gibt alles, was er hat, in die Gemeinschaft, ohne dadurch irgendeinen Vorteil zu erlangen. In der Gemeinschaft sind alle gleich.

2. Die Gesetze und Vorschriften der Gesellschaft sind gleich bindend für alle.

3. Alle arbeiten nur für das Wohlergehen der ganzen Gesellschaft und nicht jeder für sich allein.

4. Wer die Gesellschaft verläßt, hat keinen Anspruch auf Vergütung für seine Arbeit, bekommt aber alles zurück, was er eingelegt hat; und wer nichts eingelegt hat und in Frieden und Freundschaft scheidet, bekommt ein freiwilliges Geschenk auf den Weg.

5. Dafür verpflichtet sich die Gemeinde, jedes Mitglied und seine Familie mit den nötigen Lebensbedürfnissen und der nötigen Pflege in Krankheit und Alter zu versehen, und wenn die Eltern sterben oder austreten und ihre Kinder zurücklassen, so wird die Gemeinde diese Kinder erziehen.

Die Ansiedlung Rapps (...) blüht bis auf den heutigen Tag. Über ihre jetzige Lage berichtet der erwähnte Reisende Finch:

"Die Stadt Economy besteht aus drei langen und breiten Straßen, welche von fünf ebenso breiten Querstraßen durchschnitten werden, sie hat eine Kirche, einen Gasthof, eine Wollen-, Baumwollen- und Seidenfabrik, eine Anstalt zur Zucht von Seidenwürmern, öffentliche Warenlager zur Benutzung der Mitglieder und zum Verkauf an Fremde, ein Naturalienkabinett, Werkstätten für die verschiedenen Handwerke, Wirtschaftsgebäude und große schöne Wohnhäuser für die verschiedenen Familien mit einem großen Garten bei jedem Hause. Das dazugehörige Ackerland ist an zwei Stunden lang und eine Viertelstunde breit, enthält große Weinberge, einen Obstgarten von siebenunddreißig Morgen nebst Ackerland und Wiesen. Die Zahl der Mitglieder ist gegen vierhundertundfünfzig, die alle wohlgekleidet und gut genährt sind und prächtig wohnen, heitere, zufriedene, glückliche und tugendhafte Leute, die seit vielen Jahren keinen Mangel kennen.

Auch sie waren eine Zeitlang sehr gegen die Ehe eingenommen, doch heiraten sie jetzt und haben Familien und wünschen sehr die Zahl der Mitglieder zu vermehren, wenn geeignete Leute sich ihnen anbieten sollten. Ihre Religion ist das Neue Testament, aber sie haben kein besonderes Glaubensbekenntnis und lassen jedem seine eigne Meinung, solange er die andern gewähren läßt und nicht wegen Glaubenssachen Streit anhebt. Sie nennen sich Harmonisten. Sie haben keine bezahlten Geistlichen, Herr Rapp, der über achtzig Jahre alt ist, ist sowohl Geistlicher als Verwalter und Schiedsrichter. Sie musizieren gern, haben zuweilen Konzerte und musikalische Abendunterhaltungen. Die Ernte wurde den Tag vor meiner Ankunft mit einem großen Konzert in den Feldern angefangen. In ihren Schulen wird Lesen, Schreiben, Rechnen und Sprachunterricht gegeben; aber keine Wissenschaften, gerade wie bei den Shakers. Sie arbeiten viel länger als sie nötig haben, nämlich Winter und Sommer von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang; alle arbeiten, und die im Winter nicht in den Fabriken unterkommen, finden Arbeit beim Dreschen, der Viehzucht usw. Sie haben 75 Milchkühe, große Schafherden, viele Pferde, Schweine und Geflügel, und von dem, was sie erspart haben, haben sie große Summen bei Kaufleuten und Wechslern ausstehen; und obwohl sie durch Bankerotte einen bedeutenden Teil dieser Ausstände verloren haben, so haben sie doch noch eine Menge nutzlosen Geldes, die mit jedem Jahre größer wird.

Sie leben in Familien von zwanzig bis vierzig Leuten, deren jede ein eignes Haus und eine eigne Wirtschaft hat. Alles was sie bedarf, erhält die Familie aus den gemeinschaftlichen Vorratshäusern. Sie haben Überfluß für alle, und sie bekommen alle unentgeltlich soviel sie wünschen. Wenn sie Kleider brauchen, so gehen sie zum Schneidermeister, zur Näherin oder zum Schuhmacher und bekommen sie gemacht nach ihrem Geschmack. Das Fleisch und die übrigen Nahrungsmittel werden jeder Familie nach der Anzahl ihrer Mitglieder zugeteilt, und sie haben alles reichlich und im Übermaß."

Eine andere in Gütergemeinschaft lebende Gemeinde hat sich zu Zoar im Staate Ohio angesiedelt, Auch diese Leute sind württembergische Separatisten, die sich zu gleicher Zeit wie Rapp von der lutherischen Kirche lossagten und, nachdem sie zehn Jahre lang von dieser und der Regierung verfolgt worden waren, ebenfalls auswanderten. Sie waren sehr arm und konnten nur durch die Unterstützung menschenfreundlicher Quäker in London und Amerika zu ihrem Ziele kommen. (...) Ein amerikanischer Kaufmann, der sehr häufig nach Zoar kommt, schildert diesen Ort als ein vollkommnes Muster von Reinlichkeit, Ordnung und Schönheit, mit einem prächtigen Gasthof, einem Palast zur Wohnung für den alten Bäumler, einem schönen öffentlichen Garten von zwei Morgen mit einem großen Treibhause und schönen, wohlgebauten Häusern und Gärten. Er schildert die Leute als sehr glücklich und zufrieden, arbeitsam und ordentlich. Seine Beschreibung wurde in der Zeitung von Pittsburg (Ohio) veröffentlicht ("Pittsburg Daily Advocate and Advertiser", July 17., 1843).

Der mehrerwähnte Finch erklärt diese Gemeinde für die am vollkommensten eingerichtete von allen, die in Amerika in Gütergemeinschaft leben. Er gibt ein langes Verzeichnis ihrer Reichtümer, erzählt, daß sie eine Flachsspinnerei und eine Wollenfabrik haben, eine Gerberei, Eisengießereien, zwei Kornmühlen, zwei Sägemühlen, zwei Dreschmaschinen und eine Masse Werkstätten für alle möglichen Handwerke. Dazu sagt er, daß ihr Ackerland besser bebaut sei als alles andre, was er in Amerika gesehen habe. - Das "Pfennig-Magazin" schätzt den Besitz der Separatisten auf hundertsiebenzig- bis hundertachtzigtausend Taler, die alle in fünfundzwanzig Jahren verdient wurden, da sie mit gar nichts anfingen als sechs Taler für den Kopf. Es sind ihrer etwa zweihundert. Auch sie hatten eine Zeitlang die Ehen untersagt, sind aber, wie die Rappisten, davon zurückgekommen und heiraten jetzt.

Finch gibt eine Abschrift der Verfassung dieser Separatisten, die der Hauptsache nach in folgendem besteht:

Alle Beamten der Gesellschaft werden gewählt, und zwar von sämtlichen Mitgliedern derselben, die über einundzwanzig Jahre alt sind, aus ihrer eignen Mitte. Diese Beamten bestehen aus:

1. Drei Verwaltern, von denen jährlich einer neu gewählt wird und die jederzeit von der Gesellschaft abgesetzt werden können. Diese verwalten das sämtliche Eigentum der Gesellschaft und versehen die Mitglieder mit den nötigen Lebensbedürfnissen, Wohnung, Kleidung und Nahrung so gut, wie es die Umstände erlauben und ohne Ansehen der Person. Sie ernennen Unterverwalter für die verschiedenen Arbeitszweige, schlichten kleine Streitigkeiten und können, in Vereinigung mit dem Gesellschaftsrat, neue Vorschriften erlassen, die aber nie der Verfassung widersprechen dürfen.

2. Aus dem Direktor, der solange in seinem Amte bleibt, als er das Vertrauen der Gesellschaft besitzt und sämtliche Geschäfte als oberster Beamter leitet. Er hat das Recht zu kaufen und zu verkaufen, Kontrakte zu schließen, kann aber in allen wichtigen Angelegenheiten nur mit Einwilligung der drei Verwalter handeln.

3. Aus dem Gesellschaftsrat, der aus fünf Mitgliedern besteht, von denen jährlich eines austritt, und der die höchste Macht in der Gesellschaft besitzt, mit den Verwaltern und dem Direktor Gesetze erläßt, die übrigen Beamten beaufsichtigt und Streitigkeiten schlichtet, wenn die Parteien mit der Entscheidung der Verwalter nicht zufrieden sind; und

4. aus dem Zahlmeister, der auf vier Jahre gewählt wird, und der allein von allen Mitgliedern und Beamten das Recht hat, Geld in Verwahrung zu haben.

Im übrigen verordnet die Verfassung, daß eine Erziehungsanstalt errichtet werden soll, daß sämtliche Mitglieder all ihr Eigentum für immer in die Gemeinschaft geben und es nie zurückverlangen können, daß neue Mitglieder nur, nachdem sie ein Jahr mit der Gesellschaft gelebt und wenn sie die Stimmen aller Mitglieder für sich haben, aufgenommen und die Verfassung nur dann geändert werden kann, wenn zwei Drittel der Mitglieder dafür sind. (...)

Der Erfolg, dessen die Shakers, Harmonisten und Separatisten sich erfreuen, sowie das allgemeine Bedürfnis einer neuen Ordnung der menschlichen Gesellschaft und die daraus entsprungenen Bemühungen der Sozialisten und Kommunisten, haben viele andre Leute in Amerika veranlaßt, in den letzten Jahren ähnliche Versuche anzustellen. So hat Herr Ginal, ein deutscher Prediger in Philadelphia, eine Gesellschaft gebildet, welche 37 000 Morgen Wald in dem Staat Philadelphia angekauft, dort über achtzig Häuser errichtet und schon an fünfhundert Personen, meistens Deutsche, dort angesiedelt hat. Sie haben eine große Gerberei und Töpferei, viele Werkstätten und Vorratshäuser, und es geht ihnen recht gut. Daß sie in Gütergemeinschaft leben, versteht sich, wie bei allen nachfolgenden Beispielen von selbst. (...).Aber nicht nur in Amerika, auch in England ist es versucht worden, die Gütergemeinschaft durchzuführen. Hier hat der menschenfreundliche Robert Owen seit dreißig Jahren diese Lehre gepredigt, sein ganzes großes Vermögen zugesetzt und sein Letztes hingegeben, um die jetzt bestehende Kolonie zu Harmony in Hampshire zu gründen. (...) Sie zählt jetzt über hundert Mitglieder, die in einem großen Gebäude zusammenwohnen und bis jetzt hauptsächlich im Feldbau beschäftigt worden sind. Da sie gleich von vornherein als ein vollkommenes Muster der neuen Gesellschaftsordnung eingerichtet werden sollte, so war ein bedeutendes Kapital dazu nötig, und bis jetzt sind schon an zweimal hunderttausend Taler hineingesteckt worden. (...)

Von der Anlage selbst gibt ein praktischer Ökonom, der ganz England durchreiste, um sich von dem Zustande des Ackerbaus zu unterrichten und mit der Unterschrift: "Einer, der hinter dem Pfluge gepfiffen hat", der Londoner Zeitung "Morning Chronicle" darüber zu berichten, folgende Beschreibung ("M[orning] Chr[onicle]", Dec. 13., 1842).

Nachdem er durch eine sehr schlecht bebaute, mehr mit Unkraut als mit Getreide bewachsene Gegend gekommen war, hörte er zum ersten Male in seinem Leben in einem nahen Dorfe etwas über die Sozialisten in Harmony. Ein wohlhabender Mann dort erzählte ihm, daß sie ein großes Grundstück bebauten, und zwar sehr gut bebauten, daß alle die lügenhaften Gerüchte, die über sie verbreitet seien, nicht wahr seien, daß es der Pfarre zur großen Ehre gereichen würde, wenn nur die Hälfte ihrer Einwohner sich so anständig aufführen wollten wie diese Sozialisten und daß ebensosehr zu wünschen wäre, daß die Gutsbesitzer der Umgegend den Armen so viel und so vorteilhafte Beschäftigung gäben wie jene Laute. Sie hätten ihre eignen Ansichten vom Eigentum, aber bei alledem führten sie sich sehr gut auf und gäben der ganzen Umgegend ein gutes Beispiel. Er fügte hinzu: Ihre religiösen Meinungen sind verschieden: einige gehen in diese, andere in jene Kirche, und sie sprechen nie über Religion oder Politik mit den Leuten aus dem Dorfe. Mir antworteten zwei auf mein Befragen, es gäbe keine bestimmte religiöse Meinung unter ihnen und jeder könne glauben, was er wolle. (...)

Wir sehen also, daß die Gemeinschaft der Güter gar nichts Unmögliches ist, sondern daß im Gegenteil alle diese Versuche vollkommen geglückt sind. Wir sehen auch, daß die Leute, welche in Gemeinschaft leben, bei weniger Arbeit besser leben, mehr Muße zur Ausbildung ihres Geistes haben, und daß sie bessere und sittlichere Menschen sind als ihre Nachbarn, die das Eigentum beibehalten haben. Alles das haben auch die Amerikaner, Engländer, Franzosen und Belgier sowie eine Menge Deutscher bereits eingesehen. In allen Ländern gibt es eine Anzahl Leute, welche sich mit der Verbreitung dieser Lehre beschäftigen und für die Gemeinschaft Partei ergriffen haben.

Wenn diese Sache für alle wichtig ist, so ist sie es ganz besonders für die armen Arbeiter, die nichts besitzen, die ihren Lohn, den sie heute verdienen, morgen wieder verzehren und jeden Augenblick durch unvorhergesehene und unvermeidliche Zufälle brotlos werden können. Diesen wird hierin eine Aussicht auf eine unabhängige, sichere und sorgenfreie Existenz, auf eine vollkommene Gleichberechtigung mit denen gegeben, die jetzt durch ihren Reichtum den Arbeiter zu ihrem Sklaven machen können. Diese Arbeiter geht die Sache am meisten an. In andern Ländern bilden die Arbeiter den Kern der Partei, die Gütergemeinschaft verlangt, und es ist die Pflicht auch der deutschen Arbeiter, sich die Sache ernstlich zu Herzen zu nehmen.

Wenn die Arbeiter untereinander einig sind, zusammenhalten und einen Zweck verfolgen, so sind sie unendlich viel stärker als die Reichen. Und wenn sie vollends einen so vernünftigen und das Beste aller Menschen wollenden Zweck im Auge haben, wie die Gemeinschaft der Güter, so versteht es sich ja von selbst, daß die besseren und verständigeren unter den Reichen sich mit den Arbeitern einverstanden erklären und ihnen beistehen. Es gibt auch schon eine große Menge wohlhabender und gebildeter Leute in allen Teilen Deutschlands, welche sich für die Gütergemeinschaft offen erklärt haben und die Ansprüche des Volks auf die von der reichen Klasse mit Beschlag belegten Güter dieser Erde verteidigen.

Über den Konsens

Einige Denkanstöße
von Roland Raven, damals geschrieben zur Diskussion in der ZEGG-inspirierten Gruppe Maitea, erschienen in NHZ Nr. 1 (Jahr 2000)

Es gibt eine gewisse Übereinstimmung, sozusagen einen Konsens, in der Gruppe Maitea, aber letztlich auch in vielen Gemeinschaften, daß das sogenannte Konsensprinzip bei Entscheidungsfindungen angestrebt wird. Ich möchte dazu einige Überlegungen anstellen.

Zur Etymologie: Was bedeutet Konsens?

Das Wort Konsens entstammt dem lateinischen "Consensio" bzw "consentio" bzw "Consensus" und bedeutet laut Wörterbuch:
- Übereinstimmung, Einigkeit,.einstimmiger Beschluß
- Geheimes Einverständnis, Verabredung, Komplott
Es besteht aus dem Suffix "con-" bzw "com" bzw. "cum", was wiederum (laut Wörterbuch) bedeutet:
zusammen, gemeinsam, zugleich, völlig
Dann ist da noch das Stammwort "sentio" bzw. "senus". "sensus" bedeutet nach Wörterbuch:
Sinnes- Empfindungsvermögen, Wahrnehmung, Besinnung
- Ansicht, Meinung, Gedanke
- Gefühl, teilnehmende Empfindung, Gesinnung. Stimmung
Damit wäre ein Konsens so etwas wie ein übereinstimmendes (einstimmiges) Gefühl bzw. übereinstimmende Auffassung. Interessant, was eine etymologische Betrachtung so alles ergibt!

Der Begriff Konsensprinzip im landläufigen Verständnis

Als ich 1987 mich am Gewerbehofprojekt beteiligte, wurde dort gerade das Konsensprinzip im Plenum eingeführt. Es wurde formell so gehandhabt, daß Anträge im Plenum gestellt werden konnten und dann kam es darauf an, ob eine der beteiligten Parteien Veto einlegte. Da es gegen jeden möglichen Beschluß möglicherweise Einwände geben kann und auch gab, wurde von dem Vetoprinzip natürlich auch Gebrauch gemacht. Die Szenerie gestaltete sich dann so, daß die einzelnen Gruppen Vetodrohungen gegeneinander aufbauten. Im Ergebnis kamen manche, selbst dringend notwendige Entscheidungen nur sehr schleppend voran, die Entscheidungsfindung entwickelte sich milimeterweise.

Mehrheitsprinzip (Demokratie) versus Konsensprinzip

Formell lassen sich Mehrheitprinzip und Konsensprinzip einander gegenüberstellen. Beide haben Vor- und Nachteile. Der Vorteil des Mehrheitsprinzips ist die größere Entscheidungsfreudigkeit und –fähigkeit des betreffenden Organismus. Der Nachteil besteht darin, daß es Sieger und Verlierer gibt. Die Mehrheit ist nämlich die Gewinnerseite, die ihre Interessen und Ansichten durchsetzen kann, die Minderheit ist die Verliererseite, deren Interessen und Ansichten untergebuttert werden.
Über das Konsensprinzip wird gesagt, daß es den Nachteil des Mehrheitsprinzips, nämlich daß es Verlierer und Gewinner gibt, vermeiden kann, weil alle Interessen berücksichtigt werden. Der Nachteil besteht in einer schleppenderen Entscheidungsfindung.
Doch damit möchte ich mich nicht begnügen. Ich behaupte nämlich, daß es zwei vollkommen gegensätzliche Varianten des Konsensprinzips gibt.

Welche Entscheidungen sind besser?

Es ist eine müßige Frage, ob das Konsensprinzip oder das Mehrheitsprinzip bessere Entscheidungen hervorbringt, denn das hängt nicht von dem formalen Verfahren ab. Die Qualität einer Entscheidung hängt davon ab, wie gründlich die Entscheidung vorbereitet wurde (sogenannte Entscheidungsvorbereitung) und inwieweit die Entscheidung getragen wird. Es ist richtig, daß im Mehrheitsprinzip die Neigung der Minderheit gering sein wird, eine Mehrheitsentscheidung mitzutragen (das ist eine Frage der Disziplin). Es ist aber auch richtig, daß eine durch Veto blockierte Entscheidung eine Entscheidung darstellt und eine durch Veto blockierte Mehrheit sich durchaus als Verlierer sehen kann. Letztlich hängt die Qualität einer Entscheidung –wen wunderts? – nicht vom formellen Abstimmungsverfahren ab, sondern von der Gründlichkeit der Entscheidungsvorbereitung und der Qualität und Differenziertheit der Entscheidungsfindung.

Zwei entgegengesetzte Varianten des Konsensprinzips

Es gibt meines Erachtens zwei entgegengesetzte Varianten des Konsensprinzips, die sich allerdings nur schwer formal beschreiben lassen, weil es inhaltliche Varianten sind:
- Das Vetoprinzip
- Das synergetische Prinzip
Das Vetoprinzip zeichnet sich dadurch aus, daß der Entscheidungsraum der Gruppe von jedem einzelnen eingeschränkt werden kann. Es ist nicht wahr, daß es im Vetoprinzip keine Gewinner und Verlierer gibt. Im Gegenteil kann derjenige, der andere Impulse und Einflüsse blockieren will, mit wesentlich bescheideneren Mitteln auskommen als im Mehrheitsprinzip. Es ist leicht, unter Bedingungen des Vetoprinzips zu blockieren, und es gibt genug Menschen, die sich dann als Sieger sehen, wenn sie andere blockieren. Auch eine Nicht – Entscheidung ist eine Entscheidung. Ein durch ein Veto blockierter Vorschlag ist gleichbedeutend mit der Entscheidung, beim Alten zu bleiben. Eine Minderheit kann also die Entscheidung gegen die Mehrheit treffen, beim Alten zu bleiben. Machtkämpfe werden unter diesen Umständen dadurch ausgetragen, daß die streitenden Parteien versuchen, Ihren Standpunkt als den alten Standpunkt auszugeben, der durch eine neue, und nicht durch Veto blockierte Entscheidung aufgehoben werden müßte.
Tatsächlich gehen die angeblichen Vorteile des Konsensprinzips gegenüber dem Mehrheitsprinzip dann gegen Null, wenn im Konsensprinzip hauptsächlich ein formaler Mechanismus gesehen wird, in dem eine Minderheit jederzeit eine Mehrheitsentscheidung blockieren kann. Dann siegt eben nicht die Mehrheit über die Minderheit, sondern die Minderheit über die Mehrheit, kraß gesagt.

Das synergetische Prinzip ist dagegen kein formales Prinzip, sondern es setzt inhaltliche Prozesse voraus. Es basiert auf der Annahme, daß es grundsätzlich meistens möglich ist, einen wirklichen Konsensus, eine wirkliche Übereinstimmung zu finden. Diese wirkliche Übereinstimmung wird aber sicherlich nicht auf dem Weg des Veto gefunden. Im Gegenteil markiert ein Veto bereits definitiv das Scheitern des Konsensprinzips, der Konsens ist nämlich nicht erreicht worden. Sobald jemand sagt: "Da bin ich dagegen" besteht eigentlich schon buchstäblich kein Konsens und es kann deshalb nicht von Konsensprinzip gesprochen werden.
Konsensprinzip ist dann gegeben, wenn ein Beschluß gefällt wird, der bruchlos von allen Beteiligten mitgetragen werden kann. Ein Kompromiß also? Die folgende Betrachtung soll zeigen, daß Kompromiß und Synthese zwei verschiedene Paar Stiefel sind.

Kompromiß und Synthese

Was sind die Bedingungen einer wirklichen Übereinstimmung?
Eigentlich ist diese Frage sehr leicht zu beantworten. Eine wirkliche Übereinstimmung ist dann gegeben, wenn alle Beteiligten ihre Interessen und Beweggründe in dem getroffenen Beschluß in vollem Umfange wiederfinden. Dies setzt natürlich Voraus, daß diese Interessen und Beweggründe positiver Natur sind, und nicht in Ausgrenzung oder Xenophobie bestehen. Um nicht mißverstanden zu werden: das ist dann kein Kompromiß. Ein Kompromiß ist in aller Regel nur eine notdürftige Konfliktlösung. Der Kompromiß basiert darauf, daß alle Beteiligten so weit von ihren Positionen zurückgehen und sogenannte Abstriche vornehmen, bis alle "mit Bauchschmerzen" bei dem Beschluß übereinstimmen können.
Eine Synthese ist dagegen etwas ganz anderes. Sie basiert darauf, daß alle Beteiligten ihre eigentlichen Intentionen verwirklichen können. Synergetischer Konsens ist also kein formaler Mechanismus, sondern ein Inhaltlicher. Er setzt einen gemeinsamen, also kollektiven Prozeß des Begreifens und der bewußten und aktiven Gestaltung voraus.
In diesem Prozeß gibt es folgende Stufen:
- Zuhören, Erfassen, worum es dem anderen wirklich geht
- Das andere Wertesystem begreifen, ohne es vorzuverurteilen
- Gemeinsame Werte ermitteln und herausarbeiten
- Prüfen, inwieweit die beiden kommunizierenden Systeme voneinander lernen können
- Verschmelzung der jeweiligen Ziele – Komplexe zu einem gemeinsamen Zielrahmen, in dem die Ziele aller Beteiligten voll integriert sind.

Winnie Gryphon und andere haben den geschilderten Weg zu einem Kommunikationssystem ausgestaltet, das sie Transprogramming nennen. Wissenswertes darüber gibt es unter der Webadresse http//www.tp.syncos.de zu finden. (Hinweis: dieser Link ist nicht mehr aktiv)

Montag, 11. Februar 2008

Gemeinschaft und Konflikt

Statt eines Vorwortes

Folgender Text könnte aus irgendeinem Gemeinschaftszusammenhang zwischen Flensburg und Füssen stammen, und die Beteiligten sind gewiß austauschbar. Es handelt sich aus meiner Sicht um einen wertvollen und bemerkenswerten Text, weil er immer wieder auftretende Grundkonstellationen in Gemeinschaftsprozessen prägnant und deutlich auf den Punkt bringt.

Wir spielen in wechselnden Rollen das, was auch anderswo fast immer und fast überall üblich ist, wenn es Streit gibt:
- Einer, der anpisst (und sich im Recht fühlt)
- Einer, der sich angepisst fühlt (dito)
- Einer, der versucht zu vermitteln,
- Einer, der viel redet, um Einwände abzudrängen,
- Einer, der schweigt und sich innerlich ausklinkt.
- Und einer, der nicht da ist. Entweder sofort oder in der Variante empört-aus-dem-Raum.
Wir können aber auch anders. Jede(r)von uns hat schon erlebt, dass er/sie sich auch bei kontroversen Themen am Ende besser gefühlt hat statt schlechter. Jede(r) hat schon aktiv zu einem solchen Verlauf beigetragen. Nur erinnern wir uns scheinbar nicht mehr daran. Ich setze also als ersten (und wie ich mir wünsche, für den Tag einzigen) Punkt auf die Tagesordnung:
Wie gehen wir künftig mit Konflikten um?
....Fragen...:
- Mit welchen Regeln können wir uns alle identifizieren, so dass sie auch halten?
- Können wir dafür sorgen, dass es bei den Treffen richtig angenehm wird?
- Können wir dafür sorgen, dass niemand den Groll aus einem Treffen noch aus ihm hinausträgt?
- und wie kriegen wir das so hin, dass es innen ankommt und nicht nur eine Formsache ist?




Die aufgeworfenen Fragen sind wichtig und repräsentativ, weswegen ich sie zum Gegenstand meines Aufsatzes mache. Ich lasse die konkreten Anlässe und Konflikte sowie Personen auch vollkommen unberücksichtigt und unerwähnt, diese sollen hier nicht erörtert werden. Vielmehr möchte ich die aufgeworfenen Fragen zum Umgang mit Konflikten grundsätzlich und allgemein beantworten, weil es Fragen sind, die mit eherner Notwendigkeit bei allen Gemeinschaftsbildungsprozessen in allen nur denkbaren Personenkonstellationen immer wieder in diversen Varianten auftreten.

Rollen im Urinbeckenszenario

Nehmen wir das Szenario der sechs Rollen in diesem Text also als stellvertretend und repräsentativ für zahllose Gemeinschafts – Situationen (Gemeinschaft im Urinbecken) und betrachten wir diese Rollen näher:

- Einer, der anpisst (und sich im Recht fühlt)

Was offenbart beispielsweise das Verb „anpissen“, das hier durchaus treffend verwendet wird? Anpissen im wörtlichen Sinne wird in unserer Kultur wohl eindeutig als ein Akt der Demütigung, Verachtung und Entehrung verstanden. Wer es nicht glaubt, braucht es es ja nur im praxi mal zu tun (jemanden anpissen) und das Ergebnis zu goutieren – es sei denn, man befindet sich in einer geheimen Versammlung von Urophilen. Umgekehrt steht damit auch das Verb „anpissen“ sinnbildlich und symbolisch also für verbale Aktionen, die Demütigung und Erniedrigung des Angesprochenen zum Ziel haben.
In diesem Zusammenhang ist es sicherlich aufschlussreich zu betrachten, in welchen Zusammenhängen der reale Vorgang des „Anpissens“ in der menschlichen Kriegs- und Kriminalgeschichte erscheint. So berichtet Eugen Kogon in seinem Buch „Der SS-Staat“ davon, dass SS – Aufseher jüdische Häftlinge „von Kopf bis Fuß anpissten“. Aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg wurde berichtet, dass serbische Tschetniks vergewaltigte bosnische Frauen noch zusätzlich dadurch entwürdigten, indem sie ihnen ins Gesicht und in den Mund urinierten. Auch bei Kriminalfällen von Vergewaltigungen, bei denen es Tätern kaum um sexuelle Befriedigung, sondern um die Erniedrigung und Entwürdigung der Opfer ging, kam es zu solchen Handlungen (siehe Kriminalfälle Dutroux, Bartsch etc.).
Ich möchte die Auflistung solcher Vorgänge nicht unnötig ausdehnen (ich empfehle in diesem Zusammenhang Interessierten beispielsweise Hans Peter Duerrs Werk „Obzönität und Gewalt“), sondern lediglich verdeutlichen, dass es sich beim „Anpissen“ um besonders extreme Versuche handelt, Menschen ihrer Würde zu berauben, sie zu erniedrigen, was gewöhnlich in Ausnahmesituationen (Krieg, Massenmord, Sexualverbrechen) passiert. Daß das Wort „Anpissen“ in diesem Zusammenhang zur Beschreibung eines Kommunikationsverhaltens in einer Gruppe dient, wirft natürlich ein grelles Licht auf die zugrunde liegende emotionale Situation.

- Einer, der sich angepisst fühlt (dito)

Sich angepisst fühlen (Rolle 2) steht umgekehrt für die emotionale Reaktion eines Menschen, der zum Ziel einer verbal demütigenden und entehrenden Attacke geworden ist. Daß jemand, der angepisst wird, sind auch angepisst fühlt (ob wörtlich oder symbolisch) erscheint nur konsequent. Landläufig weckt die Vorstellung, von einem anderen Menschen (ohne Einverständnis) angepisst worden zu sein, sehr aggressive und grimmige emotionale Reaktionen. So einfach steckt niemand das weg, „erhöhen wir doch das heimlich geführte Rachekonto einfach um eine ordentliche Summe“. „Anpissen“ ist sicherlich ein starkes Wort, aber sehr treffend, weil es schön illustriert, wie sich der Adressat solcher Art Kommunikation notwendigerweise fühlt, und auch, über welchen emotionalen Handlungsspielraum er verfügt: etwa so wie Arnold Schwarzenegger in „Conan, der Barbar“: „...von grimmig bis sehr grimmig“.

- Einer, der versucht zu vermitteln

Rolle 3 steht für einen gutmeinenden Menschen, der trotz entehrender und demütigender verbaler Attacken mit wechselnden Fronten noch versucht, Einvernehmlichkeit herzustellen. Meistens ist das in solchen Szenarien ziemlich aussichtslos.

- Einer, der viel redet, um Einwände abzudrängen

Rolle 4 steht für eine rhetorische Technik, scheinbar ein Gespräch zu führen, ohne auf die Standpunkte und Äußerungen anderer einzugehen. Besonders gutes Erkennungszeichen dafür, daß die Beteiligten ihre wahren Intentionen einander gar nicht kommunizieren, sondern Versteck spielen. Rolle 4 könnte aber auch schlicht eine Notlösung sein, um der fatalen Alternative „anpissen“ oder „angepisst werden“ zu entkommen, oder aber, um eine Situation des „Angepisst-Werdens“ zu überspielen.

- Einer, der schweigt und sich innerlich ausklinkt.
- Und einer, der nicht da ist. Entweder sofort oder in der Variante empört-aus-dem-Raum.


Rolle 5 und 6 stehen für Menschen, die nicht mehr an eine erfolgreiche Kommunikation glauben und sich deshalb auch nicht mehr äußern. In einem Kommunikationsszenario, das vor allem vom Vorgang des „Anpissens“ gekennzeichnet ist, bleiben ja nicht viele Handlungsalternativen: entweder man „pisst“ auch, oder man zieht sich konsequent aus der destruktiven und letztlich vollkommen unproduktiven Kommunikationssituation zurück. Gar zu oft ist das auch die klügste Verhaltensalternative.

Betrachtungen zu einer verfahrenen Situation

Das dargestellte Rollenszenario steht also für eine Gruppensituation, die eigentlich vollständig gescheitert ist. Geht man vom geschilderten energetisch - emotionalen Gehalt des Verbs „anpissen“ aus, so erscheint dies auch nicht verwunderlich. Kein geistig und emotional gesunder Mensch wird sich auf die Dauer in einer menschlichen Umgebung wohl fühlen, in der verbale Akte der Demütigung, Verachtung und Entehrung Normalität sind - genau das geht aber aus der Aussage hervor, daß es sich nämlich um „wechselnde Rollen“ handelt. Angenommen in diesem Szenario ist es wirklich so, daß immer eine jeweils andere Person abwechselnd die Rolle des „Anpissers“ übernimmt, dann ist es nicht verwunderlich, wenn die Gruppe sich irgendwann ein einem gemeinsamen Urinbecken wiedergefunden hat. Und wer hält sich schon gern in einem Urinbecken auf? Es sei denn, er ist urophil.
In diesem Zusammenhang verdient auch die vermeintlich witzige Seitenbemerkung mit der Urophilie eine nähere Betrachtung.
„In der BDSM (Bondage-Diszipline- Sadismus – Masochismus) wird Urin hingegen eingesetzt, um den devoten Partner zu erniedrigen, in vielen Fällen bezieht der BDSMler die Befriedigung dabei allein aus derDemütigung“ (Wikipedia).
Gewiß stellen BDSM – Techniken durch entsprechend geneigte Menschen allgemein die Kunst dar, emotionale Situationen wie Dominanz, Unterwerfung, Erniedrigung, Macht, Ohnmacht etc. spielerisch zu bewältigen und zu verarbeiten.
„Urophilie wird im allgemeinen als „eklig“ und „abartig“ bezeichnet. Entsprechend hoch ist die Hemmschwelle fürUrophile, zu ihrem Fetisch zu stehen.“
In jedem Fall ist die eindeutige Verbindung des Vorgangs „Anpissen“ mit extremer Erniedrigung (im BDSM – Falle eben konsensual) gegeben. Diese kleine Abhandlung sollte nur dazu dienen nachzuweisen, dass sich hinter dem Wort „anpissen“ mit nicht zu übersehender Deutlichkeit immer demütigende und abwertende Kommunikation verbirgt, selbst dann, wenn es sich um einen konsensualen (auf Einvernehmen beruhenden) Vorgang handelt.

Wir können aber auch anders.

Wenn begriffen wird, dass das wesentliche Merkmal des geschilderten Szenarios demütigende und abwertende Kommunikation ist, und wenn weiterhin begriffen wird, dass diese für das gesamte Szenario und ihre Rollenkonstellationen prägend ist, dann liegt ein erster Lösungsansatz selbstverständlich zu allererst im einvernehmlichen Verzicht auf das, was als „Anpissen“ bezeichnet wird. Dann erst werden andere –und wahrscheinlich produktivere – Rollenszenarien überhaupt möglich. Dann geht es auch anders.



Nötigungsorientierte Kommunikation

Das genannte Szenario ist das zwangsläufige Ergebnis eines Prozesses, in dem allgemein nötigungsorientierte Kommunikation als Standard vorherrscht. Demütigende und abwertende Kommunikation ist sogar eine durchaus scharfe und extreme Variante der nötigungsorientierten Kommunikation. Ich habe den Ausdruck „anpissen“ deshalb aufgegriffen, weil er eine überdeutliche symbolische Sprache spricht, möchte jetzt aber die Erörterung auf eine allgemeinere, höhere Ebene heben.

Was ist nötigungsorientierte Kommunikation?

Obwohl dieser Begriff schon in früheren Ausgaben der NHZ schon in einer der vorangegangenen Ausgaben erläutert wurde, hier nochmals eine kurze Definition: nötigungsorientierte Kommunikation ist eine Strategie, die zum Ziel hat, andere Menschen durch gezieltes Auslösen schlechter Gefühle zu einem bestimmten erwünschten Verhalten zu zwingen (zu nötigen). In aller Regel meinen die Anwender nötigungsorientierter Kommunikation einerseits natürlich, daß sie „recht“ haben, und andererseits, daß sie den anderen gewissermaßen zu etwas „Gutem“ nötigen wollen – gut für wen auch immer. Das kann verschiedene Ausformungen haben: herabsetzender Tadel, Vorwurf, Abwertung in allen möglichen subtilen Varianten, „schlechtes Gewissen“ erzeugen, anklagen, beschimpfen, „Tränendrüsenterrorismus“, Verwendung von Väkalausdrücke etc. etc. „Anpissen“ ist in diesem Zusammenhang sicherlich ein starkes Wort, aber treffend, weil es schön zum Ausdruck bringt, welche emotionalen Reaktionen diese Art nötigungsorientierter Kommunikation zwangsläufigerweise bewirkt, und auch, über welchen Spielraum die Adressaten emotional noch verfügen: etwa wie Arnold Schwarzenegger in „Conan, der Barbar“: „...von grimmig bis sehr grimmig“. Natürlich ist nicht jede nötigungsorientierte Kommunikation gleich demütigend und entwürdigend im Sinne von „Anpissen“. Es gibt zahlreiche abgeschwächte Formen, z.B. die „du bist schuld, daß es mir so schlecht geht“ – Variante (Opfer-Täter-Retter – Spiele). Es soll an dieser Stelle auch gar nicht bestritten werden, daß ein Großteil vor allem der Alltagskommunikation in unserer Gesellschaft oft von nötigungsorientierter Kommunikation bestimmt ist (bedenkt man beispielsweise die Kommunikation in vielen Beziehungspaaren), und auch nicht, daß es Situationen gibt, wo nötigungsorientierte Kommunikation unvermeidbar oder sogar notwendig sein kann. Beispiel: wenn ein Kind bei hereinfahrendem Zug auf der Bahnsteigkante herumturnt, dann bin ich ggfs. sogar verpflichtet, es zu seiner eigenen Sicherheit von der Bahnsteigkante fortzunötigen. Es geht aber darum, was passiert, wenn nötigungsorientierte Kommunikation in einer Gruppe, die Gemeinschaft sein will, zum Standard geworden ist. Das Ergebnis ist dann stets – und zwar vollkommen unabhängig von den betreffenden Personen und unabhängig von den Konfliktgründen – ein Urinbeckenszenario, eben genau das, was in diesen sechs Rollen treffend und prägnant beschrieben ist.



Gibt es eine Alternative zur nötigungsorientierten Kommunikation?

Die Frage mag auf manche Leser rhetorisch wirken. Natürlich muß es eine Alternative zu einem Urinbeckenszenario geben! Aber so rhetorisch bzw selbst beantwortend ist diese Frage gar nicht. Oder, lieber Leser, könntest du jetzt sofort die Alternative zur nötigenden Kommunikation so einfach in einem prägnanten Begriff formulieren? Geht es denn überhaupt ohne Nötigung? Ich stellte bei Gesprächen über diese Themen immer wieder fest, dass es doch viele Menschen gibt, für die nötigungs-freie Kommunikation außerhalb ihres Vorstellungsvermögens liegt („Wie soll man sich denn ohne schlechte Gefühle auszulösen überhaupt durchsetzen?“)– die Betreffenden kennen keine andere Kommunikationsform. Den Begriff nötigungsfrei finde ich persönlich ungeeignet, weil er selbst negativ ist (nötigungsfrei = Abwesenheit von Nötigung). Das Gegenstück zur nötigungsorientierten Kommunikation muß notwendigerweise an der Frei-Willigkeit, den Bedürfnissen und den Interessen der Gesprächspartner anknüpfen. Das ist einfach zu verstehen: denn wenn nicht schlechte, sondern gute Gefühle den anderen motivieren sollen, das zu tun, was ich will, so müssen diese guten Gefühle des anderen zwangsläufig etwas mit dessen eigenen Interessen und dessen eigenen Willen zu tun haben. Will ich einen anderen Menschen dazu bringen, daß er ein Vorhaben von mir unterstützt, und will ich das erreichen unter Verzicht auf Nötigung in dem definierten Sinne, dann muß ich an dessen Interessen anknüpfen und sie mit meinen eigenen verbinden. Das ist allerdings eine grundsätzlich andere Kommunikationsstrategie, eine ganz andere Grundhaltung als die nötigungsorientierte. Man könnte sie die kooperationsorientierte Strategie nennen: ich bewege andere zur Unterstützung meiner Intentionen, indem ich ihre Interessen aufgreife, mit den meinen verbinde, und erwarte und erhoffe, daß sie sich auch so verhalten. .Das ist aber letztlich eine Frage der inneren Haltung der Beteiligten. Wo ich der Auffassung bin, daß ich andere Menschen ohnehin nur durch Nötigung dazu zwingen kann, meine Interessen zu bedienen, da schaue ich natürlich nicht auf andere Interessen, sondern konzentriere ich meine Aufmerksamkeit auf die Kunst des Auslösens schlechter Gefühle, der Inszenierung von Druckszenarien, der Kultivierung von offenen oder subtilen Abwertungen und Herabsetzungen etc. Wo ich aber der Auffassung bin, daß ich andere Menschen nur durch Zielintegration dazu bringen kann, meine Ziele zu unterstützen, lenke ich meine Aufmerksamkeit einerseits auf die Wahrnehmung der anderen (Verstehen sie mich und meine Wünsche überhaupt? Was haben sie für Ziele und Wünsche? Wie können ihre und meine Ziele zu etwas gemeinsamem kombiniert werden). Ich glaube, es ist einleuchtend, daß bei einer solchen gemeinsamen inneren Haltung aller Beteiligten sich ein ganz anderes Rollenspektrum ergeben würde als das in dem einleitenden Text dargestellte deprimierende Szenario.

„authentische“ Kommunikation und authentische Kommunikation

Es gibt in der Gemeinschaftszene eine leider sehr verbreitete Unsitte, sogenannte „authentische“ und „transparente“ Kommunikation für ein Allheilmittel zu halten. Die Anführungszeichen bedeuten, daß absurderweise darunter oft inszenierte Gefühlsausbrüche verstanden werden, die andere Menschen in irgendeiner Weise unter Druck setzen sollen – letztlich auch nur eine Variante nötigungsorientierter Kommunikation. „Anpissen“ im obigen Sinne wäre demnach eine Tugend, weil es „wahre“ und „aufrichtige“ Gefühle „transparent“ zum Ausdruck bringen würde. Nun, die Zustandsbeschreibung im einleitenden Text gibt beredete Kunde vom Erfolg solcher Annahmen. Den Begriff „authentisch“ (= echt, wahrhaftig) ernst nehmen, bedeutet zu unterscheiden zwischen Intentionen einerseits und Strategien, diese umzusetzen. An einem Beispiel illustriert: ein Mensch x hat Sehnsucht nach menschlichem Kontakt, und deswegen fängt er mit allen möglichen Leuten Streit an – ein Paradebeispiel aus der Praxis konkreter Psychotherapie. Hier ist eben zu unterscheiden zwischen der Intention (Sehnsucht nach Kontakt) und der – möglicherweise vollkommen untauglichen – Strategie (ständig Streit auslösen, um in Kontakt zu treten). Authentisch ist ein Mensch immer in seinen Intentionen (Marshall Rosenberg1 würde 1 Dr. Marshall B. Rosenberg (* 6. Oktober 1934 in Canton, Ohio) ist Gründer und Direktor des gemeinnützigen Center for Nonviolent Communication und er hat das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) entwickelt. Er selbst sagt, dass sein Konzept nichts Neues beinhalte, „alles, was in die GFK integriert wurde, ist schon seit Jahrhunderten bekannt. Es geht also darum, uns an etwas zu erinnern, das wir bereits sagen: Bedürfnissen), seine Strategien können diese sogar verdecken und für andere Menschen völlig unkenntlich machen. Authentische Kommunikation (hier ohne Anführungszeichen) würde bedeuten, den Intentionen von Menschen auf die Spur zu kommen, sie transparent (ohne Anführungszeichen) also durchsichtig zu machen, sie zu verstehen. Das kann dann sicherlich auch Gefühlsausbrüche beinhalten, aber dienen dann nicht als Vehikel nötigungsorientierter Kommunikation. Wo ich nämlich den anderen Menschen in seinen Intentionen begreife, kann ich auch Mittel und Wege finden, seine Intentionen mit den meinen zu verbinden.

Besser fühlen….

Jede(r)von uns hat schon erlebt, dass er/sie sich auch bei kontroversen Themen am Ende besser gefühlt hat statt schlechter.
Der hier geschilderte gewünschte Zustand verdient es, hinterfragt zu werden. Was sind die Bedingungen dafür, daß Menschen sich auch bei kontroversen Themen am Ende besser fühlen als schlechter? Ich bestreite in keiner Weise, daß es durchaus möglich ist, sondern frage ausdrücklich nach den Bedingungen dafür. Ist es vielleicht das Ambiente? Soll man den Raum vielleicht mit bunten Tüchern schmücken? Ist es die Geschicklichkeit eines Moderators oder Supervisors? Hilft es vielleicht, sich vor oder nach der Erörterung der kontroversen Standpunkte an den Händen zu fassen und „Mother I feel you“ zu singen? Oder hilft eine Befindlichkeitsrunde vorher und nachher? Darf es vielleicht eine Sprechstabrunde sein? Oder vielleicht doch lieber ein klassisches Forum und „transparente“ und „authentische“ Kommunikation? Oder machen wir zuerst einen gemeinsamen Ausflug und reden dann weiter? Wie wäre es mit einem gemeinsamen Arbeitseinsatz? Vielleicht bemerken die Leser an dieser Stelle einen Hauch Ironie? Es ist jedoch kein Witz: solcherlei „Lösungsvorschläge“ habe ich in solchen Situationen schon oft erlebt und auch selbst gemacht– in allen möglichen personellen Zusammenhängen und bei allen möglichen kontroversen Themen. Die Vorstellung ist sehr verbreitet, daß nach einem Urinbeckenszenario der geschilderten Art es nur einiger „hygienischer“ Maßnahmen bedürfe, um „die Luft zu reinigen“, und dann ist alles gut. Das alles kann zur bloßen Formsache degenerieren und erinnert dann in gewissem Sinne an schlecht verstandenes Voodoo: Rituale und Beschwörungen kennen – nämlich daran, wie unsere zwischenmenschliche Kommunikation ursprünglich gedacht war.“ Nemetische Heimatzeitung Nr. 11 6.n.Z. (2006) 16. Seite von 16 sollen den bösen Konflikt und die böse Stimmung aus der Welt schaffen und durch die Beschwörung von Gemeinschaft und Gemeinschaftsgeist wird schon irgendwie Gemeinschaft entstehen. Was ist aber, wenn trotz aller hygienischen Maßnahmen doch wieder „gepisst“ wird? Dann läuft das einleitend geschilderte Szenario mit der unerbittlichen Präzision eines Uhrwerkes erneut ab, und alles war für die Katz. Um nicht falsch verstanden zu werden: ich stelle keinesfalls den Wert „hygienischer Maßnahmen“ wie Lieder singen, Gruppenkommunikationstechniken anwenden etc in Frage. Aber es ist wichtig zu verstehen, daß es eben nur „hygienische“ Maßnahmen sind, die eben genau dann wirkungslos bleiben müssen, wenn keine allgemeine kooperative und integrative Grundhaltung der Beteiligten zugrunde liegt. Die Form (das Ritual) kann den Inhalt (die innere Haltung) nicht ersetzen. Dabei ist es ganz einfach: es werden sich alle Beteiligten nach einem kontroversen Thema genau dann besser fühlen, wenn alle Beteiligten ihre wichtigsten Anliegen bei diesem Thema gewahrt wissen und eine mehr oder weniger komplexe Lösung gefunden wurde, die alle zufriedenstellt. Dann gibt es auch einen wirklichen Grund, sich besser zu fühlen. Dann kann man auch beruhigt „Mother I feel you“ singen. Ich will an dieser Stelle natürlich nicht verschweigen, daß ein solcher einvernehmlicher Zustand (weitgehender Verzicht auf nötigungsorientierte Kommunikation) durchaus nicht leicht herbeizuführen ist – wie jedes Einvernehmen. Natürlich funktioniert dies nachhaltig nur, wenn sich alle an diese „Spielregel“ halten. Nach den Gesetzen der Spieltheorie / Konflikttheorie setzt sich defektives (also unkooperatives) Verhalten stets durch, wenn es ausschließlich mit kooperativem Verhalten beantwortet wird. Umgekehrt führt „Böses mit Bösem zu vergelten“ allein auch nur zu fortschreitender Eskalation. Die konkrete Alternative kann nur eine auf die jeweilige Situation angepaßte wehrhafte Friedfertigkeit sein, die auch in der Lage ist, angemessene Sanktionen bei Übergriffen zu ergreifen. Und vor allem: ein Bewußtsein über diese Zusammenhänge bei allen Beteiligten. Und ein von jedem wahrgenommenes Verantwortungsgefühl (Verantwortung im Sinne von „sich bewußt sein über die Wechselwirkungen, die man selbst auslöst“)

Konflikt als Störung oder Konflikt als Normalfall?

Diese Frage ist alles andere als beiläufig, sondern letztlich die Existenzfrage einer jeden Gemeinschaft. Viele Menschen glauben, daß ein Konflikt ein Störungsfall im Gemeinschaftsleben ist. Diese blöden Konflikte tauchen doch immer dann auf, wenn es gerade schön werden könnte. Könnte man doch den Konflikt „aus der Welt schaffen“, am Ende am besten dadurch, daß man eine der Konfliktparteien einfach aus der Gemeinschaft ausgrenzt. Hat man alle „Störer“ und alle „störenden Konflikte“ erst aus der Gemeinschaft entfernt, so die Idee, dann bricht ja irgendwann automatisch das Paradies aus. Das ist aber naiv. Der Konflikt in der Gemeinschaft ist kein Störungsfall, sondern ein Regelfall.
Warum?
Gemeinschaften setzen sich stets aus unterschiedlichen Menschen zusammen. Eine homogene Gemeinschaft gibt es nur als Abstraktion, und diese müßte vollständig aus Klonen bestehen. Wirkliche Gemeinschaften dagegen sind stets heterogen, und mithin sind unterschiedliche Intentionen, Wünsche und Ziele also auch Standard. Konflikt entsteht immer dann, wenn divergierende Interessen vorhanden sind. Wenn Menschen in Gemeinschaften grundsätzlich unterschiedliche (und mithin zunächst auch divergierende) Intentionen, Wünsche und Interessen haben, dann ist der Konflikt auch der Normalfall einer Gemeinschaft, und kein Störfall. Das muß in aller Radikalität auch so formuliert werden. Manchen mag das erschrecken. Aber auch nur dann, wenn nötigungsorientierte Kommunikation den Standard der Konfliktbehandlung darstellt. Ich sage bewußt Konfliktbehandlung, und nicht: Konfliktlösung. Denn nach meiner Erfahrung hat nötigungsorientierte Kommunikation fast immer zur Vertiefung von Konflikten geführt, und so gut wie nie zu deren Lösung (es sei denn, man bezeichnet Gruppenauflösung und –spaltung als Lösung). Kommunikationstechniken wie das oben zitierte „Anpissen“ haben nach aller Erfahrung zusätzlich die Tendenz, zu den vorhandenen (ungelösten) Konflikten noch neue, oft ungeahnte und überraschende Spannungen hinzuzufügen hinter denen der ursprüngliche Konflikt ungelöst zu verschwinden scheint.

Konsensfindung als Konfliktlösungsstrategie

Produktive Konfliktlösungen aber basieren stets auf Konsens, und Konsens bedeutet, daß die zentralen Intentionen und Wünsche aller Beteiligten in einer gemeinsamen kombinierten Lösung zu Tragen kommen. Über die Verwechslung von Konsensprinzip mit Vetoprinzip habe ich an anderer Stelle schon geschrieben, daher will ich nur am Rande darauf hinweisen, daß das Vetoprinzip (wenn ein einziger Nein sagt, dann ist eine Beschlußvorlage gekippt) das glatte Gegenteil vom Konsensprinzip darstellt (es wird eine Lösung gefunden, der alle zustimmen können), und nicht etwa seine Erfüllung.



Gemeinschaft als permanente Zielintegration

Wenn der Konflikt ein zentrales und ständiges Merkmal von Gemeinschaft ist, und die Konsensfindung (also die Entwicklung wirklicher Über-ein-stimmung) die sinnvollste Konfliktlösungsstrategie, dann stellt sich Gemeinschaft als permanente Zielintegration dar. Es ist geradezu das Wesen von Gemeinschaft, die Interessen aller ihrer Mitglieder zu integrieren, d.h. in Einklang miteinander zu bringen, ohne einzelne davon zu zerbrechen, zu unterdrücken, zu übervorteilen. Dieser eigentlich einleuchtende Zusammenhang ist aber interessanterweise in weiten Teilen der Gemeinschaftsbewegung den Menschen völlig unbewußt. Logischerweise werden Verhaltensmuster gepflegt, die im wesentlichen konkurrierend die jeweils individuellen Interessen gegen andere „durchsetzen“. Im Ergebnis bleiben dann meistens auch die „durchgesetzten“ individuellen Interessen gemeinsam mit den übervorteilten vollständig auf der Strecke. Es gibt gewiß eine verbreitete Gemeinschaftssehnsucht – die Gemeinschaft gewissermaßen als nährende Mutter, die ihren Mitgliedern wie bedüftigen Kindern alle ihre Wünsche erfüllt. In praxi besteht aber eine Gemeinschaft in Gestalt ihrer Mitglieder meist nur aus „bedürftigen Kindern“, und eine kollektive Mutter könnte nur von allen gemeinsam entwickelt werden, wenn sie denn diese Aufgabe überhaupt begreifen würden. Ich habe schon zu oft erlebt, wie Gruppen unter der Last der konkurrierenden Forderungen ihrer Mitglieder zusammengebrochen sind, weil niemand da war, der die Forderungen noch erfüllen konnte oder wollte. Die kollektive Mutter kann aber nur durch die gesamten Einzelindividuen dargestellt werden. Praktisch bedeutet das aber, daß alle Mitglieder ein Stück von der kollektiven Mutterrolle übernehmen und sich in Integration üben müssen, eben im Verbinden der eigenen Interessen mit denen anderer. Wo die permanente Zielintegration aller Beteiligten nicht das vorherrschende Prinzip ist, da kann höchstens eine permanente Gemeinschaftsillusion entstehen. Denn letztlich wird ein Mensch nur dann bei einer Gemeinschaft bleiben, wenn er dort seine Ziele und Wünsche gut aufgehoben findet. Muß er sich reduzieren, verbiegen und zurückstecken, um sich einer wie auch immer gearteten Gruppenmeinung anzupassen, die sich aus kombinierten Vetos zusammensetzen, dann wird er früher oder später den Zusammenhang resigniert verlassen. Permanente Zielintegration ist ein Prozeß. Das will heißen, es handelt sich um eine Aufgabe, die nie abgeschlossen ist. Aber ihre fortlaufende Bewältigung bewirkt das qualitative Wachstum sowohl der Gemeinschaft als auch aller ihrer Mitglieder. Permanente Zielintegration muß aber gleichzeitig auch wieder von allen getragen werden. Es ist nicht so, daß wir neue Fähigkeiten bräuchten, um diese Aufgabe zu bewältigen. Die Fähigkeiten an Aufmerksamkeit und Wahrnehmung sind alle vorhanden. Es kommt auf die Haltung an, die kollektive und die aller einzelnen Beteiligten. Wo die konkurrierende Durchsetzung der eigenen Interessen gegen die anderen – oder die Unterdrückung derselben durch andere – im Zentrum des Gruppengeschehens steht, da werden Konflikte permanente quälende Störfaktoren sein. Wo aber die Kombination der eigenen Interessen mit denen der anderen im Mittelpunkt der Kommunikation steht, da werden Konflikte Inspirationen zu ungeahnten Lösungen auf höheren Ebenen sein, die die Gruppe und auch jeden einzelnen voran bringen. Gewiß wird sich die Wahrnehmungsfähigkeit aller Menschen in einem solchen Prozeß enorm entwickeln, die Aufmerksamkeit wird sich auf die Kooperation mit anderen und die Architektur der Kooperation (vor allem der Kombinations- und Integrationsfähigkeit) konzentrieren. Dagegen ist der Blick aus der Perspektive der nötigungsorientierten Kommunikation sehr eng (Wie setze ich mich durch? Wie blocke ich andere geschickt ab? Wie tarne ich meine wahren Absichten?). Die der kooperationsorientierten Kommunikation ist notwendigerweise weit (Was sind meine Interessen, was die der anderen? Wie können wir diese Interessen in einem gemeinsamen Rahmen kombinieren?).

Schlusswort

In dem Text werden noch andere, sich aus dem Thema Konfliktbehandlung ergebende Fragen gestellt, die ich abschließend beantworten möchte, um den Aufsatz abzurunden. Mit welchen Regeln können wir uns alle identifizieren, so dass sie auch halten? Mit den Regeln, die wirklich einvernehmlich entwickelt und gefunden wurden, und die für alle gleichermaßen gelten (sogenannte Goldene Regel). Mit Regeln, die nicht einvernehmlich alle entwickelt haben, können sich schwerlich alle identifizieren. Es gibt eine allgemein verbreitete Kunst, Regeln aufnötigen oder erzwingen zu wollen (die anderen stimmen zu, denn sie schweigen etc.). Das sind aber keine Regeln, die eingehalten werden. Können wir dafür sorgen, dass es bei den Treffen richtig angenehm wird? Wenn beispielsweise Urin in der Toilette entsorgt wird, und nicht in einer Besprechung. Um es anders zu formulieren: wenn nötigungsorientierte Kommunikation minimiert und kooperationsorientierte Kommunikation maximiert wird.

Können wir dafür sorgen, dass niemand den Groll aus einem Treffen noch aus ihm hinausträgt?

Nein.
Der springende Punkt ist der, daß ein solches Treffen im Grunde schon gescheitert ist, wenn es Groll produziert. Alles andere sind kosmetische Maßnahmen, die nicht fruchten. Als Groll wird gewöhnlich unterdrückter Zorn bezeichnet, der dann auftritt, wenn ein Mensch in seinen Intentionen nicht zum Zuge kommt oder wenn er beleidigt und abgewertet wird. „Anpissen“ ist eine zuverlässige Methode zur Produktion von Groll. Der obige Satz legt nahe, daß der Groll – möglicherweise standardmäßig- in dem Treffen selbst produziert wird. In diesem Fall liegt ohnehin die Antwort nahe: nein.

und wie kriegen wir das so hin, dass es innen ankommt und nicht nur eine Formsache ist?
Kooperationsorientierte Kommunikation ist eine Frage der inneren Haltung und keine Formsache, während nötigungsorientierte Kommunikation die wahren Intentionen meistens verbergen muss, und sich oft hinter Formsachen verbirgt. Um mit Marshall Rosenberg zu sprechen: wenn die Bedürfnisse aller Beteiligten (und nicht unbedingt ihre u.U. untauglichen Strategien) aufgegriffen und integriert worden sind, dann kommt es zuverlässig auch bei allen „innen“ an.

- raven -

aus
---------------------------------------------------
Nemetische Heimatzeitung Nr. 11 6.n.Z. (2006)
---------------------------------------------------

Über einige Bedingungen zur Herausbildung eines Stammes

Mit diesem Aufsatz möchte ich einige Bedingungen für die Herausbildung einer Großgemeinschaft, auch Stamm genannt, auflisten und erörtern. Dieses Unterfangen hat seinen Grund: seit vielen Jahren schon erlebe ich, daß viele Menschen das bisherige Lebens-, Kultur- und Gesellschaftskonzept an seinen Grenzen sehen und sich nach einem anderen Leben in Gemeinschaft sehnen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Alltag im Spätkapitalismus ist anstrengend geworden. Am meisten leiden die Alleinerziehenden, auf denen das ganze Gewicht von Kindererziehung und wirtschaftlicher Erwerbstätigkeit parallel lastet. Hinzu kommt die unsichere ökonomische Situation, der massive Arbeitsplatzabbau der letzten Jahre, die fortschreitende Vereinsamung und Versingelung der Gesellschaft bei gleichzeitiger Überschwemmung der Menschen mit sinnleerem Konsumgut. Das braucht wohl nicht weiter ausgeführt zu werden.

Gemeinschaftsbildung in Hemmung

Interessant ist die Frage, warum es unter diesen Bedingungen der Agonie spätkapitalistischen Gesellschaft nicht in massiverer Form zum Aufbau und zur Entwicklung von gemeinschaftsorientierten Alternativen kommt. Dabei mangelt es nicht an Versuchen, jedoch scheitern die meisten Ansätze in dieser Richtung regelmäßig. Es ist allerdings nicht sinnvoll, dem resignativ gegenüberzustehen. Der Aufbau einer neuen Gesellschaft jenseits des real existierenden Kapitalismus setzt natürlich zum einen voraus, daß klar ist, worin die entscheidenden Merkmale einer lebenswerten Zukunftsgesellschaft überhaupt bestehen sollen. Dies in mehreren Grundzügen zu skizzieren ist unter anderem ja auch die Aufgabe der Sieben Nemetischen Leitideen. Obwohl diese Sieben Nemetischen Leitideen bei allen Menschen, die sich mit ihnen beschäftigen, lebhafte Zustimmung finden, haben sie dennoch keine allgemeine Bewegung hin zum Aufbau einer auf diesen Prinzipien beruhenden Modellkultur geführt. Liegt dies an daran, daß diese Leitideen unzureichend wären? Zweifellos muß das richtig ein. Eine Idee, deren Zeit gekommen ist, wird bekanntermaßen unaufhaltsam sein. Ist die Zeit für die Nemetische Vision noch nicht gekommen? An Mängeln in der Vision des Anzustrebenden kann es nicht liegen, denn es ist nicht sinnvoll, das zu voreilig bis ins Detail auszuführen – schließlich ist die Vision Nemetien explizit ein Rahmen, der vielen individuellen Einzelvisionen von einzelnen Menschen Raum und Entwicklungsmöglichkeit geben soll, da wäre es nicht sinnvoll, zu viel festzuschreiben.

Warum scheitern Gemeinschaftsansätze so oft?

Probleme bestehen eher auf dem Weg zum Ziel. Wie ist es möglich, kleine Ansätze einer Zukunftsgesellschaft zu schaffen in Form von funktionierenden menschlichen Gemeinschaften? Oder anders gefragt: was verhindert das Entstehen solcher kleinen Ansätze oder bringt sie früh zum Scheitern. Vor einigen Jahren noch war ich geneigt, vor allem den ökonomischen Faktor für den wichtigsten und entscheidensten zu halten. Ein Gemeinschaftsansatz, der nicht eigene ökonomische Grundlagen hat, muß notwendigerweise zum Scheitern verurteilt sein. Das halte ich auch heute noch nicht für falsch. Die Beispiele des Stammes der Likatier oder der Kommune Niederkaufungen zeigen bestens, daß stammeseigene (oder gemeinschaftseigene) Betriebe eine ganz wichtige Grundlage sind für Stabilität und Entwicklung einer Gemeinschaft. Doch unterdessen bin ich – durch eigene Erfahrung – darauf gestoßen, daß Techniken und Methoden der Kommunikation, oder genauer gesagt Verfahren des Umgangs im täglichen Miteinander, mindestens ein genau so entscheidender Faktor ist. Vor einigen Jahren machte ich die Entdeckung der Existenz nötigungsorientierter Kommunikation. Einfach ausgedrückt handelt es sich um die Beobachtung, daß es Menschen gibt, die ihre Kommunikation darauf ausrichten, in anderen Menschen gezielt schlechte Gefühle auszulösen, um diese zu irgendeine Handlung oder gar Selbstveränderung zu zwingen, also zu nötigen.

Nötigungsorientierte Kommunikation

Dieses Theorem der nötigungsorientierten Kommunikation kann durch einige Beispiele erläutert werden: wenn etwa Beziehungspartner sich gegenseitig durch gezielt ausgelöstes „schlechtes Gewissen“ zu etwas zu zwingen versuchen; wenn durch Drohungen eigene Interessen durchgesetzt werden; etc. Zuerst beobachtete ich diese Erscheinung an bestimmten Menschen und hielt es für eine individuelle Erscheinung, den spezifischen Charaktermerkmalen der jeweiligen Person entsprechend. Doch ein erweiterter Blick offenbart sehr schnell, daß die meisten Menschen sich mehr oder weniger oft dieser Methode bedienen. Ja selbst kleine Kinder kann man schon dabei beobachten, wie sie durch gezielt ausgelöste schlechte Gefühle etwa in den Eltern ihre eigenen (augenblicklichen) Interessen durchsetzen (durch Schreien, Quengeln, Im- Supermarkt-auf-den-Boden-Werfen etc.) In der Tat, ich wurde auch gefragt: „was ist an nötigungsorientierter Kommunikation denn so schlimm, es macht doch jeder...“ Letztlich stimmt es natürlich. Jeder Mensch steht vom Beginn seines Lebens an vor der Frage: „Wie bringe ich andere Menschen dazu, das zu tun, was ich will, daß sie es tun?“ Eine sehr naheliegende Methode und zunächst sogar eine erfolgversprechende ist nötigungsorientierte Kommunikation. Ich „nerve“ den anderen so lange, bis ein gewisser Leidensdruck erreicht ist und er das tut, was ich möchte, daß er es tut. Eltern, deren Kinder gelernt haben, durch die Methoden von Quengelei und Nörgeln ihre Erzeuger und Erzieher zurechtzudressieren, können ein Lied davon singen. Wo ist dann das Problem? Das Problem fängt da an, wo nötigungsorientierte Kommunikation zum Kommunikations – Standard wird. Nach außen hin sichtbar ist dann lediglich, daß solche Bezugsfelder zerfallen. Ist auch klar: eine von nötigungsorientierter Kommunikation beherrschte Szenerie wird von den meisten geistig gesunden Menschen als unerträglich empfunden. Kein Wunder auch, wer liebt schon eine Umgebung, die hauptsächlich schlechte Gefühle in einem hervorruft?

Alternativen zum Gewohnten
Wo aber ist die Alternative zur nötigungsorientierten Kommunikation? Als ich mir diese Frage stellte, konnte ich sie mir zunächst nur negativ beantworten: die Alternative zur nötigungsorientierten Kommunikation besteht demnach in nötigungsfreier Kommunikation. Ein Marshall Rosenberg hat etwa aufgrund ähnlicher Erkenntnisse sein Kommunikationskonzept und –modell von der „gewaltfreien Kommunikation“ entwickelt.
Näher besehen aber zeigt sich, daß die Alternative zur nötigungsorientierten Kommunikation nicht einfach in der Abwesenheit von Nötigung bestehen kann. Das allein genügt nämlich nicht. Es müssen einige wichtige kommunikative Elemente hinzukommen. Da ist zum einen etwas, was man Empathie nennen könnte. Es handelt sich um die Fähigkeit, sich in andere Menschen „einfühlen“ zu können. Nur scheinbar ist dies eine Eigenschaft, die nur wenigen Menschen zu eigen ist. Auch und gerade im Gemeinschaftsumfeld zeigt sich, daß es immer wieder Menschen gibt, die sich gar keine Gedanken darüber machen, daß es auch andere Menschen geben könnte, die schlichtweg Anliegen und Ziele haben. Gemeinschaft wird von diesen betrachtet als eine Art kostenloser Selbstbedienungsladen, in dem man seine eigenen Interessen einfordert und gegen alle Widerstände vor allem „konkurrierende Interessen“ durchsetzt. Oft wird auch das – im Gemeinschaftsumfeld oft angestrebte – Konsensprinzip als Mittel zur Machtdurchsetzung mißbraucht, indem es zum Vetoprinzip degeneriert, welches streng genommen das Gegenteil von Konsens (im Sinne von Übereinstimmung) bedeutet. Menschen, die sich ansonsten gern als machtlos erleben, erfahren ein scheinbares Gefühl von Macht durch die Möglichkeit, „nein“ zu sagen und die Interessen und Ziele anderer zu verhindern.

Empathie
Empathie dagegen ist etwas anderes, es meint einfach die Fähigkeit, wahrzunehmen, daß andere Menschen auch Anliegen und Interessen haben, und daß ein gedeihliches Zusammenleben als Gemeinschaft nur möglich ist, wenn alle Beteiligten die Möglichkeit haben, ihre Anliegen und Ziele zu verwirklichen.
Scheinbar ist das ein ganz einfacher Zusammenhang. Und doch habe ich selbst bei kleinsten Gemeinschaftsansätzen immer wieder erlebt, wie gerade auf diesem Gebiet eine allgemeine Blindheit vorherrscht. Es herrscht gewöhnlich Ellbogendenken und Egoismus vor, gewöhnlich gut getarnt durch zur Schau getragene „Friedfertigkeit“.
Gewiß werden heutzutage Interessengegensätze nicht mehr mit Keule, Schwert, Pistole oder den Fäusten ausgetragen. Das mag man für einen Fortschritt halten, gewiß. Ein wirklich evolutionärer Sprung in eine gemeinschaftsorientierte Zukunft würde allerdings darin bestehen, daß das gemeinsame Bemühen der Gemeinschaft darin besteht, die Interessen und Anliegen aller Beteiligten zur Geltung kommen zu lassen und sie miteinander zu verknüpfen zu etwas, was man einen gemeinsamen Zielkomplex nennen könnte. Erst damit beginnt Gemeinschaft wirklich. Vorher existiert nur die Illusion von Gemeinschaft. Das ist keineswegs nur ein Theorem, sondern profunde praktische Erfahrung. Wo das individuelle Durch-Setzen eigener Anliegen gegen die Anliegen der anderen der wesentliche Inhalt der Kommunikation innerhalb der Gemeinschaft wird, da ist der eigentliche Gemeinschaftsprozeß schon gescheitert und übrig bleiben Zweckgemeinschaften, deren Mitglieder sich eifrig voneinander abgrenzen, ja sogar abgrenzen müssen.
Das nenne ich das „Iterierte Maschendrahtzaundilemma“. Wer sich in Informatik nicht so auskennt, dem sei erläutert, daß das Wort „iteriert“ ständige Wiederholung bedeutet (z.B. bei Programmierschleifen).



Das „iterierte Maschendrahtzaundilemma“

Viele kennen den Raab – Song vom „Maschendrahtzaun“, der zum Hintergrund einen skurrilen Prozeß einer Eigenheimbesitzerin gegen ihren Nachbarn zum Gegenstand hatte.
Dieser Gerichtsfall, der nicht nur Justiz, sondern auch eine hämische Regenbogenpresse beschäftigte, hatte das Anliegen der Klägerin zum Inhalt, daß ein vom Nachbarn am Grenzzaun angepflanzter Knallerbsenstrauch ihren geschätzten Maschendrahtzaun zum Rosten bringen würde.
Dieser durchaus sehr aussagekräftige und symbolhafte Prozeß wirft die Frage auf, warum Millionen von Menschen sich hinter Maschendrahtzäunen gegenüber ihren Nachbarn mit ihrem Vorgärtchen verschanzen, statt nicht gemeinsam das zur Verfügung stehende Land zum gemeinsamen Nutzen aller zu gestalten. Die Antwort heißt „iteriertes Maschendrahtzaundilemma“. Wo nämlich im wesentlichen die Haltung vorherrscht, eigene Interessen gegen „konkurrierende“ Interessen durchzusetzen, da entsteht sehr schnell Übergriffigkeit. Die Übergriffigkeit besteht schlicht im Ignorieren der Interessen und Anliegen anderer. Wo Übergriffigkeit besteht, da hilft letztlich nur die Abgrenzung: am besten einen klaren Maschendrahtzaun gegenüber dem Territorium der anderen, um von deren Übergriffigkeiten verschont zu bleiben. Ich erwähne nur am Rande, daß das Verständnis dessen, was Übergriffigkeit ist, bei den Menschen sehr weit auseinanderklafft. Wer kennt nicht das Sprichwort: „Es kann keiner in Frieden leben, wenn es dem mißgünstigen Nachbarn nicht gefällt“. Gewiß mögen das Mechanismen sein, wie sie in der Welt kleinbürgerlicher Spießer vorherrschen. Doch Gemeinschaftsbildung setzt voraus, daß diese Mechanismen eben nicht mehr prägend sind, sondern stattdessen ein gegenseitiges Berücksichtigen und wechselseitige Einbindung der Interessen der anderen. Dafür wurde aber in dieser Kultur niemand erzogen. Selbst bei sogenannten „heilen Familien“ herrscht hinter der schönen Fassade nötigungsorientierte Kommunikation vor, deren Leidtragenden meistens – wenn sie denn vorhanden sind – die Kinder und Jugendlichen sind. Ich habe mich in meiner eigenen Erfahrung schon mehrere Male in Wohngemeinschaften in diesem „iterierten Maschendrahtzaundilemma“ wiedergefunden, und glaube auch längst nicht mehr an Zufälle. Es ist wohl ein Fakt, daß kooperative und integrative Methoden der Kommunikation eine unabdingbare Voraussetzung für das Entstehen von Großgemeinschaften ist.

Transparenz, Authentizität und kooperative Haltung

Das betrifft keinesfalls nur das Thema der „Transparenz“, wie viele Gemeinschaftsbewegte – etwa aus dem ZEGG – Umfeld - meinen. Nach deren Auffassung entsteht Vertrauen in einer Gemeinschaft, wenn Transparenz und Authentizität besteht. Dazu soll u.a. eine Kommunikationsform namens „Forum“ verhelfen. Ich lehne diese Auffassung, daß Authentizität und Transparenz wichtige Elemente von Vertrauensbildung in einer Gemeinschaft sind, nicht ab. Aber es reicht bei weitem nicht aus. Wer wie ich erlebt hat, wie „Foren“ nach der Art des ZEGG von Personen als eine Art Tribunal mißbraucht wurden, Forumsauftritte vor allem den Zweck hatten, einen nötigenden Druck auf gewisse Personen auszuüben, der weiß, daß bloße Authentizität und Transparenz völlig unzureichend sind, wenn dahinter der unbedingte Wille einzelner Personen steht, anderen ihren Willen aufzuzwingen und eigene Interessen gegen andere durchzusetzen. Die Haltung macht also die Musik, und nicht die Form.
Erst unter der Bedingung, daß ich mir des grundsätzlichen Wohlwollens und Kooperationsbereitschaft der anderen sicher sein kann, erst unter dieser Bedingung macht Transparenz und Authentizität überhaupt Sinn. Ansonsten herrschen nämlich letztlich die Gesetze des Kampfes, und Kampf ist immer dann, wenn es gilt ein Interesse gegen das andere durchzusetzen, wo es also um eine Gewinner – Verlierer – Situation geht. Wenn ich in einer Kampfsituation mich befinde, dann sind Transparenz und Authentizität unter Umständen sogar schädlich, denn ich bringe mich durch das Preisgeben meiner Absichten und eventuellen emotionalen Ausbrüchen gewöhnlich in Nachteil.

Wann herrscht Kampf?

Mancher mag entsetzt sein, wenn er in diesen Zeilen das Wort „Kampf“ liest. Will man nicht gerade in gemeinschaftsbewegten Kreisen „gewaltlos“ oder gar „gewaltfrei“ sein? Nun, ebenso wie die schlimmsten Verbrechen der Geschichte stets im Namen des Guten vollbracht wurden, so tarnt sich Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit am besten durch vorgeschobene Friedfertigkeit. Wer hat das nicht schon erlebt? In der chinesischen Strategielehre gibt es für diese „Kriegslist“ sogar einen Namen:
„Hinter einem Lächeln ein Messer verbergen“.
Kampf herrscht grundsätzlich dort, wo konkurrierend Interessen gegen andere Interessen durchgesetzt werden sollen, wo also eine Gewinner – Verlierer – Situation beabsichtigt ist. Gewiß gibt es sehr differenzierte Eskalationsebenen, in den seltensten Fällen gehen Kontrahenten mit Fäusten aufeinander los. Eine sehr subtile Form, seine Interessen gegen alle anderen durchzusetzen, ist ja gerade die nötigungsorientierte Kommunikation, wo durch Vorwurf, „schlechtes Gewissen“, Schaffung vollendeter Tatsachen etc. eine günstige Situation für den zur Durchsetzung seiner Interessen Entschlossenen geschaffen werden soll.
Gemeinschaft beginnt aber erst dort, wo allgemein, und von allen Beteiligten, eine Gewinner – Gewinner – Situation herbeigeführt werden soll. Interessanterweise sind die wenigsten Gemeinschaftsbewegten sich über diesen Zusammenhang im Klaren. Als ausschlaggebend für Gemeinschaftsbildung werden stattdessen reinste Sekundärtugenden verstanden: Transparenz, Authentizität, momentane Sympathie (am wenigsten verläßlich!), gemeinsame Aktivitäten, ausgeklügelte Dienstpläne etwa für Küchen- und Putzdienste etc.

Wann herrscht kein Kampf?

Dabei ist doch klar, daß ein Mensch nur dann dem Gemeinschaftsleben vor dem individuellen Singleleben oder der Kleinfamilienexistenz den Vorzug gibt, wenn er sich sicher sein kann, daß er in diesem Rahmen auch seine rein persönlichen Anliegen, Ziele und Interessen verwirklichen kann. Wenn Gemeinschaftsleben nur im Zurückstecken gegenüber den Interessen der raumgreifenden Rücksichtslosen besteht, dann verliert Gemeinschaft auch ihren Sinn.
Ein gewisser Gradmesser für eine diesbezügliche Reife eines Gemeinschaftsansatzes ist nicht zuletzt auch das Umgehen mit Kindern und Jugendlichen. Ich konnte immer wieder beobachten, daß auch überzeugte Gemeinschaftsbewegte gerade Jugendliche als eine Art minderwertige Menschen (ich will jetzt nicht das verruchte Wort „Untermenschen“ verwenden) betrachten, deren (natürlich durchweg „unvernünftige“) Interessen überhaupt nicht zählen, sondern die gewissermaßen zurechtgehobelt werden müssen. Natürlich möchte ich hier nicht propagieren, daß Jugendliche etwa ein gleiches Stimmrecht wie Erwachsene haben sollten, wenn es etwa um Entscheidungen großer finanzieller Tragweite handelt. Es geht auch nicht um formales Stimmrecht. Es geht darum, ob Jugendlichen überhaupt das Recht auf eigene Anliegen, Interessen und Bedürfnisse zugesprochen wird, wo sie als menschliche Wesen ernstgenommen werden. So etwas habe ich bisher ausschließlich beim Stamm der Likatier erlebt.

Win-Win-Dynamik

Wie ist es denn möglich, in einem Gemeinschaftsansatz so eine Win-Win-Dynamik zu erzeugen, diesen fortlaufenden Prozeß der Integration, von dem ich in der letzten Ausgabe der Nemetischen Heimatzeitung gesprochen habe?
Nun, das Grundproblem ist natürlich, daß man bei den meisten Menschen eine solche bewußte Haltung nicht voraussetzen kann. Die Prägung durch die herkömmliche Kultur ist ja eine andere: „Halte deine Schäfchen im Trockenen!“, „Schau in erster Linie auf dein eigenes Interesse!“, etc. Gemeinschaftsleben ist stets auch ein gemeinsames Wachstum, gleichwohl gibt es genug Menschen, die für sich selbst keine Notwendigkeit des Wachstums sehen (sollen die anderen doch „wachsen“, wenn sie wollen).
So scheitern natürlich Gemeinschaftsansätze, die aus einem zusammengewürfelten Personenkreis bestehen, deren Bindeglied allenfalls eine momentane Sympathie und eine gewisse Entschlossenheit zu einem Experiment ist, solche Ansätze scheitern regelmäßig. Gerade kleine Ansätze sind oft mit überbordernden Forderungen Einzelner zu Lasten aller anderer vollkommen überfordert, es folgen (iteriertes Maschendrahtzaundilemma) Abgrenzung, Separation und schließlich Trennung.
Dabei ist die Lösung nicht so schwer, es erfordert lediglich, daß ALLE Beteiligten gleichermaßen sich auszeichnen – nicht etwa durch ein gemeinsames Interesse, denn das läßt sich nicht voraussetzen, sondern durch den gemeinsamen Willen zum Interessenausgleich, zur Integration, zur Kombinierung aller Einzelinteressen ohne Abstriche zu einem Gesamtinteresse, in dem alle Einzelinteressen vereint sind. Das erfolgt sicherlich nicht durch Fingerschnipp, sondern ist ein permanenter Prozeß, der erst eingeübt werden muß. Wir sind es eben nicht gewohnt, in Gemeinschaften als Identitäten zu denken und zu fühlen. Das müssen wir ändern.

-Raven-
------------------------------------------------
Aus Nemetische Heimatzeitung Printausgabe Nr. 11 Februar 2006
------------------------------------------------

Sonntag, 10. Februar 2008

Etienne Cabet

Étienne Cabet (* 1. Januar 1788 in Dijon, Frankreich; † 8. November 1856 in St. Louis, USA) war ein französischer Publizist, Politiker und Revolutionär. In der Gemeinschafts- und Abeiterbewegung des 19. Jahrhunderts war Etienne Cabet, der einen christlichen Sozialismus vertrat, eine international bekannte Legende.
Wir wollen ihn vor der Vergessenheit bewahren.



Enttäuscht von dem autoritären Verhalten und der sozialen Kälte des Bürgerkönigs Louis Phillippe wurde Cabet zum Sozialisten. Er geißelte in seinen Schriften die Zustände in Frankreich und förderte die Bildungsarbeit unter Arbeitern. Er veröffentliche die oppositionelle Zeitung Le Populaire, die große Verbreitung fand, aber 1834 verboten wurde. Er wird wegen Majestätsbeleidung angeklagt und geht nach seiner Verurteilung für fünf Jahre ins Exil nach London. Dort gelangt er in Verbindung zum Philantropen Robert Owen, dessen Ideen in ihm die Plan reifen lassen, sozialistische Strukturen in Frankreich zu realisieren. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich arbeitete er journalistisch und politisch für soziale Erneuerung.
In seinem unter einem Pseudonym veröffentlichten Roman Die Reise nach Ikarien (Original: Voyage en Icarie) entwarf er die Idee eines utopistischen Gemeinwesens, das dank moderner Industrie ein hohes Einkommen erzielt, in dem aber die Produktionsmitteln der Allgemeinheit gehören. Mit der Gründung von Arbeiterbildungsvereinen versucht er, diesem Ziel näher zu kommen. Aufgrund seines aufbrausenden Temperaments und seines Geltungsbedürfnisses isolierte sich Cabet aber zunehmend. Er unterstützt die Revolution 1848, kann sich aber mit seinen sozialen Ideen, auch unter den Arbeitern, nicht durchsetzen. Er ruft zur Auswanderung in die USA auf und gründet 1848 mit Kolonisten in Nauvoo am Mississippi sein Ikarien. Auch hier gerät er zunehmend in Konflikte mit den Kolonisten....

(entnommen der Online – Enzyklopädie Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Cabet)

Cabet hatte mit seinem vom achtzehnten Jahrhundert geprägten Denken ein von ihm selbst für vollkommen gehaltenes System geschaffen, das sich den Menschen dadurch empfehlen wollte, daß es versprach, sie glücklich zu machen. In seinem berühmten utopischen Roman „Reise nach Ikarien“ gab es einen Präsidenten und ein parlamentarisches System, das Elemente des französischen Revolutionskonvents und der amerikanischen Verfassung vereinte.
Das war für seine Zeit ein überaus kühner und fortschrittlicher Gedanke.

280 Ikarier kamenin der neuen Welt an, unter ihnen Cabet persönlich. Sie kauften den Mormonen die Siedlung Nauvoo ab. Sobald er aber erst einmal in einem regelrechten Gemeinwesen (in Nauvoo / USA, wo heute noch eine Gedenkstätte für ihn existiert) festen Fuß gefaßt hatte, entwickelte er sich zum Diktator.
Er scheint wenig von der geistigen Überlegenheit eines Robert Owen oder eines Noyes besessen zu haben.
Er galt als der bürgerlichste aller kommunistischen Führer.

Er hatte keine wahre Vorstellung von den Möglichkeiten der Landwirtschaft oder der Industrie und führte das Gemeinwesen nach den kleinlichen Maßstäben französischer Haushaltsführung, untersagte den Mitgliedern Tabak und Whisky, mischte sich in ihre privaten Angelegenheiten und untergrub die Stimmung, indem er die Mitglieder ermutigte, einander auszuspionieren. Schließlich wurde er so sehr zum Tyrannen, daß Bewohner seiner Kolonie vor seinem Fenster die »Marseillaise« sangen und ihm in offener Versammlung trotzten: »Sind wir fast fünftausend Kilometer gereist, um unfrei zu sein?«

1856 überstimmte und vertrieb ihn eine Mehrheit, und unmittelbar darauf starb der alte Mann in St. Louis.

Ein trauriges Ende für diesen großen Schriftsteller.

Das Unternehmen hielt sich in seinen Ausläufern bis 1895 und gehörte in den USA zu den langlebigsten seiner Art. Heute sind Spuren seines Lebenswerks im Icarian Living History Museum / Nauvoo, Illinois zu besichtigen.

Warum erinnern wir in dieser Ausgabe an Etienne Cabet?

Weil die Tragik seines Lebens gut zu den anderen Themen dieser Ausgabe paßt. (Anmerkung der NHZ: es ging um Alternativen zur nötigungsorientierten Kommunikation).
Im 19. Jahrhundert gab es geradezu ein Aufblühen teils religiös, teil politisch inspirierter Gemeinschaftsprojekte. Allein der US – Staat Pennsylvania beherbergte hunderte solcher Kolonien. Die meisten dieser Kolonien scheiterten, und das, obwohl schon Friedrich Engels auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und das vorbildliche Sozialwesen dieser Gemeinschaften hinwies. Sehr oft zerfielen diese Gemeinschaften an „inneren Zwistigkeiten“. Viele ihrer Gründer galten als herrisch, autoritär, eigensinnig etc. Oder man könnte sagen: große und hochfliegende Visionen scheiterten am Allzumenschlichen.

Für die Propagandisten des Neoliberalismus und der Ellbogengesellschaft sicherlich ein trefflicher Anlaß, von der Unmöglichkeit kommunitärer Gesellschaften zu sprechen, weil „die Menschen nicht dafür geschaffen sind“.
Das ist natürlich Unsinn.

Die Menschen lebten jahrhunderttausendelang in Stammesgemeinschaften, ehe sie – aus historischer Notwendigkeit und zur Verbesserung ihrer materiellen Lebenssituation - so etwas wie Staaten und die daraus hervorgehenden Zwangs- und Gewaltstrukturen entwickelten.
Friedrich Engels schrieb in „Geschichte der Familie, des Privateigentums und des Staates“ in einer Gegenüberstellung von Autoritäten in der Stammesgesellschaft und in der Zivilisation:
„Der lumpigste Polizeidiener des zivilisierten Staats hat mehr "Autorität" als alle Organe der Gentilgesellschaft (=Stammesgesellschaft) zusammengenommen; aber der mächtigste Fürst und der größte Staatsmann oder Feldherr der Zivilisation kann den geringsten Gentilvorsteher(=anerkannte Führungspersönlichkeiten, denen vertraut wird) beneiden um die unerzwungne und unbestrittene Achtung, die ihm gezollt wird“
Um die unerzwungene und unbestrittene Achtung eben geht es, um die kollektive Entwicklung von integrativen und kooperativen Fähigkeiten.

Gemeinschaften der Zukunft, das wissen wir frühestens seit Fourier, müssen auf Freiwilligkeit basieren. Natürlich waren Etienne Cabet, Robert Owen, ja auch Friedrich Engels Kinder ihrer Zeit und geprägt von der harschen Kommunikationskultur ihres Zeitalters. Und diese Kommunikationskultur war eben geprägt von den Zwangsstrukturen ihrer Gesellschaft: patriarchale Familie, militärische Arbeitsorganisation und so weiter.

Auch heute, im 21. Jahrhundert, sind wir Menschen in unseren Kommunikationsmustern zutiefst geprägt von den zerbröselnden Zwangsstrukturen der niedergehenden spätkapitalistischen Kultur.

Gewiß ist es ein großer Unterschied, ob Menschen mit Waffengewalt zur Arbeit oder zum Wohlverhalten gezwungen werden, oder ob sie sich „nur“ mit nötigungsorientierter Kommunikation gegenseitig traktieren. Und doch ist die Überwindung nötigungsorientierter Kommunikation auch heute noch die große Gegenwarts- und Zukunftsaufgabe. Etienne Cabet war ebenso wie Charles Fourier und all die anderen seiner Zeit visionär weit voraus, erweisen wir ihm die Ehre, aus seinem Scheitern als praktischem Gemeinschaftsführer im heute zu lernen, wie wichtig es ist, auf Freiwilligkeit, gegenseitiger Achtung und Integration basierende komplexe Gemeinschaften zu begründen.

Die Zukunft der Welt gehört der Gemeinschaft, habt also Vertrauen.

Étienne Cabet


----
von Konrad Argast
aus der Nemetischen Heimatzeitung Printausgabe Nr 11, Mai 2006
----

Ehre dem Andenken Etienne Cabets

Mittwoch, 23. Januar 2008

Ernst Bloch - Philosoph der konkreten Utopie

Ernst Bloch wird als der Philosoph der konkreten Utopien, der Tagträume, des Prinzips der Hoffnungen bezeichnet. Ich möchte Ihnen, liebe Leser, diesen großen Philosophen vorstellen.


Lebensdaten
Ernst Bloch wurde am 08.07.1885 in Ludwigshafen als Sohn jüdischer Eltern geboren. Er war ein Einzelkind und seine Jugend empfand er als wenig glücklich. Bloch selbst sagte, dass er sich „aufsässig gegen Haus und Schule“ verhielt.
Schon früh entdeckte der junge Bloch, dass er philosophische und literarische Neigungen hatte. Ab 1905 studierte er Philosophie. Als Nebenfächer wählte er Physik, Musik und Germanistik. Zwei Jahre später wechselte er nach Würzburg. Dort schloss Bloch sein Studium ab.
Schon jetzt Ernst Bloch stellte die Forderung nach einer neuen Metaphysik auf und wesentliche Theoreme seiner späteren „Philosophie der Utopie“. In Heidelberg 1912 gelangte Ernst Bloch in den Kreis um Max Weber. Sein erstes bedeutendes Werk erschien nach der Emigration in die Schweiz (am Ende des Ersten Weltkriegs). Es trägt den Namen „Geist der Utopie“. 1923 erschien eine Neufassung von „Geist der Utopie“, die noch stärker an marxistische Lehren angelehnt war. In Blochs Freundeskreis befanden sich u.a. Bert Brecht, Walter Benjamin und Theodor W. Adorno.
Nach Hitlers Machtübernahme 1933 emigrierte Ernst Bloch nach Zürich. Danach lebte er in den USA, wo mehrere Werke entstanden (z.B. „Naturrecht und menschliche Würde“ oder sein Hauptwerk „Das Prinzip der Hoffnung“).
1949 kehrte Bloch in den Osten Deutschlands, die DDR, zurück. Mit 64 Jahren erhielt er in Leipzig einen Lehrstuhl für Philosophie. Er wurde mit den Nationalpreis der DDR und den Vaterländischen Verdienstorden ausgezeichnet. Allerdings wurde er 1957 zwangsemeritiert, weil er Kritik an Staat und Partei geübt hatte.

Bei einem Besuch der Wagner-Festspiele in Bayreuth wurde Bloch vom Bau der Mauer überrascht und blieb im Westen. Die 68er Studentenbewegung begleitete er mit großer Sympathie und war mit Rudi Dutschke eng befreundet. Er starb 1977.

Grundgedanken seines Werkes

Bloch hat viel zur Rehabilitierung der Utopie getan. Er hat nachgewiesen, dass sie sehr wohl in Gestalt des Prinzips Hoffnung in eine Praxis der Emanzipation münden kann.

Ernst Bloch nennt das eine "konkrete Utopie" - für ihn ist dies kein Widerspruch und bewusst gegen die romantische Utopie gerichtet, die sich an der eigenen Unerfüllbarkeit weidet. Konkrete Utopie braucht Hoffnung - bei Bloch gibt es kein "jenseits der Hoffnung". Sie kann enttäuscht werden, aber sie stirbt nicht. Das Prinzip ist so stark, dass es sich jeder Katastrophe widersetzt. Eine Flagge kann auch dann noch an den Mast genagelt werden, wenn das Schiff untergeht, so Bloch. Bloch hofft auch wider alle Hoffnung. und überwindet damit die größte Gegenutopie - den Tod.

http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/62446/index.html

Manchem Leser mögen philosophische Texte diverser Autoren (wie etwa in der Schule behandelt) als sehr abgehoben, verkopft und abseits von Gefühlen und Empfindungen erscheinen. Doch dem ist nicht so bei Ernst Bloch. Bloch vermag es auch, sehr existenziellen Gefühlen, die jedem Menschen, unabhängig von ihrem Bildungsgrad vertraut sind, philosophisch zu betrachten.

"Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Was erwarten wir? Was erwartet uns? Viele fühlen sich nur als verwirrt. Der Boden wankt, sie wissen nicht warum und von was. Dieser ihr Zustand ist Angst, wird er bestimmter, so ist er Furcht.
Einmal zog einer aus, das Fürchten zu lernen. Das gelang in der eben vergangenen Zeit leichter und näher, diese Kunst ward entsetzlich beherrscht. Doch nun wird, die Urheber der Furcht abgerechnet, ein uns gemäßeres Gefühl fällig.
Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern."
(Aus dem Vorwort von „Prinzip Hoffnung“)

In einer Zeit, wo die neoliberale Propaganda uns allen einzutrichtern versucht, dass es zur gegenwärtigen Realität keine Alternative gäbe, ist es wichtig, eine Gegenposition zu beziehen, die das „Noch-Nicht-Sein“ in den Mittelpunkt des Denkens und Handelns stellt.

„Sozialutopie arbeitete als ein Teil der Kraft, sich zu verwundern und das Gegebene so wenig selbstverständlich zu finden, dass nur seine Veränderung einzuleuchten vermag.“

Ernst Bloch spricht in seinen Werken aber nicht nur das Gefühl an, sondern auch das Denken.

„Denken heißt Überschreiten. Freilich, das Überschreiten fand bisher nicht allzu scharf sein Denken. Oder wenn es gefunden war, so waren viel zu schlechte Augen da, die die Sache nicht sahen. Fauler Ersatz, gängig-kopierende Stellvertretung, die Schweinsblase eines reaktionären, aber auch schematisierenden Zeitgeistes, sie verdrängten das Entdeckte“. (Bloch, 1954-59: 2)

Blochs gesamtes Denken ist nach vorn, nicht nach rückwärts gerichtet.

„Nur jenes Erinnern ist fruchtbar, das zugleich erinnert, was noch zu tun ist.“ - Ernst Bloch; zit. nach Dr. Reinhard Gaede in CuS 4.1998

Einige von Ernst Blochs Sätzen sind wahre Edelsteine in ihrer Kürze und Prägnanz.

„Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ (Bloch, 1963: 11)

Getreu der Marxschen These über Feuerbach „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern“ bleibt Blochs Philosophie nicht in der bloßen Betrachtung stehen, sie ist appellativ und fordert zum Handeln auf.

„Ich bin. Wir sind. Das ist genug. Nun haben wir zu beginnen. In unsere Hände ist das Leben gegeben. Für sich selber ist es längst schon leer geworden. Es taumelt sinnlos hin und her, aber wir stehen fest, und so wollen wir ihm seine Faust und seine Ziele werden.“ (aus Geist der Utopie)

Persönliche Erinnerung
Ich hatte die Ehre, im Jahr 1971 dem großen Philosophen anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Ludwigshafen persönlich zu begegnen. Damals war ich ein „rebellischer Schüler“, der gemeinsam mit anderen meiner „Art“ in den Empfang der Stadtverwaltung eingeschleust worden war (von unserem Sozialkundelehrer), gekleidet in Jeans und Parka, lange Haare und so weiter, Sie wissen schon.
Der gesamte Festsaal war voller Schlips- und Anzugträger, trotzdem ließ es sich Ernst Bloch nicht nehmen, ausdrücklich unsere Bekanntschaft zu machen und ein längeres Gespräch mit uns zu suchen, sehr zum Verdruß mancher Schlipsträger, die sich lieber gemeinsam mit dem Geehrten auf Pressefotos ablichten lassen wollten.
„Sehr sympathisch“ sprach Ernst Bloch bedeutsam und drückte jedem von uns kräftig die Hand.
Gemäß dem Vers „Geschlagen ziehen wir nach Haus, die Enkel fechtens besser aus“ sah er uns politisierende Hippies wohl als seine Enkel an und behandelte die Statisterie der Anzugtypen wie die Theaterkulisse einer grotesken Komödie, die eigentlich niemanden wirklich interessiert. Die Ehrenbürgerschaft der Stadt Ludwigshafen, so sagte er uns, sei ihm eigentlich „wurscht“, viel eher ziehe er es vor, mit der rebellischen Jugend ins Gespräch zu kommen.
Ich weiß nicht, ob die beistehenden CDU- und SPD – Honoratioren in dem Augenblick entsetzt die Augen verdrehten, denn zu sehr zog mich die trotz ihres hohen Alters kraftstrotzende Persönlichkeit Blochs in den Bann.
So konnten wir „Paradiesvögel“ uns ungehindert an den Schnittchen und Fleischbällchen des Büffets delektieren, uns mit dargebotenen Zigarren ausstatten und die irritierten Blicke der Honoratioren genießen, wenn wir mit Ernst Bloch wie alte Bekannte über Politik und gesellschaftliche Utopien parlierten.
Die Begegnung erschien mir in einem gewissen Sinne schicksalhaft. Sie wirkte auf mich wie ein Steilpass im Fußball, oder auch wie die Übergabe eines Staffelholzes beim Staffellauf.
Und dabei ging es eindeutig nicht um gesellschaftlichen Rang, sondern um eine gewissermaßen geistige Potenz, dem „Geist der Utopie“.

Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern.

Blochs unsterbliches Verdienst bleibt, das Prinzip Hoffnung als Virus in unser Denken eingepflanzt und damit eine Idee geschaffen zu haben, die so konsequent und vollkommen ist, wie ein Kunstwerk.
Doch eine Idee wird erst dann zur materiellen Macht, wenn sie viele Menschen ergreift. Das ist eine Aufgabe nicht für die Philosophie, sondern für die tägliche Praxis.

Einige Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Bloch
http://www.bloch.de/
http://www.ernst-bloch-gesellschaft.de/
http://www.ernst-bloch.net/
http://www.bloch-akademie.de/

Über einige Bedingungen zur Herausbildung eines Stammes - Vorbedingungen zur Gemeinschaftsbildung

Vorbemerkung des Admin
Dieser Text wurde vermutlich 2005 oder 2006 von -raven- für das "Ganzheitliche Lebensnetzwerk" geschrieben und von Chris dort veröffentlicht. Wegen der thematischen Verwandtschaft zum Artikel "Au ja, wir gründen eine Gemeinschaft" soll er heute noch einmal veröffentlicht werden.
Die Quelle des Textes ist hier:
http://karlsruhe.ganzheitliches-lebensnetzwerk.de/index.php?site=artikel_direct&themeid=3&artid=5

Vorwort des Autors
Mit diesem Aufsatz möchte ich einige Bedingungen für die Herausbildung einer Großgemeinschaft, auch Stamm genannt, auflisten und erörtern. Dieses Unterfangen hat seinen Grund: seit vielen Jahren schon erlebe ich, daß viele Menschen das bisherige Lebens-, Kultur- und Gesellschaftskonzept an seinen Grenzen sehen und sich nach einem anderen Leben in Gemeinschaft sehnen.
Die Gründe dafür sind vielfältig: Alltag im Spätkapitalismus ist anstrengend geworden. Am meisten leiden die Alleinerziehenden, auf denen das ganze Gewicht von Kindererziehung und wirtschaftlicher Erwerbstätigkeit parallel lastet. Hinzu kommt die unsichere ökonomische Situation, der massive Arbeitsplatzabbau der letzten Jahre, die fortschreitende Vereinsamung und Versingelung der Gesellschaft bei gleichzeitiger Überschwemmung der Menschen mit sinnleerem Konsumgut. Das braucht wohl nicht weiter ausgeführt zu werden.

Gemeinschaftsbildung in Hemmung
Interessant ist die Frage, warum es unter diesen Bedingungen der Agonie spätkapitalistischen Gesellschaft nicht in massiverer Form zum Aufbau und zur Entwicklung von gemeinschaftsorientierten Alternativen kommt. Dabei mangelt es nicht an Versuchen, jedoch scheitern die meisten Ansätze in dieser Richtung regelmäßig. Es ist allerdings nicht sinnvoll, dem resignativ gegenüberzustehen. Der Aufbau einer neuen Gesellschaft jenseits des real existierenden Kapitalismus setzt natürlich zum einen voraus, daß klar ist, worin die entscheidenden Merkmale einer lebenswerten Zukunftsgesellschaft überhaupt bestehen sollen. Dies in mehreren Grundzügen zu skizzieren ist unter anderem ja auch die Aufgabe der Sieben Nemetischen Leitideen. Obwohl diese Sieben Nemetischen Leitideen bei allen Menschen, die sich mit ihnen beschäftigen, lebhafte Zustimmung finden, haben sie dennoch keine allgemeine Bewegung hin zum Aufbau einer auf diesen Prinzipien beruhenden Modellkultur geführt. Liegt dies an daran, daß diese Leitideen unzureichend wären? Zweifellos muß das richtig ein. Eine Idee, deren Zeit gekommen ist, wird bekanntermaßen unaufhaltsam sein. Ist die Zeit für die Nemetische Vision noch nicht gekommen? An Mängeln in der Vision des Anzustrebenden kann es nicht liegen, denn es ist nicht sinnvoll, das zu voreilig bis ins Detail auszuführen – schließlich ist die Vision Nemetien explizit ein Rahmen, der vielen individuellen Einzelvisionen von einzelnen Menschen Raum und Entwicklungsmöglichkeit geben soll, da wäre es nicht sinnvoll, zu viel festzuschreiben.

Warum scheitern Gemeinschaftsansätze so oft?

Probleme bestehen eher auf dem Weg zum Ziel. Wie ist es möglich, kleine Ansätze einer Zukunftsgesellschaft zu schaffen in Form von funktionierenden menschlichen Gemeinschaften? Oder anders gefragt: was verhindert das Entstehen solcher kleinen Ansätze oder bringt sie früh zum Scheitern. Vor einigen Jahren noch war ich geneigt, vor allem den ökonomischen Faktor für den wichtigsten und entscheidensten zu halten. Ein Gemeinschaftsansatz, der nicht eigene ökonomische Grundlagen hat, muß notwendigerweise zum Scheitern verurteilt sein. Das halte ich auch heute noch nicht für falsch. Die Beispiele des Stammes der Likatier oder der Kommune Niederkaufungen zeigen bestens, daß stammeseigene (oder gemeinschaftseigene) Betriebe eine ganz wichtige Grundlage sind für Stabilität und Entwicklung einer Gemeinschaft. Doch unterdessen bin ich – durch eigene Erfahrung – darauf gestoßen, daß Techniken und Methoden der Kommunikation, oder genauer gesagt Verfahren des Umgangs im täglichen Miteinander, mindestens ein genau so entscheidender Faktor ist. Vor einigen Jahren machte ich die Entdeckung der Existenz nötigungsorientierter Kommunikation. Einfach ausgedrückt handelt es sich um die Beobachtung, daß es Menschen gibt, die ihre Kommunikation darauf ausrichten, in anderen Menschen gezielt schlechte Gefühle auszulösen, um diese zu irgendeine Handlung oder gar Selbstveränderung zu zwingen, also zu nötigen.

Nötigungsorientierte Kommunikation

Dieses Theorem der nötigungsorientierten Kommunikation kann durch einige Beispiele erläutert werden: wenn etwa Beziehungspartner sich gegenseitig durch gezielt ausgelöstes „schlechtes Gewissen“ zu etwas zu zwingen versuchen; wenn durch Drohungen eigene Interessen durchgesetzt werden; etc. Zuerst beobachtete ich diese Erscheinung an bestimmten Menschen und hielt es für eine individuelle Erscheinung, den spezifischen Charaktermerkmalen der jeweiligen Person entsprechend. Doch ein erweiterter Blick offenbart sehr schnell, daß die meisten Menschen sich mehr oder weniger oft dieser Methode bedienen. Ja selbst kleine Kinder kann man schon dabei beobachten, wie sie durch gezielt ausgelöste schlechte Gefühle etwa in den Eltern ihre eigenen (augenblicklichen) Interessen durchsetzen (durch Schreien, Quengeln, Im-Supermarkt-auf-den-Boden-Werfen etc.) In der Tat, ich wurde auch gefragt: „was ist an nötigungsorientierter Kommunikation denn so schlimm, es macht doch jeder...“ Letztlich stimmt es natürlich. Jeder Mensch steht vom Beginn seines Lebens an vor der Frage: „Wie bringe ich andere Menschen dazu, das zu tun, was ich will, daß sie es tun?“ Eine sehr naheliegende Methode und zunächst sogar eine erfolgversprechende ist nötigungsorientierte Kommunikation. Ich „nerve“ den anderen so lange, bis ein gewisser Leidensdruck erreicht ist und er das tut, was ich möchte, daß er es tut. Eltern, deren Kinder gelernt haben, durch die Methoden von Quengelei und Nörgeln ihre Erzeuger und Erzieher zurechtzudressieren, können ein Lied davon singen. Wo ist dann das Problem? Das Problem fängt da an, wo nötigungsorientierte Kommunikation zum Kommunikations – Standard wird. Nach außen hin sichtbar ist dann lediglich, daß solche Bezugsfelder zerfallen. Ist auch klar: eine von nötigungsorientierter Kommunikation beherrschte Szenerie wird von den meisten geistig gesunden Menschen als unerträglich empfunden. Kein Wunder auch, wer liebt schon eine Umgebung, die hauptsächlich schlechte Gefühle in einem hervorruft?

Alternativen zum Gewohnten

Wo aber ist die Alternative zur nötigungsorientierten Kommunikation? Als ich mir diese Frage stellte, konnte ich sie mir zunächst nur negativ beantworten: die Alternative zur nötigungsorientierten Kommunikation besteht demnach in nötigungsfreier Kommunikation. Ein Marshall Rosenberg hat etwa aufgrund ähnlicher Erkenntnisse sein Kommunikationskonzept und –modell von der „gewaltfreien Kommunikation“ entwickelt. Näher besehen aber zeigt sich, daß die Alternative zur nötigungsorientierten Kommunikation nicht einfach in der Abwesenheit von Nötigung bestehen kann. Das allein genügt nämlich nicht. Es müssen einige wichtige kommunikative Elemente hinzukommen. Da ist zum einen etwas, was man Empathie nennen könnte. Es handelt sich um die Fähigkeit, sich in andere Menschen „einfühlen“ zu können. Nur scheinbar ist dies eine Eigenschaft, die nur wenigen Menschen zu eigen ist. Auch und gerade im Gemeinschaftsumfeld zeigt sich, daß es immer wieder Menschen gibt, die sich gar keine Gedanken darüber machen, daß es auch andere Menschen geben könnte, die schlichtweg Anliegen und Ziele haben. Gemeinschaft wird von diesen betrachtet als eine Art kostenloser Selbstbedienungsladen, in dem man seine eigenen Interessen einfordert und gegen alle Widerstände vor allem „konkurrierende Interessen“ durchsetzt. Oft wird auch das – im Gemeinschaftsumfeld oft angestrebte – Konsensprinzip als Mittel zur Machtdurchsetzung mißbraucht, indem es zum Vetoprinzip degeneriert, welches streng genommen das Gegenteil von Konsens (im Sinne von Übereinstimmung) bedeutet. Menschen, die sich ansonsten gern als machtlos erleben, erfahren ein scheinbares Gefühl von Macht durch die Möglichkeit, „nein“ zu sagen und die Interessen und Ziele anderer zu verhindern.

Empathie

Empathie dagegen ist etwas anderes, es meint einfach die Fähigkeit, wahrzunehmen, daß andere Menschen auch Anliegen und Interessen haben, und daß ein gedeihliches Zusammenleben als Gemeinschaft nur möglich ist, wenn alle Beteiligten die Möglichkeit haben, ihre Anliegen und Ziele zu verwirklichen. Scheinbar ist das ein ganz einfacher Zusammenhang. Und doch habe ich selbst bei kleinsten Gemeinschaftsansätzen immer wieder erlebt, wie gerade auf diesem Gebiet eine allgemeine Blindheit vorherrscht. Es herrscht gewöhnlich Ellbogendenken und Egoismus vor, gewöhnlich gut getarnt durch zur Schau getragene „Friedfertigkeit“. Gewiß werden heutzutage Interessengegensätze nicht mehr mit Keule, Schwert, Pistole oder den Fäusten ausgetragen. Das mag man für einen Fortschritt halten, gewiß. Ein wirklich evolutionärer Sprung in eine gemeinschaftsorientierte Zukunft würde allerdings darin bestehen, daß das gemeinsame Bemühen der Gemeinschaft darin besteht, die Interessen und Anliegen aller Beteiligten zur Geltung kommen zu lassen und sie miteinander zu verknüpfen zu etwas, was man einen gemeinsamen Zielkomplex nennen könnte. Erst damit beginnt Gemeinschaft wirklich. Vorher existiert nur die Illusion von Gemeinschaft. Das ist keineswegs nur ein Theorem, sondern profunde praktische Erfahrung. Wo das individuelle Durch-Setzen eigener Anliegen gegen die Anliegen der anderen der wesentliche Inhalt der Kommunikation innerhalb der Gemeinschaft wird, da ist der eigentliche Gemeinschaftsprozeß schon gescheitert und übrig bleiben Zweckgemeinschaften, deren Mitglieder sich eifrig voneinander abgrenzen, ja sogar abgrenzen müssen. Das nenne ich das „Iterierte Maschendrahtzaundilemma“. Wer sich in Informatik nicht so auskennt, dem sei erläutert, daß „iteriert“ ständige Wiederholung bedeutet (z.B. bei Programmierschleifen).

Das „iterierte Maschendrahtzaundilemma“

Viele kennen den Raab – Song vom „Maschendrahtzaun“, der zum Hintergrund einen skurrilen Prozeß einer Eigenheimbesitzerin gegen ihren Nachbarn zum Gegenstand hatte. Dieser Gerichtsfall, der nicht nur Justiz, sondern auch eine hämische Regenbogenpresse beschäftigte, hatte das Anliegen der Klägerin zum Inhalt, daß ein vom Nachbarn am Grenzzaun angepflanzter Knallerbsenstrauch ihren geschätzten Maschendrahtzaun zum Rosten bringen würde. Dieser durchaus sehr aussagekräftige und symbolhafte Prozeß wirft die Frage auf, warum Millionen von Menschen sich hinter Maschendrahtzäunen gegenüber ihren Nachbarn mit ihrem Vorgärtchen verschanzen, statt nicht gemeinsam das zur Verfügung stehende Land zum gemeinsamen Nutzen aller zu gestalten. Die Antwort heißt „iteriertes Maschendrahtzaundilemma“. Wo nämlich im wesentlichen die Haltung vorherrscht, eigene Interessen gegen „konkurrierende“ Interessen durchzusetzen, da entsteht sehr schnell Übergriffigkeit. Die Übergriffigkeit besteht schlicht im Ignorieren der Interessen und Anliegen anderer. Wo Übergriffigkeit besteht, da hilft letztlich nur die Abgrenzung: am besten einen klaren Maschendrahtzaun gegenüber dem Territorium der anderen, um von deren Übergriffigkeiten verschont zu bleiben. Ich erwähne nur am Rande, daß das Verständnis dessen, was Übergriffigkeit ist, bei den Menschen sehr weit auseinanderklafft. Wer kennt nicht das Sprichwort: „Es kann keiner in Frieden leben, wenn es dem mißgünstigen Nachbarn nicht gefällt“. Gewiß mögen das Mechanismen sein, wie sie in der Welt kleinbürgerlicher Spießer vorherrschen. Doch Gemeinschaftsbildung setzt voraus, daß diese Mechanismen eben nicht mehr prägend sind, sondern stattdessen ein gegenseitiges Berücksichtigen und wechselseitige Einbindung der Interessen der anderen. Dafür wurde aber in dieser Kultur niemand erzogen. Selbst bei sogenannten „heilen Familien“ herrscht hinter der schönen Fassade nötigungsorientierte Kommunikation vor, deren Leidtragenden meistens – wenn sie denn vorhanden sind – die Kinder und Jugendlichen sind. Ich habe mich in meiner eigenen Erfahrung schon mehrere Male in Wohngemeinschaften in diesem „iterierten Maschendrahtzaundilemma“ wiedergefunden, und glaube auch längst nicht mehr an Zufälle. Es ist wohl ein Fakt, daß kooperative und integrative Methoden der Kommunikation eine unabdingbare Voraussetzung für das Entstehen von Großgemeinschaften ist.

Transparenz, Authentizität und kooperative Haltung

Das betrifft keinesfalls nur das Thema der „Transparenz“, wie viele Gemeinschaftsbewegte – etwa aus dem ZEGG – Umfeld - meinen. Nach deren Auffassung entsteht Vertrauen in einer Gemeinschaft, wenn Transparenz und Authentizität besteht. Dazu soll u.a. eine Kommunikationsform namens „Forum“ verhelfen. Ich lehne diese Auffassung, daß Authentizität und Transparenz wichtige Elemente von Vertrauensbildung in einer Gemeinschaft sind, nicht ab. Aber es reicht bei weitem nicht aus. Wer wie ich erlebt hat, wie „Foren“ nach der Art des ZEGG von Personen als eine Art Tribunal mißbraucht wurden, Forumsauftritte vor allem den Zweck hatten, einen nötigenden Druck auf gewisse Personen auszuüben, der weiß, daß bloße Authentizität und Transparenz völlig unzureichend sind, wenn dahinter der unbedingte Wille einzelner Personen steht, anderen ihren Willen aufzuzwingen und eigene Interessen gegen andere durchzusetzen. Die Haltung macht also die Musik, und nicht die Form. Erst unter der Bedingung, daß ich mir des grundsätzlichen Wohlwollens und Kooperationsbereitschaft der anderen sicher sein kann, erst unter dieser Bedingung macht Transparenz und Authentizität überhaupt Sinn. Ansonsten herrschen nämlich letztlich die Gesetze des Kampfes, und Kampf ist immer dann, wenn es gilt ein Interesse gegen das andere durchzusetzen, wo es also um eine Gewinner – Verlierer – Situation geht. Wenn ich in einer Kampfsituation mich befinde, dann sind Transparenz und Authentizität unter Umständen sogar schädlich, denn ich bringe mich durch das Preisgeben meiner Absichten und eventuellen emotionalen Ausbrüchen gewöhnlich in Nachteil. Wann herrscht Kampf? Mancher mag entsetzt sein, wenn er in diesen Zeilen das Wort „Kampf“ liest. Will man nicht gerade in gemeinschaftsbewegten Kreisen „gewaltlos“ oder gar „gewaltfrei“ sein? Nun, ebenso wie die schlimmsten Verbrechen der Geschichte stets im Namen des Guten vollbracht wurden, so tarnt sich Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit am besten durch vorgeschobene Friedfertigkeit. Wer hat das nicht schon erlebt? In der chinesischen Strategielehre gibt es für diese „Kriegslist“ sogar einen Namen: „Hinter einem Lächeln ein Messer verbergen“. Kampf herrscht grundsätzlich dort, wo konkurrierend Interessen gegen andere Interessen durchgesetzt werden sollen, wo also eine Gewinner – Verlierer – Situation beabsichtigt ist. Gewiß gibt es sehr differenzierte Eskalationsebenen, in den seltensten Fällen gehen Kontrahenten mit Fäusten aufeinander los. Eine sehr subtile Form, seine Interessen gegen alle anderen durchzusetzen, ist ja gerade die nötigungsorientierte Kommunikation, wo durch Vorwurf, „schlechtes Gewissen“, Schaffung vollendeter Tatsachen etc. eine günstige Situation für den zur Durchsetzung seiner Interessen Entschlossenen geschaffen werden soll. Gemeinschaft beginnt aber erst dort, wo allgemein, und von allen Beteiligten, eine Gewinner – Gewinner – Situation herbeigeführt werden soll. Interessanterweise sind die wenigsten Gemeinschaftsbewegten sich über diesen Zusammenhang im Klaren. Als ausschlaggebend für Gemeinschaftsbildung werden stattdessen reinste Sekundärtugenden verstanden: Transparenz, Authentizität, momentane Sympathie (am wenigsten verläßlich!), gemeinsame Aktivitäten, ausgeklügelte Dienstpläne etwa für Küchen- und Putzdienste etc.

Wann herrscht kein Kampf?

Dabei ist doch klar, daß ein Mensch nur dann dem Gemeinschaftsleben vor dem individuellen Singleleben oder der Kleinfamilienexistenz den Vorzug gibt, wenn er sich sicher sein kann, daß er in diesem Rahmen auch seine rein persönlichen Anliegen, Ziele und Interessen verwirklichen kann. Wenn Gemeinschaftsleben nur im Zurückstecken gegenüber den Interessen der raumgreifenden Rücksichtslosen besteht, dann verliert Gemeinschaft auch ihren Sinn. Ein gewisser Gradmesser für eine diesbezügliche Reife eines Gemeinschaftsansatzes ist nicht zuletzt auch das Umgehen mit Kindern und Jugendlichen. Ich konnte immer wieder beobachten, daß auch überzeugte Gemeinschaftsbewegte gerade Jugendliche als eine Art minderwertige Menschen (ich will jetzt nicht das verruchte Wort „Untermenschen“ verwenden) betrachten, deren (natürlich durchweg „unvernünftige“) Interessen überhaupt nicht zählen, sondern die gewissermaßen zurechtgehobelt werden müssen. Natürlich möchte ich hier nicht propagieren, daß Jugendliche etwa ein gleiches Stimmrecht wie Erwachsene haben sollten, wenn es etwa um Entscheidungen großer finanzieller Tragweite handelt. Es geht auch nicht um formales Stimmrecht. Es geht darum, ob Jugendlichen überhaupt das Recht auf eigene Anliegen, Interessen und Bedürfnisse zugesprochen wird, wo sie als menschliche Wesen ernstgenommen werden. So etwas habe ich bisher ausschließlich beim Stamm der Likatier erlebt.

Win-Win-Dynamik

Wie ist es denn möglich, in einem Gemeinschaftsansatz so eine Win-Win-Dynamik zu erzeugen, diesen fortlaufenden Prozeß der Integration, von dem ich in der letzten Ausgabe der Nemetischen Heimatzeitung gesprochen habe? Nun, das Grundproblem ist natürlich, daß man bei den meisten Menschen eine solche bewußte Haltung nicht voraussetzen kann. Die Prägung durch die herkömmliche Kultur ist ja eine andere: „Halte deine Schäfchen im Trockenen!“, „Schau in erster Linie auf dein eigenes Interesse!“, etc. Gemeinschaftsleben ist stets auch ein gemeinsames Wachstum, gleichwohl gibt es genug Menschen, die für sich selbst keine Notwendigkeit des Wachstums sehen (sollen die anderen doch „wachsen“, wenn sie wollen). So scheitern natürlich Gemeinschaftsansätze, die aus einem zusammengewürfelten Personenkreis bestehen, deren Bindeglied allenfalls eine momentane Sympathie und eine gewisse Entschlossenheit zu einem Experiment ist, solche Ansätze scheitern regelmäßig. Gerade kleine Ansätze sind oft mit überbordernden Forderungen Einzelner zu Lasten aller anderer vollkommen überfordert, es folgen (iteriertes Maschendrahtzaundilemma) Abgrenzung, Separation und schließlich Trennung. Dabei ist die Lösung nicht so schwer, es erfordert lediglich, daß ALLE Beteiligten gleichermaßen sich auszeichnen – nicht etwa durch ein gemeinsames Interesse, denn das läßt sich nicht voraussetzen, sondern durch den gemeinsamen Willen zum Interessenausgleich, zur Integration, zur Kombinierung aller Einzelinteressen ohne Abstriche zu einem Gesamtinteresse, in dem alle Einzelinteressen vereint sind. Das erfolgt sicherlich nicht durch Fingerschnipp, sondern ist ein permanenter Prozeß, der erst eingeübt werden muß. Wir sind es eben nicht gewohnt, in Gemeinschaften als Identitäten zu denken und zu fühlen. Das müssen wir ändern.

-Raven-

Sonntag, 20. Januar 2008

Au ja, wir gründen eine Gemeinschaft!

Die Erfahrung zeigt, dass Sehnsucht nach Gemeinschaft verbreiteter ist als die – individuelle oder kollektive – Fähigkeit, eine Gemeinschaft mit aufzubauen. In 20 Jahren diesbezüglichen Versuchen und immer neuen Anläufen weiß ich, wovon ich rede.
Der rapide Zerfall der Familie in der zeitgenössischen spätkapitalistischen Welt (unter den Bedingungen der „Globalisierung“) produziert immer mehr Single – Existenzen und alleinerziehende Menschen (meistens Frauen), die mit ihrer Existenz oft alles andere als zufrieden sind, unabhängig von dem Maß an vermeintlichem Luxus, mit dem sie sich, oder auch nicht, eindecken können, um den Schrecken der Einsamkeit in der Massengesellschaft zu entgehen.
Von daher ist die diffuse Sehnsucht nach „Gemeinschaft“ naturgemäß sehr groß. Und immer wenn sich eine Gruppe unter der Devise „Gemeinschaftsbildung“ bildet, ist der Zulauf erfahrungsgemäß auch durchaus hoch. Doch bei diesen diffusen Gemeinschaftsbildungen ist die Erfolgsquote leider sehr sehr niedrig. Wenn es schon zu „Gemeinschaftsgründungen“ kommt, dann handelt es sich meistens um sehr kleine Wohn- oder Hausgemeinschaften entweder im Miet- oder im Eigentümerverhältnis, die sich sehr schnell zerstreiten.
Woran liegt das? Ist etwa die Legende wahr, dass „der Mensch“ „zu egoistisch“ sei, um wirklich gemeinschaftsfähig zu sein. Solcherlei wird einem gern eingeredet von den Propagandisten des „Neoliberalismus“, welcher – aus dubiosen „philosophischen“ oder „weltanschaulichen“ Quellen sich speisend, uns einreden möchte, dass die Profitgier einzelner quasi als „unsichtbare Hand“ gewissermaßen magischerweise das „beste“ für alle Menschen herbeiführen würde. Ich will diesen politisch – philosophischen Diskurs an dieser Stelle nicht führen, denn ich bin zutiefst überzeugt davon, dass der Mensch ein Gemeinschafts – Lebewesen ist und andernfalls evolutionär allenfalls dort gelandet wäre, wo sich heute die Kalmare und ihre Varietäten sind. Die Kalmare (Teuthida) stellen mit rund 400 Arten die größte Gruppe innerhalb der Kopffüßer dar, ihre größeren Gattungen und Arten zeichnen sich durchaus durch eine nachweisliche hohe Intelligenz aus. Allerdings entsprechen die Kalmare durchaus den Idealen des Neoliberalismus, sie gesellen sich zueinander nur in Paarungszeiten und fressen sich durchaus mit Eifer auch gegenseitig auf.
Trotzdem bleibt die Frage, warum Gemeinschaftsbildungen unter Menschen so oft scheitern, obwohl die Menschen evolutionär eher Hordenlebewesen sind und nachweislich ohne ihre Fähigkeit zur Kooperation nicht so weit hätten kommen können, wie sie gekommen sind.
Da also biologisch-genetische Faktoren weitgehend ausscheiden, müssen wohl kulturelle Faktoren ausschlaggebend sein.
Natürlich – wir alle sind Kinder des Spätkapitalismus und von dessen kulturellen Traditionen zutiefst geprägt.
Schaut man sich die Geschichte des Scheiterns von kleinen Gemeinschaftsansätzen an, so findet sich rasch, dass „Menschliches – Allzumenschliches“ die häufigsten Gründe für das Scheitern ist. In erster Linie, jeder Wohngemeinschafts – Erfahrene weiß das, sind Konflikte um Sauberkeit und Ordnung, um Bad und Küche, um finanzielle Anteile an diversen Ausgaben, um Art und Weise der Kommunikation miteinander.
Finanziell sind Gemeinschaftsprojekte, selbst sehr großer Art (Dimensionen von einigen hundert) sehr wohl berechenbar und realisierbar, der kommunikative Sprengstoff indessen lässt sich nicht berechnen.
Ein sehr verführerischer Gedanke ist der, eine Gemeinschaft zu begründen mit Menschen, die einem gerade augenblicklich sehr sympathisch sind. Dieser Gedanke ist noch nicht einmal falsch, denn wer wollte schon mit unsympathischen Menschen zusammenleben?
Aber er ist auch nicht wirklich richtig.
Sympathien und damit verbundene Gefühle können sehr konjunkturell sein, wie wir alle wissen. Wer heute noch verehrt und respektiert wird, kann morgen schon gemobbt werden. Häufig findet sich auch das Phänomen der schwarz – rose Matrix. Das funktioniert ungefähr so: wenn meine Kommunikationssituation mit einem bestimmten Menschen gerade gut ist, dann wende ich die rosa Matrix auf ihn an. Alle seine Eigenschaften und sein Verhalten erscheinen in einem rosa Licht. Gibt es allerdings einen Konflikt, der emotionale Verletzungen mit sich bringt, dann wird die rosa Matrix durch eine schwarze ausgetauscht, und der gleiche Mensch erscheint mit allen seinen Eigenschaften in einem dunklen Licht.
Jeder Mensch, der mit einer gewissen kritischen Distanz seine eigenen Gefühle beobachtet, kennt diese Erscheinung.
Sympathien allein ist also kein zuverlässiger Indikator dafür, ob eine Gemeinschaftsgründung erfolgreich ist.
Was aber sind zuverlässige Indikatoren?
Das ist ein sehr sehr großes Thema und unter anderem deswegen, um dieses Thema in all seinen Facetten zu erörtern und anhand von Erfahrungen zu beleuchten, schreibe ich diesen Blog.
Doch einige grundlegende Faktoren meine ich schon einmal kurz und prägnant benennen zu können.
Fragen Sie sich, liebe Leser, doch bitte einfach, was sie von einer Gemeinschaft erwarten, sich wünschen. Gewiß fallen Ihnen solche Worte wie „Vertrauen“, „Geselligkeit“, „förderliches Umfeld“, „gegenseitige Hilfe“ usw. ein, zuzüglich natürlich einige urpersönliche Wünsche, die nur Sie selbst kennen.
Sie haben also Erwartungen an eine Gemeinschaft, die es ihnen lohnend erscheinen lässt, die Idee einer Gemeinschaft überhaupt ins Auge zu fassen. Wenn Sie keine Möglichkeiten sehen, in einer konkreten Gemeinschaft ihre Wünsche und Erwartungen zu verwirklichen, werden Sie kaum so etwas ins Auge fassen.
Ein gewisser Aha – Effekt stellte sich bei mir ein, als ich vor vielen Jahren einmal das Kloster Maria Laach besuchte und von einem der Mönche dargestellt bekam, wie sich das (zölibatäre) Gemeinleben der Klosterbrüder so gestaltete.
Er berichtete mir und anderen, dass die Klostergemeinschaft sich – im Rahmen ihrer Ordensregeln, versteht sich – bemühe, den Neigungen und Leidenschaften von jedem der Brüder gerecht zu werden; meistens übten die Mönche ihre traditionellen Berufe weiter aus (z.B. Winzer) oder gingen ihren geistigen oder materiellen Leidenschaften nach.
„Einer von uns ist sogar Ethnologe“, sagte der Abt. „Der verkümmert uns, wenn er nicht jedes Jahr mindestens eine Weltreise machen kann.“
Auf meine Nachfrage antwortete er, dass die – durchaus kostspielige – Weltreise dem betenden Ethnologen von der Klostergemeinschaft durchaus finanziert würde, wenn sie denn tragbar für die Finanzen des Klosters wäre, denn schließlich hätte die Gemeinschaft auch unzählige Vorteile von ihrem Bruder Ethnologen.
Obwohl ich bei Gemeinschaftsgründungen gewiß nicht an katholische Klöster denke, hat mich diese damalige Aussage sehr beeindruckt.
Sie machte mir klar, dass das Wesen von Gemeinschaft darin besteht, dass alle ihre Mitglieder allen anderen dabei helfen, ihre Wünsche, Vorstellungen und Vorhaben zu unterstützen.
Streng genommen ist Gemeinschaft außerhalb einer solchen Leitidee letztlich auch sinnlos.
Wozu in Gemeinschaft gehen, wenn ich mir sicher bin, dass meine persönlichen Anliegen und Wünsche dort keinen Platz haben?
Von daher ergibt sich ein weiterer wichtiger Erfolgfaktor für eine Gemeinschaft außer der momentanen Sympathie: ist die Konstellation der vorhandenen Mitglieder denn geeignet, einen solchen allseitigen Prozess der gegenseitigen Hilfe zu beginnen, auszulösen?
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Art der Kommunikation.
Ich konnte bei vielen Gemeinschaftsprojekten feststellen, dass ein Phänomen, das ich „nötigungsorientierte Kommunikation“ nenne, oft ausschlaggebend war für den Zerfall des Vorhabens.
Was ist „nötigungsorientierte Kommunikation“?
Allgemein gesprochen ist nötigungsorientierte Kommunikation jeder Kommunikationsakt, der darauf ausgerichtet ist, jemand anders durch gezielt ausgelöste schlechte Gefühle (= Nötigung) zu etwas zu zwingen.
Gewiß ist nötigungsorientierte Kommunikation etwas weit verbreitetes, und gewiß nicht nur im Gemeinschaftsumfeld feststellbar – im Gegenteil.
Beziehungen zwischen Eltern und Kindern basieren immer noch meist auf Nötigung (Schule, Sauberkeit und Ordnung, usw.). Auch die Kommunikation zwischen Beziehungspaaren (ob verheiratet oder nicht) basieren oft auf gegenseitiger Nötigung und Erpressung.
Wirklich freie und freiwillige Beziehungen sind ausgesprochen selten.
Nötigungsorientierte Kommunikation ist eine „kulturelle Tradition“, die wir alle mitbringen, denn auch in unserer spätkapitalistischen Epoche ist die Nötigung immer noch ein zentrales Element im Mikrokosmos der Gesellschaft. Zwar sind körperliche Misshandlungen zugegebenerweise (im Vergleich zu früheren Epochen) eher selten geworden, aber es gibt nach wie vor den Schulzwang, den Arbeitszwang usw.
Kein Mensch ist davon unabhängig. Und geradezu jeder hat gelernt, dass es nicht sinnvoll ist, klein beizugeben, sondern vielmehr gar zu oft notwendig, die eigenen Interessen gegen die der anderen „durchzusetzen“.
In einer Gemeinschaft, die letztlich einen freiwilligen Zusammenschluß darstellt, wirkt ein solches Verhalten dagegen verheerend. Bei jedem freiwilligen Zusammenschluß ist solcherlei festzustellen, sogar bei monogamen Liebespaaren. Wo sich im Laufe der Beziehungsgeschichte der gegenseitige Groll aufgrund von Nötigungen und Verletzungen anhäuft, da bricht irgendwann auch die Beziehung auseinander. Und umgekehrt werden viele Ehebeziehungen nur durch diverse „Sachzwänge“ aufrechterhalten
In einer Gemeinschaft, einer kleinen allzumal, wirken sich diese Gesetzmäßigkeiten noch viel stärker aus. Eine Gemeinschaft, in der nötigungsorientierte Kommunikation vorherrschend ist, sei es in Form von Schuldzuweisungen, Drohungen, unterschwelligen Erpressungen etc, ist notwendigerweise zum Zerfall verurteilt. Und darin ist letztlich die Ursache für den Zerfall vieler, besonders kleiner Gemeinschaftsprojekte zu sehen.
Denn eine stabile Gemeinschaft kann nur die Freiwilligkeit zur Grundlage haben, Gruppenzwang sollte stets eine wohl abgewogene Ausnahme darstellen.
Doch mit diesem Bewusstsein gehen die meisten Enthusiasten, die mit „Au ja, wir gründen eine Gemeinschaft“ beginnen, an das Projekt gar nicht dran.
Ja, was wäre denn die Alternative zur „nötigungsorientierten Kommunikation“?
Wenn ich einen anderen Menschen nicht durch Druck nötigen kann, meinem Willen zu widerfahren, wird mir nichts anderes übrig bleiben als ihn dazu zu bewegen, freiwillig mich in meinen Wünschen und Vorhaben zu unterstützen. Ich muß letztlich an den Wünschen und Vorhaben des ANDEREN anknüpfen und sie mit meinen eigenen verbinden.
Das setzt aber einiges voraus, und ist wesentlich komplizierter als kommunikativ zu nötigen. Ich muß dazu sowohl meine eigenen Wünsche und Vorstellungen kennen, als auch die des anderen, und muß eine Vorstellung davon entwikeln, wie die sich verbinden und verknüpfen ließen. Außerdem muß die Kommunikation mit dem anderen darüber transparent, also durchsichtig, nachvollziehbar und ohne Hinterlist geführt werden.
Diese „kooperative Kommunikation“ wird gleichwohl in unserer Gesellschaft so gut wie nirgendwo gelehrt. Aber sie ist die Kardinaltugend jeder Gemeinschaftsbildung.
Und es gibt noch einen Faktor, den ich erwähnen möchte. Es ist die „Intentionalität“. Sie ergibt sich stringent aus dem bereits gesagten.
Eine Intention ist, allgemein gesprochen, ein Motiv oder Beweggrund des Handelns, und zwar des gemeinsamen Handelns.
Ich habe in den letzten 20 Jahren immer wieder Menschen kennengelernt, die der Auffassung waren, eine gemeinsame Intention sei unnötig zur Gemeinschaftsbildung (Sympathie würde genügen, alles andere würde sich ergeben).
Rein empirisch ist das offensichtlich falsch.
Mir persönlich ist keine einzige größere nicht – intentionale Cohousing - Gemeinschaft bekannt. Der Begriff „intentionale Gemeinschaft“ hat unterdessen auch in die Wissenschaft Eingang gefunden.
Untersuchung zweier intentionaler Gemeinschaften

Offenkundig ist eine solche Intentionalität wichtig, denn sie stellt die geistige Klammer der Gemeinschaft auch in (notwendigen) Konfliktsituationen dar. Eine solche Intention kann verschiedenen Charakter haben: politischen, religiös-spirituellen, philosophischen, kulturellen etc. Auch sind die Intentionen von Gemeinschaften notwendigerweise so verschieden wie die Menschen, aus denen sie sich zusammensetzen. Jede Großgemeinschaft hat auf diese Weise einen höchst „individuell-kollektiven Charakter“, aber ohne eine solche Intention scheint es nicht zu gehen.
Und wenn es lediglich die Intention ist, einen Stamm darzustellen, wie es beim Stamm der Likatier der Fall ist.
http://www.likatien.de/

Liebe Leser, die Kombination von Freiwilligkeit und kooperativer Kommunikation mit kollektiver Intentionalität mag für manche von Ihnen vielleicht wie die Quadratur des Kreises erscheinen. Sie ist es aber nicht, sondern der Schlüssel zu Gemeinschaftsbildung und Gemeinschaftsprozess.
Diese Zusammenhänge sind nach vielen Jahrzehnten vieler gescheiterter und weniger erfolgreicher Gemeinschaftsgründungen durchaus erkannt und bekannt.
Niemand muß mehr „in die Falle laufen“, welche eine voreilige „Gemeinschaftsgründung“ lediglich auf der Grundlage momentaner Sympathie darstellt.

Samstag, 19. Januar 2008

Liebe und Arbeit bei Charles Fourier

Vorwort

Ich habe den vorliegenden Text in seinen großen Zügen bereits 2004 erstellt, und zwar für die Herbst - Veranstaltung einer lockeren Gruppe, die sich mit dem Projekt einer Gemeinschaftsgründung beschäftigte (aus dem dann doch nichts wurde). Die Einarbeitung in die Gedankenwelt Charles Fouriers stellte für mich persönlich allerdings einen der wichtigsten Wendepunkte meines Lebens dar. Der Text erschien 2004 in der Printausgabe der Nemetischen Heimatzeitung.



Einleitung

Aus der „Ode an Charles Fourier“ von Andre Breton

Fourier
hell hebt sich ab
vom trüben Grau des heutigen Denkens und Trachtens
dein Licht

Es klärt den Durst nach einem besseren Dasein
und birgt ihn vor allem was seiner Reinheit schaden könnte
auch wenn ich's (was der Fall ist) für erwiesen hielte
daß die Verbesserung des menschlichen Schicksals
nur sehr langsam und in Schüben sich vollzieht
um den Preis von platten Forderungen und kalten Kalkulationen
so bleibt doch ihr wahrer Hebel
die Kraft des aberwitzigen Glaubens
an den Aufbruch in eine paradiesische Zukunft

und letztlich ist sie auch die einzige Hefe der Generationen

deine Jugend


1. Leben und Werk Charles Fouriers


1.1. Der Kritiker der "Zivilisation"


Der utopische Sozialist Fourier (1772 - 1837) übte massive Kritik an der damaligen bürgerlichen Gesellschaft, die mit dem "Überfluß auch die Armut schafft". Diese scheinbar widersprüchliche These erschien damals als ein Novum, heute dagegen erscheint sie uns fast als vertraut, wenn wir unsere reale Welt betrachten.
Charles Fourier nannte die Gesellschafts- oder Geschichtsepoche, in der er lebte "Zivilisation". Das war nicht unbedingt seine Erfindung. Die europäischen Länder faßten sich ja damals durchaus alle als "zivilisierte" Länder auf im Vergleich zu den "barbarischen Regionen" in Afrika, Amerika, Asien, Ozeanien.
Doch Fourier war weit davon entfernt, die "Zivilisation" zu glorifizieren, er war vielmehr ihr erbitterter Kritiker. Die Einrichtungen der „Zivilisation“ verhindern nämlich nach seiner Meinung, daß der Mensch seine natürlichen positiven Möglichkeiten zu entfalten vermag. Die "Zivilisation" war für ihn nicht "das Ende der Geschichte", sondern ein unzureichendes und verachtenswertes Zwischenstadium in der menschlichen Geschichte. Das war zu seiner Zeit durchaus neu. Er wurde so zum Begründer der sozialistischen Lehre des Fourierismus.
Ein Auftrag, im Interesse einer Preisspekulation heimlich eine Reislandung ins Meer werfen zu lassen, soll ihn auf sozialistische Ideen gebracht haben.
Als Handelsmakler in Lyon veröffentlicht er ab 1803 z.T. anonym sein umfangreiches Schriftgut, in welchem er sein sozialistisches System begründet.
Dies enthält aus heutiger Sicht einige skurrile Züge, die sich aus seiner Zeit erklären lassen, wo nämlich gerade Newton mit seiner Bewegungstheorie Fourore machte.
Fourier vertrat, dass eine natürliche gesellschaftliche Ordnung existiere, welche den Newton'schen Gesetzen entspreche. Sowohl die physikalische Welt wie auch die Gesellschaft in ihrer historischen Evolution entwickle sich in acht aufsteigenden Stufen.
In der Harmonie erst, der höchsten Stufe, sei der Mensch dazu in der Lage, seine Emotionen frei auszudrücken. Die "Zivilisation" war für Fourier erst Stufe 5.
Diese Stufe könne erreicht werden, indem man die Gesellschaft in "Phalangen" aufteile. Dabei ist eine Phalanx eine landwirtschaftlich- industrielle Kommune, in der sich die Mitglieder in der Ausübung verschiedenen Tätigkeiten beständig abwechseln.
Ein Phalansterium ist nicht nur eine Arbeits-, sondern auch eine Liebesgemeinschaft. In Ihr Leben bis zu 1700 Menschen in einer Großgemeinschaft zusammen, die - so seine Vorstellung - ein Sansoussi-ähnliches Schloßgelände bewohnt.

1.2. Die Utopie von der Harmonie


Durch die Bildung von großen Kommunen (Phalangen), in denen die Menschen entsprechend ihrer Charakterstruktur, und ihrer Leidenschaften zusammen leben und in Produktionsgenossenschaften die Arbeit organisieren, werden alle Übel der „Zivilisation“ überwunden.
Zwei wesentliche Faktoren werden die Harmonie grundsätzlich von der "Zivilisation" unterscheiden:
Die Arbeit wird zum Vergnügen werden.
Freie Liebe wird die Regel sein.

1.3. Lebensdaten

• 7.4.1771 geboren in Besancon als Sohn eines Tuchhändlers
• 1772-1791 Gymnasium; wird Lehrling bei Kaufleuten in Lyon und Rouen
• 1791 Übersiedlung nach Lyon; Revolution; Konfrontation mit den Seidenarbeitern
• 1793 Verwicklung in den Bürgerkrieg Föderierte – Konvent; Beerbung des Vaters
• 1794 Militärdienst als Kürassier am Rhein, dann Entlassung aus dem Militär; Verlust seines gesamten Vermögens
• 1799 Als Kaufmannsgehilfe in Marseille Beginn der Arbeiten an „der Berechnung der sozialen und erotischen Anziehung“. Geht nach Paris, um exakten Wissenschaften zu studieren.
• 1800. Geldmangel. Zurück nach Lyon, lebt als Makler ohne Lizenz. Die Zensur lehnt sein Zeitungsprojekt ab.
• 1803-1804 erstmals Erwähnung der „universellen Harmonie“in einer Artikelserie
• 1808 Veröffentlichung „Theorie der vier Bewegungen“ (anonym)
• 1815 Bürovorsteher in der Lyoner Präfektur.
• 1816 Beginn der Beziehung zu Just Muiron (frühester Schüler)
• 1819 Vollendung „Grand traite“ ( 8 Bände)
• 1821 Erscheinen der „Abhandlung über häusliche und landwirtschaftliche Assoziation“, gekürzt um die erotischen Passagen.
• 1824 -1829 Schreibt an Robert Owen, um ihn zu gewinnnen. Lebt als kleiner Angestellter. Veröffentlicht „Die neue Industrie- und Geschäftswelt“. Wartet auf einen Sponsor für sein erstes Phalansterium.
• 1830 – 1832 Auseinandersetzungen mit den Saint-Simonisten und Owenisten, denen er vorwirft, sie wollten die Natur des Menschen verändern.
• 1833-1836 Fourier wird gefeiert, zerstreitet sich allerdings mit seinen Schülern.
• 1837 Fourier stirbt und wird auf dem Montmatre begraben.

1.4. Würdigung Charles Fouriers

Schon zu seiner Zeit sprach man davon, daß Fourier ein “legendäres und geheimnisumwobenes Leben“ führte. Die Wirkung seiner umfangreichen Schriften aber entfaltete sich erst nach seinem Tod. Auf ihn stützten u.a. Marx und Engels ihre Vorstellung vom Kommunismus, was zum Beispiel wenig bekannt ist, obwohl es nach den Quellen auf der Hand liegt.
Fourier heiratete nie, hatte keine längeren sexuellen Beziehungen, aber eine spezielle Neigung zu Lesbierinnen ließ er in wenigen Äußerungen erkennen. Tatsächlich war er der Vordenker einer sexuellen Revolution, neben dem Freud, Reich und Kinsey fast schüchtern wirken.

2. Grundgedanken Fouriers

2.1. Die Vision von einer Harmonie in Freiwilligkeit

Fourier gilt als sogenannter "utopischer Sozialist". Von einem "utopischen Sozialisten erwartet man gemeinhin, daß er sich irgendwelche idealen Vorstellungen von einer idealen Zwangsgemeinschaft machen würde.
Weit gefehlt bei Fourier. Fourier ist Gegner jeder erzwungenen Vereinheitlichung. Er ist radikaler Anhänger der Freiwilligkeit. Seine Vorstellungen von der Harmonie sind weit weg von der Monokultur vieler anderer sozial-revolutionärer Modelle seiner Zeit, etwa von Louis Cabet oder Saint-Simon.
„In der Harmonie ist alles frei“ so seine These – die Zukunft basiert auf der Freiwilligkeit. Mit dieser Auffassung unterschied sich Fourier grundlegend von allen frühkommunistischen und frühsozialistischen Schulen seiner Zeit.

2.2. Anziehung und Leidenschaften

Glücklich ist der von Leidenschaften bewegte Mensch
Fourier lehnt radikal jede Reglementierung ab, und zwar radikaler als es sich jeder "Liberale" oder sogar "Libertäre" vorstellen könnte. Gesellschaftliche Harmonie entsteht nicht durch Unterdrückung von (ökonomischen, nach Herrschaft strebenden, sexuellen usw.) Trieben, sondern durch das Ausleben der verschiedenen, in jedem Individuum anders konzentrierten, das Talent, die geistigen Fähigkeiten, das emotionale Leben usw. betreffenden Anziehungs- oder Assoziationskräfte.
Fourier sieht den glücklichen Menschen als ein durch Leidenschaften bewegtes und gesteuertes Wesen.
Fourier glaubt, dass die Leidenschaften durch "gegenlaufende" Leidenschaften zu sozialen Triebfedern in einem harmonischen, dem»Aufflug«(essort) des Menschen förderlichen Ganzen integriert werden können (Einheit der Leidenschaften).


Gegengewichte und Gegenläufer
Jeder Leidenschaft kann eine sie gegenlaufende und damit sie zurücknehmende entgegengesetzt werden. Wird ein solcher Ausgleich nicht unternommen, sondern wird versucht, Leidenschaften zu unterdrücken, so bildet nach Fourier die Leidenschaft selbst ihre nicht mehr zu kontrollierenden Gegenläufer.

"Die Angelegenheiten der Liebe und der Feinschmeckerei finden in der Zivilisation nicht allzuviel Beachtung, weil man nicht weiß, welche Bedeutung Gott unseren Vergnügen zumisst. Die Wollust ist das einzige Mittel, durch das Gott uns beherrschen und zur Erfüllung seines Wollens bringen kann. Durch Anziehungskraft und nicht durch Zwang regiert er die Welt. Die Genüsse seiner menschlichen Geschöpfe sind das wichtigste Moment göttlichen Planens“.

2.3. Verfechter der Rechte der Frau

Fourier gilt als "erster Feminist" der Geschichte, wenn er schreibt: "Die Harmonie entsteht nicht, wenn wir die Dummheit begehen, die Frauen auf Küche und Kochtopf zu beschränken. Die Natur hat beide Geschlechter gleichermaßen mit der Fähigkeit zu Wissenschaft und Kunst ausgestattet."
Er ist offensichtlich empört, wenn er formuliert: „Kann man nur einen Schimmer von Gerechtigkeit in dem Los erblicken, das den Frauen beschieden ist?“
Und ein oft zitierter Satz von ihm lautet: „Allgemein läßt sich die These aufstellen: der soziale Fortschritt vollzieht sich entsprechend den Fortschritten in der Befreiung der Frau“.

2.4. Gegen die Kleinfamilien - Ehe

Radikaler als es je die "68er Bewegung" tat, lehnte Fourier die Kleinfamilie ab:„Das heutige System, das den Zusammenschluß der Menschen infolge der Isolierung der Haushalte auf ein Minimum beschränkt, hat die Menschheit auf den Gipfel der Verderbtheit geführt“
Er verwendet dabei drastische Worte:„Die Zivilisation bewirkt, daß der Mensch in ewigem Kriegszustand mit seinesgleichen lebt und jede Familie der geheime Feind aller anderen Familien ist“. Und vernichtend sein Urteil über die Liebe in der "Zivilisation": In der Zivilisation kann die Liebe (… ) keinen freien Aufflug nehmen, denn sie ist in der Ehe gefangen“.


2.5. Wichtige Grundbegriffe in Fouriers Werk

Fourier erfindet in seinem Schrifttum zum Teil neue Begriffe oder definiert bekannte Begriffe auf eigenwillige Weise neu, um sich zum Ausdruck bringen zu können. Daher ein kurzes Glossar seiner „Kennworte“.

Anziehung „attraction“
Zwischen Leidenschaften und der Arbeit der Menschen wirken berechenbare Anziehungskräfte (analog Newtons physikalischen Anziehungskräften). Diese "attraction" ist essentiell für das gesellschaftliche Leben und die Entfaltung des Individuums. Der Mensch kann nur kraft vielfacher Beziehungen seine Bestimmung finden. Als Einzelner ist er hingegen nicht in der Lage, sich zu entfalten.
Von daher gibt es bei Fourier auch keine Polarität und schon gar keinen Gegensatz zwischen Individuum und Gemeinschaft (Kollektiv).

Aufflug „essort“
Das ist die Entwicklung bzw Entfaltung einer Leidenschaft. Jede Leidenschaft hat eine Triebfeder (ressort), der Raum gegeben werden muß, damit sie „auffliegen“ kann.

Celadonische versus materielle Liebe
Celadonische Liebe ist Fouriers Begriff für „spirituelle, romantische Liebe“, nach dem Helden Celadon des Schäferromans Astee. Materielle Liebe ist der "platte" Sex. In der Zivilisation wird die celadonische Liebe scheinbar hochgehalten, in Wirklichkeit aber heimlich verachtet.
Der Gegenbegriff zur celadonischen Liebe ist die „materiellen Liebe“ (=Kopulation).
In der Harmonie erst ist die celadonische Liebe gleichberechtigt mit der materiellen Liebe.

Drehpunkt (pivot)
Dieser Begriff bezeichnet bei Fourier das wichtigste Element eines Systems. So ist die Sonne der Drehpunkt im Sonnensystem, die Familie in der Zivilisation, das Phalansterium in der Harmonie, der Unitismus ist die Drehpunktleidenschaft, es gibt Drehpunktliebe bei Polygamen, etc. Der Begriff ist den Newtonschen Bewegungsgesetzen entlehnt.

Hebel (levier)
Von Fourier gern gebrauchter Begriff, um die Methode zu bezeichnen, ein Vorhaben zur Entfaltung zu bringen.
Insbesondere für die „anziehende Arbeit“ ist ein System von Hebeln zu verwirklichen, die in „zum Aufflug gebrachten“ Leidenschaften bestehen. Anders ausgedrückt: durch "Anreize" ("Hebel", Leidenschaften) erst entwickelt sich anziehende Arbeit (das ist: Arbeit, die man gern macht und machen will)

Serie
Eine Serie ist nach Fourier eine Organisationsform, die auch in der Natur anzutreffen ist. Sie ist nach Fourier die natürliche Organisationsform des Menschen. Eine Serie ist einfach: Menschen gleicher Leidenschaften schließen sich zusammen. Es handelt sich immer um eine sorgfältig zusammengestellte Einheit von Gruppen unterschiedlichen Alters, Besitzes, Intelligenz, die eine mehr oder weniger starke gemeinsame Neigung für eine bestimmte Leidenschaft haben.

Gott (dieu)
Fourier ist kein Atheist, sondern Pantheist. In diesem Sinne verwendet er sehr häufig das Wort Gott. Entgegen christlichem Verständnis ist sein Gott aber kein Gott der Moral, sondern ein sozialer, triebbejahender Gott und Schöpfer des sozialen Codes. Heute würde man sagen: Gott ist für ihn der Geist des Universums.
Wie für viele christliche Ketzer ist für Fourier die sexuelle Vereinigung sogar ein von Gott gewollter Weg zur Vollendung des Menschen (das Heilige ist unauflöslich mit dem Erotischen verbunden). Die religiösen Kulte müssen die Liebe zu Gott mit der Liebe zu den Vergnügungen verbinden schreibt er zum Entsetzen seiner Zeitgenossen (Kultus der wollüstigen Leidenschaften).

Illusion (illusion)
Bei Fourier ist Illusion ein positiver Begriff. Es handelt sich um die „Phantasie der Sinne“, der neben den rein sinnlichen Wünschen Raum zur Entfaltung gegeben werden muß. Man könnte auch Tagträumen, Visionieren dazu sagen, was alles für Fourier "Leidenschaften des Geistes" sind und damit unbedingt gute Dinge. Illusionen sind für Fourier keine Ersatzlust, sondern originäres Bedürfnis des Menschen.

Keime (germes)
Mit diesem Begriff bezeichnet Fourier in unserer Zeit bereits vorhandene Gewohnheiten und Leidenschaften, die entwicklungsfähig sind in Richtung Harmonie. Die Zukunft liegt im heute schon als Keim vor.
So ist zum Beispiel die häufige Überschreitung des Monogamie – Gebotes (Ehebruch, serielle Monogamie) für ihn ein Hinweis darauf, daß der Mensch der Abwechselung in der Liebe bedürfe und dieser Leidenschaft auch nachgehen solle.

Luxus (luxe)
In der Harmonie für Fourier ein ausnahmslos positiver Begriff. Luxus wird bewirkt durch die Befriedigung der fünf sensitiven Leidenschaften; gleichbedeutend mit Wohlbehagen und Gesundheit.
„Während der Luxus in der Zivilisation dazu dient, den Ärmeren zu verdrießen, wirkt er in der Harmonie stimulierend“.
Luxus ist bei Fourier übrigens stets dem Kollektiv zugeordnet, niemals dem Individuum. Aus verschiedenen Gründen hält er es für völlig abwegig, daß jemand praßt, während ein anderer neben ihm hungert. Im Luxus gepraßt wird in der Harmonie nach seiner Prognose gemeinsam.

Phalansterium (phalanstere)
Die aus rund 1620 Personen bestehende Phalanx ist für Fourier die Basiseinheit der Harmonie, ein Drehpunkt des sozialen Mechanismus. Es handelt sich um Groß-Gemeinschaften, die sowohl Landwirtschaft als auch Manufakturproduktion betreiben.
Dazu muß man sagen, daß Fourier seine Werke vor der industriellen Revolution in Frankreich schrieb und sich etwas anderes als Landwirtschaft und Manufaktur noch nicht vorstellen konnte (es sei ihm verziehen, dem genialen Propheten).
Eine Phalanx besteht aus einer nicht festgelegten Anzahl von Serien, die ihrerseits wieder aus Neigungsgruppen bestehen.

Pfropfen (greffer)
Bezeichnet die Kunst, Leidenschaften durch „Gegengewichte“ ins Gleichgewicht zu bringen. Er übernimmt dieses Bild aus der Landwirtschaft. Er meint so etwas wie "ausbalancieren" damit.

Liebeshof (court d‘amour)
Die Liebe in der Harmonie ist – auf Grundlage der Freiwilligkeit – institutionalisiert und eine öffentliche Angelegenheit. Das könnte man wirklich mit heutigen Swingerclubs, Seitensprung - Agenturen und Partnervermittlungen vergleichen. Genau so und das alles auf einmal.
Die Menschen sind Mitglied in sogenannten Liebesklassen, die ihren jeweiligen Neigungen entsprechen (mono/polygam, homo/bi/heterosexuell, voyeuristisch/exhibitionistisch, dominant/submissiv, usw usf).
Der Liebeshof registriert jeden Wechsel in den Beziehungen oder von Liebesklasse zu Liebesklasse und wird von einer Hohepriesterin geleitet. Ein Wechsel in eine andere Liebesklasse ist jederzeit möglich. Der Liebeshof hat also die zentrale Aufgabe, daß jeder schnell Gleichgesinnte findet, für was auch immer.

Zusammengesetzt (combine oder compose)
Wichtiger Begriff bei Fourier, bedeutet sowohl „Gegensätze in sich bergend“ als auch „kombiniert“.
Das Zusammengesetzte ist für ihn stets dem Einfachen überlegen.
Die Harmonie nennt Fourier auch „zusammengesetzte Ordnung“ im Unterschied zur „zusammenhanglosen“ Zivilisation.

Zerstückelte Arbeit (travail morcele)
„Die Zerstückelung der Arbeit ist eines der Hauptlaster der Zivilisation“, deshalb auch die Konzentration auf einen einzigen Beruf.
Das daraus resultierende Streben nach individueller Bereicherung und Abkapselung ist für ihn das Erzübel. Er spricht auch vom „zerstückelten Haushalt“ im Falle der Kleinfamilie.

Leidenschaft (passion)
Nach Fourier läßt sich die Bestimmung des Menschen in seine Leidenschaften auflösen, die wiederum Anziehungskräfte zwischen Menschen bewirken.
Alle Leidenschaften haben Triebfedern. Leidenschaften ersetzen in der Harmonie den Zwang durch Not oder Gewalt. Diese Leidenschaften verzweigen sich baumartig, ausgehend von drei Ästen, sich „in eine Fülle von Nuancen verzweigend“. Entsprechend entwirft er eine Art Systematik der Leidenschaften, die nach seinem Bemühen vollständig sein sollte, es aber aus naheliegenden Gründen nicht ist.


2.6. Fouriers System der Leidenschaften

Die 12 + 1 Leidenschaften
Fourier entwickelte ein ausgefeiltes System von Leidenschaften, das aus heutiger Sicht überholt und unzureichend erscheinen mag, aber in sich schlüssig ist. Man könnte sagen, jeder Stein an deinem Gebäude mag wackeln, aber insgesamt ist es ein Monument.
Sein Grundgedanke war, die Leidenschaften und ihre Antriebe grundsätzlich anzunehmen und zu einer Einheit zu bringen durch ihren jeweiligen „Aufflug“. Kein Bedürfnis sei in seiner Triebfeder schlecht. Er schreibt: "12 primäre Leidenschaften, die unterteilt sind in fünf sensitive: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen - vier affektive: Freundschaft, Liebe, Ehrgeiz, Familiensinn - und drei distributive: Intrigentrieb, Abwechslungstrieb und Einungstrieb. Ferner existieren sekundäre Leidenschaften, tertiäre und quartiäre - insgesamt 810."

Das sieht dann ungefähr so aus:

Luxurismus: die 5 Sinne
1. Sehen
2. Hören
3. Berühren
4. Schmecken
5. Riechen

Gruppismus:
6. Familiensinn
7. Ehrgeiz
8. Freundschaft
9. Liebe

Seriismus:
10. Flatterlust (papillone)
11. Streitlust (Wettbewerb usw.)
12. Übereinstimmungs-Lust (auch: Begeisterung)

Die Krönung aller Leidenschaften aber ist für ihn die dreizehnte.

Unitismus
Die „13. Leidenschaft“ nach Fourier ist die Drehpunkt – Leidenschaft (Pivotale) seines ganzen Systems. Sie ist die entscheidende Gegenleidenschaft zum Egoismus
Er definiert sie als Neigung des Individuums, sein Glück mit dem Glück aller anderen in Einklang zu bringen, oder aber: die Leidenschaft, das eigene Glück mit dem Glück der anderen zu vereinen.
Die Verwirklichung des Unitismus bedeutet für ihn den „kollektiven Aufflug aller Leidenschaften“. Deswegen ist der Unitismus für ihn auch der Dreh- und Angelpunkt der Harmonie.


2.7. Geschichtsepochen nach Fourier
Wer meint, daß Karl Marx erst ein Modell von Geschichtsepochen entworfen hätte (Wildheit - Barbarei - Antike - Feudalismus - Kapitalismus - Sozialismus - Kommunismus), der irrt.
Karl Marx übernahm und übersetzte sein Entwicklungsmodell von Fourier (übrigens auch eingestandenerweise, es war kein "Ideenklau" )

Hier Fouriers Modell:
1. Ungeordnete Serien
2. Wildheit
3. Patriarchat
4. Barbarei
5. Zivilisation (Fouriers HEUTE)
6. Garantismus (genossenschaftliche Ordnung)
7. Unvollständige Serien (Anbruch des Glücks)
8. Harmonie

3. Die Wirkungsgeschichte Charles Fouriers
Zwischen 1808 und 1837 warf dieser geniale Einzelgänger zumindest gedanklich alle Moralbegriffe über den Haufen, die zu seiner Zeit galten, und entwarf die Grundzüge einer umfassenden gesellschaftlichen und sexuellen Revolution. Er wurde dafür nicht nur vom etablierten System, sondern sogar von anderen Frühsozialisten erbittert angegriffen.
Gleichwohl fand er begeisterte Anhänger. Er ist übrigens auch der Schöpfer von heute wohlbekannten Begriffen wie „Feminismus“ und „Freie Liebe“.


3.1. Erbitterte Feindschaften
Der „Anarchist“ Proudhon klagte Fourier geradezu wütend wegen „Unmoral“ an („Ihr seid Päderasten“ ) und forderte das Verbot der „phalanstrischen Schule“. Das hatte damit zu tun, daß Fourier natürlich auch entdeckt hatte, daß die antike griechische Kultur sowohl rituelle Homosexualität als auch Päderastie zwischen erwachsenen Männern und heranwachsenden jungen Männern als zentrale Kulturmerkmale aufwies, wogegen sich das heutige offizielle Griechenland mit Händen und Füssen wehrt (Drohung einer Strafanzeige gegen den Film "Alexander" ). Fourier war selbst keineswegs schwul. Gerade die Toleranz, die Fourier der Homosexualität entgegenbrachte, wobei er seinerseits lesbischen Frauen sehr zugetan war und wohl nicht homosexuell war, brachte den spießigen Theoretiker des Anarchismus auf die Palme. Die autoritären "Frühkommunisten" Cabet und Leroux griffen auch Fourier geradezu wütend an. Der christliche Kommunist Leroux beschuldigte ihn gar der „Gotteslästerung“.
Fourier wehrte sich noch zu Lebzeiten gegen die „Heuchler und Hochstapler der Moral und der Religion“, doch in diesen Fragen war er einfach seiner Zeit zu weit voraus.

Ganz anders ein gewisser Friedrich Engels über Fourier:

„Ich will diesen weisen Herren ein kleines Kapitel von Fourier vorhalten, woran sie sich ein Exempel nehmen können. Es ist wahr, Fourier ist nicht aus der Hegelschen Theorie hervorgegangen und hat deshalb leider nicht zur Erkenntnis der absoluten Wahrheit, nicht einmal zum absoluten Sozialismus kommen können; es ist wahr, Fourier hat sich durch diesen Mangel leider verleiten lassen, die Methode der Serien an die Stelle der absoluten Methode zu setzen, und dadurch ist er dahin gekommen, die Verwandlung des Meeres in Limonade, die couronnes boréale und australe , den Anti-Löwen und die Begattung der Planeten zu konstruieren, aber wenn es so sein muß, will ich doch lieber mit dem heitern Fourier an alle diese Geschichten glauben, als an das absolute Geisterreich, wo es gar keine Limonade gibt, an die Identität von Sein und Nichts und die Begattung der ewigen Kategorien. Der französische Unsinn ist wenigstens lustig, wo der deutsche Unsinn morose und tiefsinnig ist. Und dann hat Fourier die bestehenden sozialen Verhältnisse mit einer solchen Scharfe, einem solchen Witz und Humor kritisiert, daß man ihm seine auch auf einer genialen Weltanschauung beruhenden, kosmologischen Phantasien gerne verzeiht.“

Geradezu beklemmend aktuell sind Engels folgende Sätze in der gleichen Schrift: „Wenn sich unsere deutschen halb und ganz kommunistischen Dozenten nur die Mühe gegeben hätten, die Hauptsachen von Fourier, die sie doch so leicht haben konnten wie irgendein deutsches Buch, etwas anzusehen, welch eine Fundgrube von Material zum Konstruieren und sonstigen Gebrauch würden sie da entdeckt haben! Welche Masse von neuen Ideen - auch heute noch neu für Deutschland - hätte sich ihnen da dargeboten!
Die guten Leute wissen bis auf die heutige Stunde der jetzigen Gesellschaft gar nichts vorzuwerfen als die Lage des Proletariats, und auch davon wissen sie nicht über die Maßen viel zu sagen. Allerdings ist die Lage des Proletariats der Hauptpunkt, aber ist damit die Kritik der heutigen Gesellschaft abgemacht? Fourier, der außer in späteren Schriften diesen Punkt kaum berührt, liefert den Beweis, wie man auch ohne ihn die bestehende Gesellschaft als durchaus verwerflich anerkennen, wie man allein durch die Kritik der Bourgeoisie, und zwar der Bourgeoisie in ihren inneren Beziehungen, abgesehen von ihrer Stellung zum Proletariat, zur Notwendigkeit einer sozialen Reorganisation kommen kann. Für diese Seite der Kritik ist Fourier bis jetzt einzig.
Fourier deckt die Heuchelei der respektablen Gesellschaft, den Widerspruch zwischen ihrer Theorie und ihrer Praxis, die Langeweile ihrer ganzen Existenzweise unerbittlich auf; er verspottet ihre Philosophie, ihr Streben nach der perfection de la perfectibilité perfectibilisante und der auguste vérité , ihre "reine Moral", ihre einförmigen sozialen Institutionen, und hält dagegen ihre Praxis, den doux commerce , den er meisterhaft kritisiert, ihre liederlichen Genüsse, die keine Genüsse sind, ihre Organisation der Hahnreischaft in der Ehe, ihre allgemeine Konfusion. Alles das sind Seiten der bestehenden Gesellschaft, von denen in Deutschland noch gar nicht die Rede gewesen ist. Freilich, man hat hier und da von der Freiheit der Liebe, von der Stellung, der Emanzipation des Weibes gesprochen: aber was hat man zustande gebracht?“


Engels über Fouriers Thesen zur Arbeit

Ganz wesentlich war für Engels Fouriers Konzept der anziehenden Arbeit: „Fourier weist nach, daß jeder mit der Neigung für irgendeine Art von Arbeit geboren wird, (… ) daß das Wesen des menschlichen Geistes darin besteht, selber tätig zu sein (… ), und daß daher keine Notwendigkeit besteht, Menschen zur Tätigkeit zu zwingen, wie im gegenwärtig bestehenden Gesellschaftszustand, sondern nur die, ihren natürlichen Tätigkeitsdrang in die richtige Bahn zu lenken.Er (… ) zeigt die Vernunftwidrigkeit der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung, die beide voneinander trennt, aus der Arbeit eine Plackerei und das Vergnügen für die Mehrheit der Arbeiter unerreichbar macht; weiter zeigt er, wie (….) die Arbeit zu dem gemacht werden kann, was sie eigentlich sein soll, nämlich zu einem Vergnügen,wobei jeder seinen eigenen Neigungen folgen darf. (… )“

Wer unter den Lesern "Marxismus" und "Kommunismus" gewohnheitsmäßig mit Arbeitszwang und Arbeitslager assoziiert, mag hier an dieser Stelle staunen. Nein, es ist wirklich wahr, DAS war Engels Vorstellung vom Kommunismus, sie war identisch mit Fouriers Vorstellung von der Harmonie.

Auch Marx stützt sich auf Fourier

Auch bei Marx finden sich immer wieder - oft eher indirekte - Hinweise auf Fouriers Theorie der freien (anziehenden) Arbeit, z.B. hier:
„Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann (… ) - während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“. (aus „Die deutsche Ideologie“ ). Ohne jeden Zweifel liegt das Konzept von der anziehenden Arbeit solchen Sätzen zugrunde.
Das ist der Fourier - Schüler Marx, der hier spricht.

Marx und Engels als „Fourieristen“?
Keineswegs ist speziell Friedrich Engels geradezu ehrfürchtige Verehrung Fouriers eine „Jugendsünde“, wie mir „Marxkenner“ schon weismachen wollten.
Es ist einfach so: sowohl Marx als auch Engels waren - im Unterschied zu ihrer ganzen Zeit - glühende Verehrer Charles Fouriers.

Gerade in seinem Spätwerk „Anti-Dührung“ erhebt Engels Fourier geradezu zum Meister:
„Fourier ist nicht nur Kritiker, seine ewig heitere Natur macht ihn zum Satiriker, und zwar zu einem der größten Satiriker aller Zeiten. Die mit dem Niedergang der Revolution emporblühende Schwindelspekulation ebenso wie die allgemeine Krämerhaftigkeit des damaligen französischen Handels schildert er ebenso meisterhaft wie ergötzlich. Noch meisterhafter ist seine Kritik der bürgerlichen Gestaltung der Geschlechtsverhältnisse und der Stellung des Weibes in der bürgerlichen Gesellschaft. Er spricht es zuerst aus, daß in einer gegebnen Gesellschaft der Grad der weiblichen Emanzipation das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation ist. Am großartigsten aber erscheint Fourier in seiner Auffassung der Geschichte der Gesellschaft. Er teilt ihren ganzen bisherigen Verlauf in vier Entwicklungsstufen: Wildheit, Patriarchat, Barbarei, Zivilisation, welch letztere mit der jetzt sogenannten bürgerlichen Gesellschaft zusammenfällt, und weist nach (… ), daß die Zivilisation sich in einem »fehlerhaften Kreislauf« bewegt, in Widersprüchen, die sie stets neu erzeugt, ohne sie überwinden zu können, so daß sie stets das Gegenteil erreicht von dem, was sie erlangen will oder erlangen zu wollen vorgibt. So daß z.B.»in der Zivilisation die Armut aus dem Überfluß selbst entspringt«. Fourier, wie man sieht, handhabt die Dialektik mit derselben Meisterschaft wie sein Zeitgenosse Hegel. Mit gleicher Dialektik hebt er hervor, gegenüber dem Gerede von der unbegrenzten menschlichen Vervollkommnungsfähigkeit, daß jede geschichtliche Phase ihren aufsteigenden, aber auch ihren absteigenden Ast hat, und wendet diese Anschauungsweise auch auf die Zukunft der gesamten Menschheit an.“

Es gibt zahlreiche weitere Textstellen, die belegen, wie tief Marx und Engels von den Fourierschen Vorstellungen von der Harmonie begeistert und geprägt waren. Engels sagt beispielsweise über Regierungsformen, daß „jede Regierungsform gleichermaßen anfechtbar ist, ob es sich nun um die Demokratie, die Aristokratie oder die Monarchie handelt, daß alle mit Gewalt regieren“, was auch ein Fourierscher Gedanke ist. Dieser Satz ist wird nämlich nur dann wirklich verständlich, wenn man weiß, daß Engels (mit Fourier) die auf Zwanglosigkeit und Freiwilligkeit basierende Harmonie (Kommunismus) als Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung sah.

Engels sagt über die sich entwickelnde Kommune – Bewegung seiner Zeit: „Alles Menschenmögliche wird getan, um die Freiheit des Individuums zu gewährleisten. Strafen sollen abgeschafft und durch Erziehung der Jugend und vernünftige geistige Einwirkung auf die Erwachsenen ersetzt werden“.

Waren Marx und Engels denn Fourieristen gewesen?

"Dogmatische" „Marxisten“ werden an dieser Stelle möglicherweise empört aufschreien. Sie mögen bei Marx und Engels noch einmal richtig nachlesen (ggogle macht es möglich, systematisch zu recherchieren), bitte schön. Nun, ich schließe denn mit einem Marx – Zitat: „Alles was ich weiß ist, daß ich kein Marxist bin“.
Sagte Marx.
Es lässt sich aber auch so formulieren: Marx und Engels machten dort weiter, wo Fourier endete. Der Hebel für die soziale Unwälzung, die letztlich zur Harmonie (Kommunismus) führt, ist (für M&E) die proletarische Revolution, d.h. die Bewegung derjenigen Klasse von Menschen, die nur ihre bloße Arbeitskraft verkaufen können. Damit gehen sie über Fourier hinaus, der sich über den Übergang keine konkreteren Gedanken machte.
Aus Fouriers Garantismus wurde der Sozialismus von M&E, aus der Harmonie der Kommunismus. "Jeder nach seinen Fahigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen" ist die geniale Zusammenfassung der Fourierschen Gedanken durch M&E, prägnanter als er es selbst getan hatte.

Verrückterweise geriet aber Fourier nach und groteskerweise sogar durch den Aufstieg des "Marxismus" in Vergessenheit. Gewissermaßen war er unter "utopische Sozialisten" und "Vorläufer" von Marx/Engels abgehakt, das ging hin bis hin zu der Groteske, daß Stalin in seinen Schriften behauptete, Marx sei der "Feind der utopischen Sozialisten" und mithin auch Feind Fouriers gewesen. Dafür gibt es nicht nur den geringsten Beleg, sondern jede Menge Beweise für das Gegenteil.
(Stalin musste sein eigenes Zwangssystem rechtfertigen, deshalb setzte er diese Lüge in die Welt).
Ich habe mir übrigens für diesen Text 2004 tatsächlich die Mühe gemacht, alle über Google auffindbare Marx- oder Engels-Texte nach Erwähnung des Namens Fourier zu durchforsten und habe bis zum heutigen Tage keine einzige Textstelle bei Marx/Engels gefunden, wo diese sich feindlich, abfällig oder distanzierend über ihn geäußert hätten.
Im Gegenteil finden sich nur weitere Belege für ihren tiefen Respekt und ihre tiefe Verehrung des französischen Denkers und Visionär.
Doch die Schüler von Marx und Engels, die ihre Meister selbst oft genug sehr eigenwillig interpretierten, beschäftigten sich nicht mehr mit dem großen Utopisten. Nur noch August Bebel schrieb 1869 eine Monographie des großen Utopisten, dessen Visionskraft er bewunderte.
(Diese ist empfehlenswert, hier ist sie online).

Der Surrealist Andre Breton schrieb 1945 seine „Ode an Charles Fourier“, nachdem er das Werk des nur noch dem Namen nach bekannten großen Utopisten gelesen hatte und haltlos begeistert war.
Im Bereich des „offiziellen“ Marxismus allerdings wurde Fourier und seine Vision von der Harmonie vergessen und totgeschwiegen. Sogenannte „kommunistische“ Staaten, die sich auf Marx beriefen, waren als Zwangssysteme das glatte Gegenteil von Fouriers Harmonie, die ursprünglich das Leitbild von einer kommunistischen Zukunftsgesellschaft war. Es versteht sich von selbst, daß es auch keine nennenswerte Rezension Fouriers von „marxistischer“ Seite mehr gab und bis heute gibt (von einem heute vergriffenen Wagenbach-Buch abgesehen).
Das ist sehr schade, denn die Lektüre Charles Fouriers ist eine Lektüre der wirklichen Wurzeln des Marxismus.

4. Die Liebe in der Harmonie

Die Fourierschen Visionen von der Liebe in der Harmonie sind so kühn und so weitblickend, daß sie selbst unserer Zeit noch voraus sind.

4.1. Fouriers Grundauffassungen von der Liebe in der Harmonie

Fourier ist der erste abendländische Autor, der die Befreiung der Leidenschaften fordert und nicht ihre Unterdrückung:„Seit nunmehr dreitausend Jahren besudelt man die Erde mit den abgeschmacktesten Faseleien über die Leidenschaften. Wir müssen dem Übel ein Ende setzen, methodisch vorgehen in jedem Bereich, der das schmerzliche Rätsel der Leidenschaften berührt“.

Freiheit für alle Schattierungen der Liebe ist seine Losung: „Wenn wir in der Harmonie alle Schattierungen der Liebe erfaßt haben werden, wird diese bei uns so verachtete Triebfeder unzählige Quellen der Begeisterung erschließen“

Liebe (auch sexuelle Liebe) fügt zusammen, wo Feindschaft trennt:„Die Liebe ist die mächtigste Triebkraft der leidenschaftlichen Annäherung, selbst bei antipathischen Charakteren. Darum ist die Liebe diejenige Leidenschaft, die am geeignetesten ist, Beziehungen zwischen Menschen zu knüpfen“

Na, wenn das kein großer Utopist ist, der größte Utopist aller Zeiten! Die Liebe wird zur Hauptbeschäftigung:„In der Harmonie, wo niemand arm und für jedermann bis ins hohe Alter die Liebe zugänglich ist, widmet ein jeder dieser Leidenschaft einen bestimmten Teil des Tages; die Liebe wird zur Hauptbeschäftigung.“

Ich fasse zusammen, was Fourier unter Nutzung der Leidenschaften versteht:
• Nutzung der Leidenschaften ist der Schlüssel zur HARMONIE.
• Leidenschaften sollen entfaltet statt unterdrückt werden. Dazu muß man natürlich ihre Gesetze studieren, um sie sinnvoll miteinander in Einklang bringen zu können.
• Heraus kommen muß ein Gleichgewicht der Leidenschaften, das auf Regeln beruhen muß (ein geordnetes Zusammenspiel wie in einem Orchester).

Fouriers grundsätzlich Thesen zu den Leidenschaften sind nämlich
Alle Leidenschaften und Anziehungen sind nützlich.
„Jede Leidenschaft bringt ihr Gegenstück hervor, das ebenso schädlich ist, wie die natürliche Leidenschaft heilsam gewesen wäre“.
„(… ) der menschlichen Vernunft hätte es besser angestanden, jene unbezwingbaren Kräfte, die man Leidenschaften nennt, nicht zu kritisieren, sondern deren Gesetze zu studieren“.



Der Schlüssel zur Harmonie ist also die Nutzung der Leidenschaften unter Abwesenheit des Zwanges: „Diejenigen, welche die Leidenschaften verlästern (… ) haben Einrichtungen ersonnen einzig zu dem Zweck, die Leidenschaften der anderen einzudämmen und die ihrigen zu befriedigen. Gott hatte etwas anderes im Sinn. Alle seine Einrichtungen und Bräuche
(… ) zielen darauf hin, jeder einzelnen Leidenschaft einen besonderen und allen einen kollektiven Aufflug zu gewährleisten. Es ist sein Wille, daß sie vereint befriedigt werden, sobald jede einzelne befriedigt ist.“


Die Liebesordnungen der Harmonie
Die schon erwähnten Liebesordnungen der Harmonie offenbaren Fouriers prophetische Gabe: Hat er denn unser Internet-Zeitalter vorausahnen können? Es handelt sich gewissermaßen um Neigungsklassen, die jederzeit freiwillig gewechselt werden können. Einige Beispiele dazu (in der Reihenfolge wachsender sexueller Freiheit):
• Vestalen und Vestalinnen (keine körperliche Liebe)
• Damoiseaux, Damoiselles (monogame Treue)
• Odalisken (ab hier ansteigend polygam)
• Fakiressen
• ….
• Bacchanten und Bacchantinnen
• Bayaderen (reisende Priesterinnen und Priester der Lust)

Zugehörigkeit zu Liebesordnungen
„Jeder Mann und jede Frau werden völlig frei sein, nach eigenem Gutdünken zu handeln und ihren Geschmack zu wechseln, wann immer es ihnen gefällt; aber sie sind verpflichtet, sich der Gruppe anzuschließen, die ihre vorherrschende Leidenschaft pflegt“.
Ich verstehe diese "Verpflichtung", von der er spricht, auch nicht als "Meldezwang", sondern als Regulativ, um Gleichgesinnte effizient und nachhaltig zusammenzubringen.

Alles für das Vergnügen
Spaß und Vergnügen ist Zweck und Ziel von "dat janze":„Bei der Berechnung der Anziehung muß sich alles um das Vergnügen drehen, alles muß auf die Garantie der Vergnügungen zielen“
Und Orgien im ursprünglichsten Sinne des Wortes gehören natürlich auch dazu: „In der Harmonie, wo großer Überfluß und eine ungeheure Vielfalt von Vergnügungen herrscht und wo das harmonische Leben allgemeine Eintracht verlangt, muß der religiöse Kult die Liebe zu Gott mit der Liebe zur Lust verbinden, die keine Gefahren mehr bergen wird“

4.2. Polygamie und Monogamie
Fourier glaubt, daß die meisten Menschen eher polygam als monogam veranlagt sind, weswegen er sich Gedanken über die konstruktive Funktion der Polygamie macht: „Die Polygamie, bei den Zivilisierten und Barbaren ein Auswurf der Leidenschaft, wird in der Harmonie eine hochherzige Beziehung sein (….)“.
Wobei die Polygamie (und damit auch die Extremform der Promiskuität, d.h. dem anonymen Geschlechtsverkehr mit Unbekannten) für ihn keineswegs eine allgemeine Rivalität aller mit allen ist, sondern (wie bei den Bonobos) sozialer Kitt: „Mit gutem Grund darf ich verheißen, daß die Harmonie Keime der freiheitlichen Liebe hervorbringen wird, die in der entgegengesetzten Richtung wie unsere (heutigen) Bräuche und (….) eine hochherzige und heilige Trunkenheit, eine erhabene Wohllust bescheren wird, die unserem heutigen Egoismus weit überlegen ist“
Zu Fouriers Zeit spielte der Adel durchaus noch eine gewichtige Rolle. Für die Harmonie verheißt Fourier einen ganz anderen Adel, nämlich einen "galanten Adel", welcher sich seine Zugehörigkeit zu dieser Kategorie durch möglichst viele Liebesbeziehungen verdient: „Laster heißt vor dem Gesetz der Attraktion alles, was die Zahl der Beziehungen vermindert, Tugend alles, was sie vermehrt".
Und immer wieder gibt er die Moral seiner Zeit dabei der Lächerlichkeit preis: "Was ist ein Liebespaar nach der heutigen Methode? Ein Individuum zu zweit, welches das Glück für sich allein pachten will. Ein solches Paar ist dem Mann vergleichbar, der in seinem Keller die besten Weine der Welt lagert, aber sie stets alleine trinkt, ohne je einen Freund, Verwandten oder Nachbarn einzuladen."

Auch die Monogamie ist (natürlich!) erlaubt
Das soll nun nicht heißen, daß Fourier etwa eine Verpflichtung zur Polygamie fordert, wie manche Leser vermuten mögen. Nichts weniger als das.
„Jedem Paar steht es frei, den Ehebund einzugehen; er wird sogar begünstigt und gefestigt durch die Einführung von Ehe-Pausen, d.h. der Aufhebung der Treuepflicht für eine vereinbarte Zeitspanne, sofern diese Aufhebung in der Kanzlei des Liebeshofs registriert wird“.
Fourier ist auch keineswegs Gegner dauerhafter oder gar lebenslanger Liebesbeziehungen. Im Gegenteil. Nur soll nicht vorgetäuscht werden, was gar nicht existiert: „In der Harmonie wird es keine Fallstricke mehr geben. Die Paare erlangen die höheren Liebesgrade erst im Laufe der Zeit; anfangs haben sie keinen anderen Titel als den des Favoriten oder der Favoritin“.

Unbeständigkeit wird zur Tugend
Liebe und Sexualität als Konstruktionselemente einer solidarischen Gemeinschaft sind sein Dreh- und Angelpunkt: „Wir werden (….) zeigen, daß die unbeständige Liebe in der Harmonie die höchsten sozialen Tugenden hervorbringt“
Keine Angst, wenn dein Schatz dich nicht mehr liebt, wenn nur die Freundschaft bleibt. Für Fourier hat die erotische Unbeständigkeit keinen Schrecken: „Die Unbeständigkeit birgt keine Gefahren mehr und ist nützlich, wenn sie freundschaftliche Beziehungen hinterläßt“
Keineswegs versteht Fourier das aber so, daß es etwa in der Harmonie einen Zwang zur Unbeständigkeit in der Liebe gäbe, alles basiert auf der Freiwilligkeit.
„Die offen geübte Unbeständigkeit hat nichts Lasterhaftes an sich, zumal dann nicht, wenn sie auf gegenseitigem Einverständnis beruht“.

Die „Drehpunktliebe“
Stabilität in der Liebe muß nach Fouriers Ansicht auch nicht erzwungen werden. Das ist völlig unnötig. Polygyne haben die „Eigenart, sich einen oder mehrere Drehpunkte in der Liebe zu schaffen, (… ) eine Neigung, die sich durch alle Stürme der Unbeständigkeit erhält“.
Erst aus der Unbeständigkeit heraus entsteht wirkliche und nicht vorgetäuschte Beständigkeit:„Bei dieser Liebe handelt es sich also um eine zusammengesetzte Beständigkeit, die sich mit den Unbeständigkeiten, den Treuebrüchen verträgt und darum den Titel einer transzendenten Treue verdient“.
Fast 200 Jahre vor unserer heutigen Polyamory – Bewegung ist Fourier nahe dran, den Begriff der „Treue“ neu zu definieren: „Die Drehpunktliebe ist wahrlich eine transzendente Treue, und umso erhabener, als sie die Eifersucht überwindet, welche die gewöhnliche Liebe verunstaltet“.

4.3. Die „Zwiespältigkeiten“

Weit entfernt von einer durch Zwänge und Verbote reglementierten Sexualität erwies sich Fourier als Kenner vielfältiger Spielarten der Sexualität. Er spricht dabei auch keineswegs von „Abirrungen“, wie es Siegmund Freud mehr als ein Menschenalter nach ihm als Wissenschaftler tat, denn es gibt in den Leidenschaften für ihn natürlich keine „Abirrungen“. Alles sind Leidenschaften. Auch sogenannte „Zwiespältigkeiten“ oder „Absonderlichkeiten“„in der Harmonie den Aufflug der sozialen Tugenden ungemein begünstigen“, sie sind „unendlich kostbar“, „für die Einheit des Systems der Bewegung wahrhaft unerläßlich“, „wie die Zapfen und Fugen in einem Gebälk“.
Nichts von diesen Leidenschaften ist für ihn "pfui, bäh":„Die Natur will in den Vergnügungen eine ungeheure Vielfalt“. werden

Homosexualität
Die Homosexualität bezeichnet Fourier als „unisexuell“.
Gegenüber der „Knabenliebe“, womit er freilich nicht Sexualität mit Kindern, sondern Homosexualität mit Jünglingen meint, verhehlt er seine „Nachsicht“ nur schlecht, weswegen ihn Cabet ja aufs übelste beschimpfte. Er weiß um die erwiesene Homosexualität bei antiken Autoren wie Lykurg, Sokrates, Platon, Cäsar (kennt Plutarch sehr gut), aber auch um das Lesbiertum („sapphische Liebe) und heißt diese sexuellen Orientierungen ebenso gut wie alle anderen. In der Harmonie werden auch seiner Sicht „unisexuelle Orgien“ natürlich ihren Raum bekommen.

Sado-Masochismus
Zwar hat Fourier noch keine Worte für die sexuellen Orientierungen, die man heute als Sado-Masochismus bezeichnet, aber sie sind ihm offenkundig wohlbekannt. Er weist nach, daß diese Triebe schon in der Natur existieren und erzählt aus seinen Lebenserfahrungen: „Einige melancholisch veranlagte Männer finden Gefallen daran, von ihren Schönen (….) geschlagen und mißhandelt zu werden (….)“ und „…die Frau, die sie (die Peitsche) schwang, versicherte mir, daß sie mit aller Kraft auf ihre Opfer einschlage (… ) und daß es überaus glücklich sei ob dieser ritterlichen Liebkosung“.

Andere von Fourier beobachtete „Zwiespältigkeiten“
Fouriers Studien zur Homosexualität und zum Sado-Masochismus entsprechen nur bedingt seinen eigenen Neigungen – er hatte eingestandenermaßen einen Hang zu lesbischen Frauen-, vielmehr geht es ihm um die Erforschung der Komplexität der Leidenschaften:„Ich habe (… ) einen Mann gekannt, dem es Lust bereitete, wenn seine Geliebte sich vor seinen Augen mit einem anderen vergnügte; dennoch liebte er diese Frau und war durchaus imstande, sie zufriedenzustellen“ Doch auch noch wunderlichere Geschichten weiß er zu erzählen: „(… ) als einzigen Lohn begnügte er sich damit, (… ) am Fußende ihres Bettes zu sitzen und der Dame die Fußsohlen zu kitzeln“ und „Ein anderer liebt es, sich als kleines Kind verkleiden und behandeln zu lassen (….)“
Solcherlei offen auszusprechen war für Fouriers Zeit unerhört und skandalös.

Die Harmonie und die Zwiespältigkeiten
Fourier meinte, daß es eine feste Zahl von "Zwiespältigkeiten" gibt und diese einen relativ konstanten Prozentsatz bilden. Das deckt sich mit den modernen Erkenntnissen der Sexualwissenschaften. Doch er, der große Utopist, geht noch weiter und geht davon aus, daß es noch Leidenschaften gibt, die er gar nicht kennt. Auch diese sollen in der Harmonie zu ihrem Recht kommen. Selbst wenn nur vierzig Menschen auf der ganzen Welt einer solchen Neigung nachgehen, „dann wird man sich bemühen, diese 40 Sektierer zusammenzubringen“, deren Zusammenkünfte eine „Pilgerfahrt“ sein würden, die „ebenso heilig ist wie die Reise nach Mekka“. Minoritäre Neigungen werden nicht nur geduldet, sondern „mit Weihrauch bestreut“ werden. Es ist die Aufgabe der Harmonie, deren Anhänger „zum Schutze dieser Art von Lustbarkeit zusammenzuschließen“. In der Harmonie wird man sich „des Zwiespältigen bedienen“, die zweispältigen Neigungen werden sich „in Tugenden wandeln“, das Zwiespältige dient, wie alle anderen Leidenschaften auch, der differenzierten Anordnung und Bewegung, dem guten Fortgang des „gesellschaftlichen Konzerts“. Es wird sicherlich noch lange dauern, bis diese Sicht des wohl größten Utopisten der bisherigen Geschichte auch Ansichten eines „main stream“ sein werden.
Die Betrachtung der Zwiespältigkeiten in den erotischen Leidenschaften führt Fourier aber nicht zur Beliebigkeit und zur Gleichgültigkeit gegenüber Zwang und Gewalt. Insbesondere die Sklaverei und die Erniedrigung der Frau werden von Fourier immer wieder gebrandmarkt. Die Freiwilligkeit und der Zusammenschluß von Menschen nach ihren Neigungen in Serien ist absolute Grundlage seines Konzepts.


5. Über die Freiheit in der Arbeit

Fouriers Ausführungen über die Arbeit basieren auf folgenden Grundgedanken.
• Was ist Arbeit? Nach der Bibel ist sie eine Strafe für den Menschen. Er sieht das nicht so und verweist auf das Beispiel der Tiere. Arbeit ist nur dann eine Strafe, wenn sie auf Zwang beruht.
• Die „Zivilisierte Arbeit“ gleichwohl ist ein Unglück für die Menschen, da sie immer auf Zwang beruht.
• Deswegen ist die Arbeit bei den Reichen auch verpönt
• Wie ist Liebe zur Arbeit möglich? In der Zivilisation ist sie nicht möglich, sondern nur in den „leidenschaftlichen Serien“ der Zukunft.
Friedrich Engels über Fouriers Theorie von der Arbeit
Ausnahmsweise lasse ich statt Fourier selbst seinen großen Bewunderer Friedrich Engels in dieser Sache sprechen: „Fourier war es, der zum ersten Male das große Axiom der Sozialphilosophie aufstellte: Da jedes Individuum eine Neigung oder Vorliebe für eine ganz bestimmte Art von Arbeit habe, müsse die Summe der Neigungen aller Individuen im großen ganzen eine ausreichende Kraft darstellen, um die Bedürfnisse aller zu befriedigen.Aus diesem Prinzip folgt: wenn jeder einzelne seiner persönlichen Neigung entsprechend tun und lassen darf, was er möchte, werden doch die Bedürfnisse aller befriedigt werden, und zwar ohne die gewaltsamen Mittel, die das gegenwärtige Gesellschaftssystem anwendet. Diese Behauptung scheint kühn zu sein, und doch ist sie in der Art, wie Fourier sie aufstellt, ganz unanfechtbar, ja fast selbst-verständlich - das Ei des Kolumbus“.
(Engels in Fortschritte der Sozialreform auf dem Kontinent 1843)
Die Aufhebung des Arbeitszwangs durch die „anziehende Arbeit“ im Sinne Fouriers bezeichnet Engels hier als das „Ei des Kolumbus“, was er auch im hohen Alter noch einem Eugen Dühring entgegenhält .

Überflüssige, vergeudete Arbeit
Dem Argument "Wo kämen wir hin, wenn es keinen Arbeitszwang gäbe?", das man auch heutzutage noch oft hört, kontert er mit dem Hinweis auf das Chaos, das die Arbeit in der Zivilisation darstellt.
„Nichts ist lächerlicher als das Durcheinander, das in der Arbeit der Zivilisierten herrscht, die doch unzählige ökonomische Abhandlungen verfaßt haben“
Zwei Drittel der Bevölkerung gehen nach Fourier keinen oder negativen Beschäftigungen nach. Parasiten der Arbeit sind:
· an den Haushalt gefesselte Frauen;
· alle Angestellten, „deren Tätigkeiten nur infolge der zerstückelten Arbeit nötig sind und darum in der Assoziation überflüssig werden“;
· Militärapparate;
· Staatsbeamte;
· Arbeiten für die Regierung, die „jeder zu betrügen sucht“;
· „neun Zehntel“ der Kaufleute und Handelsagenten
Wenn diese überflüssige, vergeudete Arbeit entfiele, würde die tatsächlich notwendige Arbeit auch durch anziehende Arbeit erledigt werden können.

Recht auf Arbeit
„Gebt dem Zivilisierten eine Arbeit, die ihm unwiderruflich gehört und die er ausüben kann, wie und wann es ihm gefällt, ohne daß er von einem ungerechten Aufseher abhängig ist und sich mit Leuten einlassen muß, deren Sitten ihn abstoßen. Gebt dem Zivilisierten die gleichen Rechte wie dem Wilden, dem keine Macht der Welt das Recht streitig machen kann, die gleichen Arbeiten auszuführen wie die Häuptlinge seiner Horde“.

Anziehende Arbeit bedeutet für Fourier:
• Viele Geschöpfe arbeiten mit Lust, obwohl sie faul sein könnten (Tierreich).
• Es ist ein sozialer Mechanismus, der bewirkt, daß sie (die Tiere) ihr Glück in der Arbeit finden. Auch dem Menschen ist diese Eigenschaft zueigen.

Genossenschaftliche Arbeit
Natürlich kann nicht bruchlos vom Arbeitszwang in die anziehende Arbeit übergegangen werden. Fourier stellt sich eine "genossenschaftliche" Zwischenstufe vor.
Sie sieht folgendermaßen aus.

Bedingungen für anziehende genossenschaftliche Arbeit
• Jeder Arbeiter ist Assoziierter, Dividende statt Lohn
• Bezahlung entsprechend drei Fähigkeiten: Kapital, Arbeit, Talent
• Arbeitsperioden müssen (bis zu 8 mal) wechseln, denn „Begeisterung für eine Sache kann in Landwirtschaft / Manufaktur nicht länger als 2 Stunden anhalten“
• Arbeit in Gesellschaft von Freunden
• Werkstätten und Anbauflächen müssen durch Eleganz und Sauberkeit bestechen.
• Arbeitsteilung so fortgeschritten, daß jeder Mensch sich den Arbeiten widmen kann, die ihm zusagen.
• Volles Recht auf Arbeit (sofern Aufrichtigkeit und Befähigung unter Beweis gestellt worden ist).

6. Zusammenfassung: was Charles Fourier uns heute noch zu sagen hat

6.1. Probleme in Gemeinschaften

Vielfach herrscht in der Gemeinschaftsbewegung die Ansicht vor, zu einer funktionierenden Gemeinschaft gehöre ein gewisses Maß an Gruppenzwang, auf diese Erkenntnis stoße ich immer wieder. Eigentlich kenne ich nur eine einzige Gemeinschaft, die das Prinzip des Gruppenzwangs weitgehend abgeschafft hat, den Stamm der Likatier.
Damit will ich nicht sagen, daß Gruppenzwang offen propagiert wird, jedoch stellt er ein Axiom, eine Grundannahme im Denken vieler Menschen dar. Entsprechend hat die Kommunikation oft nötigenden bzw verletzenden Charakter. Verletzungen und destruktive Kommunikation zerstören viele Gemeinschaftsinitiativen.
Tatsächlich ist aus meiner Sicht Freiwilligkeit eine Grundbedingung von Gemeinschaftsleben.

Die Zukunftsgesellschaft kann nur ein auf Freiwilligkeit aufbauendes System sein, in dem der Arbeitszwang abgeschafft ist und statt dessen ein System von sozialen Regularien die anziehende Arbeit (freiwillige Arbeit aufgrund von Leidenschaften) so lenkt, daß alles Notwendige getan wird.
Hierbei ist die Überwindung nötigungsorientierter Kommunikation ist ein wichtiges Strukturelement in der Feinstruktur einer Gemeinschaft.
Wo Menschen ihre Leidenschaften leben können, dort fühlen sie sich auch beheimatet. Kultivierung der Leidenschaften statt ihrer Unterdrückung muß als unbedingtes Ziel und Leitmotiv einer Gemeinschaft gelten. Eine wichtige Aktivität dabei ist die Erforschung der Leidenschaften und ihrer Erfüllung als individuelles und gemeinsames Ziel.

6.3. Anziehende Arbeit

Gemeinschaften bis zu einer gewissen Größe können das Prinzip der anziehenden Arbeit von Charles Fourier noch nicht tatsächlich verwirklichen. Fourier war ja schon der Meinung, daß eine Mindestgröße von 1620 Menschen notwendig sein würde (jede Leidenschaft seines Systems mußte repräsentiert sein), um anziehende Arbeit in die Realität unzusetzen.
„Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ ist nur in großräumigen Strukturen möglich. Doch ist es auch in kleinen Ansätzen schon wichtig, Vertrauen auf die Leidenschaften als Triebfeder der Arbeit zu setzen statt des Zwanges. Und was den Zwang angeht, so ist es besser, sich von Sachzwängen leiten zu lassen, statt Arbeitszwang durch Kommandostrukturen zu verwirklichen
Es ist schlimm genug, daß Fouriers große Vision von der Harmonie (=Komm nismus) in den Köpfen vieler Menschen mit Arbeitslager und Arbeitszwang assoziiert wird.

6.4. Harmonie der Leidenschaften

Der gemeinsame Aufflug der Leidenschaften verhindert nach Fourier destruktive Entartungen und bringt auch alle Leidenschaften zum Aufflug. Daher muß jede Gemeinschaft, zumindest aber die "kommunikative Elite" derselben, die Leidenschaften ihrer Angehörigen zu ermitteln und sie miteinander in Harmonie zu bringen, nach der Devise: "Alle helfen allen bei der Verwirklichung ihrer Leidenschaften".
Hierbei ist sinnvollerweise auch Fouriers Unitismus als „Pivotale“ (Drehpunkt – Leidenschaft) azusehen. Das ist die Leidenschaft, das eigene Glück mit dem Glück anderer zu vereinen. Wenn diese Leidenschaft regiert, vereint sie alle anderen Leidenschaften insgesamt zu einem harmonischen Ganzen.

Epilog

Fourier und das Projekt Nemetien

Das Projekt Nemetien als "Modell einer lebenswerten Zukunft" basiert in entscheidendem Maße auf den Gedanken eines Charles Fourier.

Aus der „Ode an Charles Fourier“ Andre Breton

Ich grüße dich aus dem Versteinerten Wald
der menschlichen Kultur
In dem alles am Boden liegt
Durch den aber große kreisende Lichter streifen
Sie rufen dazu auf das Laubwerk und den Vogel zu erlösen

Aus deinen Fingern quillt der Saft der blühenden Bäume
wei du im Besitz des Steins der Weisen
nur deiner ersten Regung folgtest
die dir eingab
ihn den Menschen hinzustrecken


Doch zwischen dir und ihnen kein Vermittler
Kein Tag verging an dem du nicht eine Stunde lang
voller Vertrauen
In den Gärten des Palais-Royal auf ihn gewartet hättest

Die Anziehungen sind proportional den Bestimmungen

Weswegen ich heute zu dir komme

Ich grüße dich

Samstag, 12. Januar 2008

Was ist die Nemetische Heimatzeitung?

Was für eine Heimat soll das denn sein? Liegt das irgendwo, dieses Nemetien? Und was soll das überhaupt mit Heimatzeitung? Ist das am Ende was rechtsradikales, weil von Heimatzeitungen hört man doch gewöhnlich nur auf dieser Seite des politischen Spektrums?
Das sind mehrere Fragen, die ich gern beantworten möchte.

Fangen wir mit dem Begriff Heimat an. Was bedeutet er eigentlich?

"Das deutsche Wort Heimat verweist auf eine Beziehung zwischen Menschen und Raum. Allerdings ist die geographisch-historische Eingrenzung der Bezugsräume keine feststehende, sondern situationsbedingt verschiebbar. Heimat kann eine Gegend oder Landschaft meinen, aber auch sich auf Dorf, Stadt, Land, Nation oder Vaterland beziehen. Heimat bezeichnet somit keinen konkreten Ort (Heimstätte), sondern Identifikation."
http://de.wikipedia.org/wiki/Heimat

Heimat verweist also auf einen Ort der Identifikation. Ich beziehe mich dabei nicht auf den Blut-und-Boden-Begriff von Heimat, wie ihn der politische Faschismus und Rechtsextremismus verwendete, sondern vielmehr auf den Heimatbegriff der antifaschistischen Exilliteratur.
Anknüpfend an diese Exilliteratur wird Heimat auch als eine noch-nicht-erreichte beschrieben. Das Noch-Nicht, das konkret Utopische ist Ernst Blochs Begriff von Heimat, den er in seinem Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung im US-amerikanischen Exil entwarf. Für Bloch, der als Kriegsgegner 1914 das wilhelminische Deutschland, in den dreißiger Jahren als marxistischer Jude Nazi-Deutschland verlassen musste und in den fünfziger Jahren aus der DDR zwangsemigriert ist, liegt die Heimat jenseits der Klassengesellschaft. So fasst er Karl Marx Thesen über Feuerbach wie folgt zusammen:
"Die vergesellschaftete Menschheit im Bund mit einer ihr vermittelten Natur ist der Umbau der Welt zur Heimat."
Das Prinzip Hoffnung, S. 334

„Es geht um den Umbau der Welt zur Heimat, ein Ort, der allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war.“ (Ernst Bloch, http://de.wikipedia.org/wiki/Heimat)

Das vollständige Zitat lautet:
"Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat."

Womit wir den Begriff Heimat geklärt haben. Es handelt sich um den utopischen Heimatbegriff. "Wo es mir gut geht, ist meine Heimat" - dieser Satz impliziert die Notwendigkeit der Schaffung von Orten, wo es Menschen gut geht und sie sich beheimatet fühlen können.
Gerade in unserer von Vereinzelung und Atomisierung geprägten Zeit gewinnt damit der Heimatbegriff eine subversive Qualität.

Wo liegt Nemetien?

Nun, da wir einen utopischen Heimatbegriff ( im Sinne von "ist noch nicht....") verwenden, sollte es nicht verwundern, daß es Nemetien auch noch nicht gibt. Nemetien ist eine konkrete Utopie. Geographisch (und historisch) orientiert sich der Begriff an dem historischen keltischen Volksstamm der Nemeter , der zu Cäsars Zeit in der heutigen Pfalz siedelte. Aber streng genommen ist Nemetien noch nirgendwo und ist die Bezeichnung für etwas, das erst entstehen soll.
Es geht im weitesten Sinne um Gemeinschaftsbildung, um Modelle für eine lebenswerte Zukunft.

Also mit rechtsgewirkten Mythen hat die Nemetische Heimatzeitung nichts zu tun. Der Name ist gewiß provozierend und war in der Gründungszeit auch bewußt so gewählt worden.

Die Nemetische Heimatzeitung erschien erstmals im Jahr 2000 als Druckausgabe, allerdings im einfachsten Format (Din A 4 kopiert). Sie erschien unregelmäßig bis zum Jahr 2005.
Die früheren Ausgaben sind hier abzurufen: Archiv der Nemetischen Heimatzeitung.
Die selbst gestellte Aufgabe dieser Publikation war es, den Boden zu bereiten für die Entstehung eines Netzwerkes von Menschen, die sich so etwas wie den Aufbau morderner Stämme vorgenommen hatten.

Es gibt im südwestdeutschen Raum eine gewisse Tradition von - meistens wenig erfolgreichen - Versuchen, Gemeinschaften zu begründen, wobei hier hauptsächlich Wohngemeinschaften gemeint sind. Es hat seine Gründe, warum solche Gründungsversuche meistens scheitern. Diese liegen vor allem in der schweren Bürde, die in den Kulturgewohnheiten der meisten Menschen besteht, die aus repressiven Familien oder aus der völligen Vereinzelung kommen. Bei sich bildenden Szenen und Gruppen, die sich der "Gemeinschaftsbildung" verschreiben, ist die Gemeinschafts-Sehnsucht meistens sehr groß, die Gemeinschaftsfähigkeit allerdings wesentlich weniger.
Die bisherige Geschichte von Gemeinschaftsgründungen zeigt kurioserweise, daß erfolgreiche nur wenige sind (um nur Beispiele zu nennen - Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung/ZEGG, Kommune Niederkaufungen, Stamm der Likatier).
So sehr viele Menschen unter der zunehmenden sozialen und emotionalen Kälte unserer Gegenwart leiden, so wenig sind sie gewöhnlich für ein anderes Leben vorbereitet.

Die selbstgestellte Aufgabe der Nemetischen Heimatzeitung dabei ist die, Rüstzeug für diese Aufgabe bereitzustellen, Erfahrungen zu besprechen und zu bearbeiten und Menschen mit konvergierenden Intentionen zusammenzuführen.

Somit erscheint die Nemetische Heimatzeitung nach über einem Jahr Pause als Blog wieder auf der Bildfläche.

Das Outfit der Nemetischen Heimatzeitung ist betont schlicht gehalten, denn schließlich kommt es auf die Inhalte der Artikel an. Dieser Blog ist so eingerichtet, daß auch mehrere Autoren an ihm arbeiten können. Wer interessiert ist, die NHZ mit Leben zu füllen, scheue sich nicht, sich bei mir zu melden.

Nemetische Heimatzeitung

Nicht Heimat suchen, sondern Heimat schaffen! --- „Es geht um den Umbau der Welt zur Heimat, ein Ort, der allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war.“ (Ernst Bloch)

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Status des Weblogs

Online seit 6293 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 22. Sep, 11:28

Suche nach Stichworten in der NHZ

 

Aktuelle Beiträge

Nemetische Heimatzeitung...
Im Jahr 2010 wurde das praktische Projekt Nementien...
nemetico - 16. Dez, 17:28
Der Geist der Utopie
Ein neues nemetisches Video:
nemetico - 27. Okt, 19:03
Liebe und Arbeit bei...
Vorwort Ich habe den vorliegenden Text in seinen großen...
nemetico - 23. Aug, 03:25
Was machen die nur in...
Unter anderem: sie schauen sich den Schlafmohn an. Ein...
nemetico - 9. Jun, 06:45
Einladung zum nemetischen...
Wo? Im Belle Vallee zwischen Bad Niederbronn und Philipsbourg...
nemetico - 23. Mai, 23:54
Nemetisches Sommercamp...
Dieses Jahr ist es soweit. Vom 9.8.2010 bis zum 15.8.2010...
nemetico - 28. Apr, 08:36
Einladung ins Grüne Haus...
Ahoj! und einen herzlichen Gruß zuvor! und: *** mögen...
nemetico - 17. Mär, 15:37
Grussbotschaft vom Stamm...
Liebe Freunde vom Stamm der Triboker zu Nemetien, mit...
nemetico - 10. Jan, 04:48
NHZ wünscht allen Lesern...
Die nemetische Vision geht nun in ihr zehntes Jahr....
nemetico - 1. Jan, 01:24
Triboker besuchen Likatien
Vom 4. bis zum 6.12.2009 besuchten Mitglieder des Stammes...
nemetico - 11. Dez, 02:23
Stamm der Triboker hat...
Der Stamm der Triboker hat sich nun einen eigenen Blog...
nemetico - 11. Dez, 01:41
Stamm der Triboker zu...
Die Hausgemeinschaft Grünes Haus Zunsweier beschloss...
nemetico - 28. Okt, 22:04
Gründungsdeklaration...
1. Die Bewohner des Grünen Hauses Zunsweier beschliessen...
nemetico - 28. Okt, 21:56
Herbstfest im Grünen...
Für Freitag, den 25.September 2009 lädt das Grüne Haus...
nemetico - 9. Sep, 22:44
Veranstaltung "Anziehende...
Am Samstag den 12.9.2009 findet um 17:30 Uhr - im Rahmen...
nemetico - 9. Sep, 22:43
Ausflug zur Lebensgemeinschaft...
Am 11.9.2009 findet in den Räumlichkeiten der Lebensgemeinschaft...
nemetico - 9. Sep, 22:43
Im Zeichen der Wirtschaftskrise...
Das nemetische Projekt entstand um 2000 und war aus...
nemetico - 9. Sep, 01:43
Aufhebung des Regionalismus...
Während der Entstehung des Nemetischen Projektes (um...
nemetico - 9. Sep, 01:02
Zusammenarbeit zwischen...
Die Gemeinschaften Kommune Weinheim und das Grüne Haus...
nemetico - 30. Aug, 22:00
Tantrische Bauwoche im...
Die Gemeinschaft im Grünen Haus Zunsweier lädt zu einer...
nemetico - 28. Aug, 22:16

Meine Kommentare

Danke der Nachfrage
Nein, ich bin nicht offline, habe derzeit leider nur...
nemetico - 27. Nov, 10:20
verbreiten
Nun, die "Freunde Syriens" sind nicht allmächtig. Dass...
nemetico - 29. Feb, 13:39
Danke für den Link!
Hochinteressant. Nur: warum denn löschen? Verbreiten!
nemetico - 27. Feb, 04:26
US-gesteuerte NGOs
Die Existenz dieser US-gesteuerten NGOs ist auch mir...
nemetico - 31. Dez, 16:55
Genau das meine ich
Von einem Schmusekurs mit den USA habe ich nicht gesprochen,...
nemetico - 30. Dez, 23:15

Credits

Zufallsbild

180px-Hw-fourier

Web Counter-Modul

Ich bin - wir werden

„Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ - "Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern." (Ernst Bloch)

Die Zukunft der Welt

"Die Zukunft der Welt gehört der Gemeinschaft, habt also Vertrauen." (Étienne Cabet)

Größter Reichtum

“Von allen Dingen, die das Glück des Lebens ausmachen, schenkt die Freundschaft uns den größten Reichtum.” Epikur

Einstellung: Alle Links in Popups öffnen (ja/nein)

alle Links auf der aktuellen Seite in einem neuen Fenster öffnen 

RSS Box


About: Über die NHZ
Alexandra Kollontai
Bauernrevolutionär Joss Fritz
Charles Fourier
Das nemetische Strategem
Der Geist der Utopie
Epikur
Ernst Bloch
Etienne Cabet
Freiheit in der Liebe
Freiheit und Verbindlichkeit
Friedrich Engels
Gemeinschaft gründen
Gemeinschaft und Integration
Gemeinschaft und Konflikt
Gemeinschaftsbildung
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren