Samstag, 31. Mai 2008

Mit- und ZuarbeiterInnen für Projekt einer Wohnungsgenossenschaft gesucht

Seit einiger Zeit bestehen schon Vorüberlegungen zur Gründung einer Wohnungsgenossenschaft im Rahmen des Nemetischen Konzeptes. Es geht um die Begründung in einer Rechtsform, die geeignet sein soll

• Gebäudekomplexe auf Kaufbasis oder Erbpachtbasis zu erwerben
• Auch die Teilnahme von vermögenslosen Menschen (z.B. Hartz IV Empfänger) möglich macht
• Grundsätzlich dem Genossenschaftsmodell folgt
• Stimmrecht nach Kopfzahl ermöglicht
• Ausbaufähig ist

Die Begründung einer Genossenschaft braucht Zeit und erfordert Vorarbeiten, darunter auch Recherche

Interessenten und Unterstützer werden gebeten, sich bei der Mailadresse

Genossenschaft [at] nemetien.org

Zu melden.
(Achtung! Aktivierung der Mailadresse erst ab 1.6.2008)

Donnerstag, 29. Mai 2008

Frau sucht Mensch zum zusammenwohnen (Ettlingen)

Lieber Mensch, den ich weniger oder mehr kenne!
Ich suche jemanden, der sich auf die für mein doch recht unpopuläre Lebensform einlassen möchte und sende mein Anliegen deswegen an Menschen im Gemeinschaftsumfeld - Ich danke dir schon im voraus von Herzen fürs weitererzählen und schick dir sommerliche Leichtigkeit und Freude mit!

Barbara

Frau sucht Mensch zum zusammenwohnen

in grosszügigem Haus im Grünen
(Ortsrand von Ettlingen in der Kurve, 10 km zur City-Karlsruhe)
Bin selbst 44 Jahre auf der Erde und ra-umgestaltend tätig und ich wünsche mir
- Kooperation und lebendigen Austausch
- mit Respekt und Rückzugsraum


- 2 Zimmer 19 und 15 m/2 für dich,
- grosser Gemeinschaftsraum und Gästezimmer.
- 3 Klos, 1 Bad, Riesengarten mit Feuerstelle.
- Miete 320 Euro + ca. 220 Euro NK (geschätzt)
Etwas in dir wird lebendig? dann ruf mich (Barbara) gerne unter 0721- 30738 an oder mail an b.denzler[at]web.de
www.barbaradenzler.de

Donnerstag, 22. Mai 2008

Rensis Likert: Das System überlappender Gruppen

Der Name Rensis Likert ist gewöhnlich nur Studierten bekannt, die sich mit statistischen Erhebungen und Umfragen auseinandersetzen mussten. Beispielsweise nennt sich „Likert-Skala“ ein von Rensis Likert entwickeltes Skalierungsverfahren zur Messung von Einstellungen.
Den Befragten wird eine Reihe von Aussagen (oft auch als "Statements" oder "Items" bezeichnet) vorgelegt, zu denen sie Zustimmung oder Ablehnung äußern können, und zwar in abgestufter Form. Die Befragten sollen also beispielsweise angeben, ob Sie der geäußerten Ansicht "völlig" - "überwiegend" - "teilweise" - "eher nicht" - "gar nicht" zustimmen, oder ob ihrer Meinung nach ein Sachverhalt "ganz und gar" - "weitgehend" - "teilweise" - "eher nicht" - "gar nicht" zutrifft, ob man etwas für mehr oder weniger wichtig hält, usw.
Siehe http://www.wirtschaftslexikon24.net/d/likert-skala/likert-skala.htm
Rensis Likert ist ein Organisationspsychologe und beschäftigte sich unter anderem mit Managementsystemen.
http://en.wikipedia.org/wiki/Rensis_Likert

Das "Linking-Pin" Management - Modell von Rensis Likert

Was hat aber ein Rensis Likert mit der Bewegung intentionaler Gemeinschaften zu tun? Nun, er entwickelte – für das industrielle und wirtschaftliche Management das hierarchiearme und flexible „Linking Pin“ – Modell, auch „System überlappender Gruppen“ genannt.
http://en.wikipedia.org/wiki/Linking_pin_model
Unternehmerinfo.de schreibt dazu:
http://www.unternehmerinfo.de/Lexikon/G/Gruppenkonzept.htm

Führungsmodell, das davon ausgeht, daß Mitarbeiter organisatorisch betrachtet gleichzeitig Teilnehmer zweier sich überlappender Gruppen sein sollen. Abgesehen von den obersten und untersten Hierarchieebenen soll nach Rensis Likert jeder Mitarbeiter gleichzeitig in zwei verschiedenen Gruppen (z. B. Abteilungen) an Entscheidungen beteiligt werden und ist damit in der einen Gruppe teilnehmendes, in der anderen Gruppe führendes oder moderierendes Mitglied. Entscheidungen sollen so weit nach unten verlagert werden, daß diese bezüglich des Sachverstandes der Gruppenmitglieder gerade noch bewältigt werden können. Durch das Netzwerk sich überlappender Gruppen soll die Kommunikation und Integration im Unternehmen verbessert werden.

Wem das zu abstrakt ist, sei es anhang eines Schaubildes kurz erklärt:

Die Kreise stellen Teams dar, die Punkte Menschen. Im Unterschied zu unserem gewohnten Stab-Linien-Kommandosystem, wie wir es aus fast allen unseren Arbeitsplätzen kennen, ist das Team die Grundstruktur dieses Systems. Auch die Führungsebenen bis zur höchsten stellen Teams dar. Gleichzeitig ist es jedoch auch möglich, in mehrere Ebenen gegliederte Führungsebenen zu gestalten. Ich erinnere daran, dass Likert dieses System als Managementsystem für komplexe Industrieorganisationen und Wirtschaftstrust entwickelt hat. Es hat gegenüber der (aus dem Militär abgeleiteten) Stab-Linien-Organisation mit ihren Kommandostrukturen von oben nach unten den Vorteil, dass die Teamarbeit durchgängig die Basis der Organisation ist.
http://de.wikipedia.org/wiki/Stablinienorganisation
Graphische Darstellung einer Stablinienorganisation:
http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Stabliniensystem.jpg
Entsprechend schreibt unternehmerinfo.de warnend dazu:
Gruppenarbeit muss jedoch nicht immer motivierend auf Mitarbeiter wirken (Gruppenfertigung). Gruppenentscheidungen benötigen i.d.R. viel Zeit und der Erfolg einer Maßnahme hängt entscheidend vom Klima in der Gruppe (Kohäsion) sowie dem Willen ab, gemeinsam die Entscheidungen zu realisieren. Praktische Anwendungen dieses Modells sind selten.
Was mit Sicherheit damit zu tun hat, dass auf Integration und Partizipation ausgerichtete Organisationsmodelle in der spätkapitalistischen Realität wenig Nutzen haben für die herrschende Klasse der Kapitalbesitzer, die auf eine fluktuative und gefügige Arbeiterklasse wert legen.

Zukunftsträchtiges Managementkonzept

Ich behaupte allerdings, daß Rensis Likerts Management weit über die Enge kapitalistischer Wirtschaftsorganisation hinausweist und Grundlage sein kann für Organisationsstrukturen hochkomplexer herrschaftsfreier Systeme.
Spätestens hier muß jeder Anhänger intentionaler Gemeinschaften und auch jeder überzeugte Sozialist (bis hin zu Anarchosyndikalisten) hellhörig werden.

Zunächst möchte ich darauf aufmerksam machen, daß das in seiner ursprünglichen Form vorgestellte System in mehreren Aspekten noch modifiziert werden kann.
Zum einen kann die Zugehörigkeit eines Teammitglieds zu einem ("übergeordneten") Link - Team nicht nur durch Kooptation (Ernennung), sondern auch durch Wahl erfolgen (Wahl der Vorgesetzten durch das Basisteam).

Damit wird das Likertsche System kombinierbar mit den klassischen sozialistischen Vorstellungen mit einer auf gewählten (und jederzeit abwählbaren) Arbeiterräten basierenden Arbeiterdemokratie kombinierbar.

Dann läßt dich auch der gesamte hierarchische Aufbau relativieren und dymnamisieren.

Das oben dargestellte Likertsche System in seiner Urform hat natürlich ein "ganz oben" und ein "ganz unten". Aber streng genommen muss das noch nicht einmal sein.
Meine Erfahrung als Firmengründer von Kooperativen sagt mir, daß es auch in einem kooperativen Betrieb verschiedene Führungsaufgaben gibt:

- wirtschaftliche Führung (Rechnungs- und Buchführung, Controlling)
- fachliche Führung (bezogen auf die angebotenen Produkte bzw. Dienstleistungen)
- menschlich - pschologische Führung (Konfliktbehandlung, Betriebsklima etc.)

Die drei Führungs"sphären" müssen keineswegs eindimensional in einer Hand bzw einer Hierarchielinie liegen.

Daraus ergibt sich ein sehr komplexes, mehrdimensionales System, so wie in diesem Beispiel hier.
http://s2.directupload.net/images/user/080522/7qwyzv2t.jpg

Herrschaft versus Führung

Ich bin gewiß der Ansicht, daß herrschaftsfreie Organisationsstrukturen auch Führung benötigen und unterscheide daher sehr scharf und sehr konsequent zwischen Herrschaft und Führung.

Herrschaft basiert auf Zwang und Ausbeutung, wogegen Führung (oder Leitung) aufgabenorientiert (und qualifikationsorientiert) ist und transparent sowie effizient gestaltet werden sollte.

Diese Unterscheidung erscheint mir sehr wichtig. Während Herrschaft etwas ist, was die Menschheit abschaffen sollte und früher oder später auch wird, wird (fachlich orientierte) Führung als notwendiges Element bleiben, solange es Menschen gibt. Das Likertsche Modell liefert Ansätze, Führung sinnvoll, transparent und auch herrschaftsfrei zu gestalten.
Genau in dieser Hinsicht weist das Likertsche Modell - mit Modifikationen - weit über die kapitalistische Verwertungswirtschaft hinaus.

Das Beispiel des Stammes der Likatier

Ein Beispiel für eine modifizierte Likert – Organisationsstruktur findet sich etwa beim Stamm der Likatier. Um nicht missverstanden zu werden: die Likatier haben ihren Stammesaufbau nicht etwa in Kenntnis und Anwendung des Likertschen Organisationskonzeptes vorgenommen. Ich vermute sogar, dass Rensis Likert und sein Managementkonzept bis in die Kreise der Stammesführung unbekannt sind.
Um so interessanter, dass da sehr wohl Übereinstimmungen zu finden sind. Da ich selbst bis zum heutigen Tage sogenannter „autider“ Lebemensch des Stammes bin und auch bleibe, kann ich auch die Realität der Aufbaubeschreibung des Stammes bestätigen.
Auf der URL
http://www.likatien.de/likatien/stammesaufbau.php/cPath/info_aufbau
sind drei Ebenen (besser vielleicht Sphären) des Stammesaufbaus beschrieben:
- Stammeskreise (Mitgliedschaftsgrade)
- Stammesgruppen („Sozialgruppen“)
- Stammesbereiche (Wirtschaftsorganisationen)



„Stammeskreise“ beschreiben zwiebelschalenförmig „Einlass-Stufen“ von Stammesmitgliedern:

Im Stamm der Likatier existieren verschiedene Stammes-Kreise, die die verschiedenen Grade des Einlassens auf den Stamm symbolisieren und die verschiedenen Arten von Mitgliedschaften darstellen. Entstanden ist dieses Modell durch die Erfahrung, dass die Menschen höchst unterschiedliche Bedürfnisse bezüglich der Frage, wie sehr sie sich auf den Stamm einlassen wollen, haben. Um dieser Vielfalt gerecht zu werden, war es erforderlich, unterschiedliche Arten von Mitgliedschaften zu schaffen, wo jeder die Form von Mitgliedschaft wählen kann, die ihm und seinen Bedürfnissen entspricht.
http://www.likatien.de/likatien/aufbaukreise.php/cPath/info_aufbau_aukr

Diese Einlassstufen reichen von Lamatiden („latent Manifesten“: Ausgetretene, verstorbene) bis hin zu den Existenzialmenschen.

Stammesgruppen bezeichnen sogenannte „Sozialgruppen“ (es gibt deren fünf), die sich mehr nach Temperamenten und Charaktereigenschaften definieren.

Die "Sozialgruppen", die seither in unregelmäßigen Abständen zusammenkommen und sich mit einer Vielfalt von kulturellen und sozialen Themen beschäftigen, übernehmen auch verschiedene Aufgaben im Stamm, wie z.B. die Gästebetreuung, Fahrten zu anderen Gemeinschaften, Ausrichten von Festen etc. Die Zuordnung zu den Gruppen wird nicht bierernst nach den Wesensmerkmalen der Gruppen vorgenommen, und neue Mitgliedschaften richten sich weitgehend nach Sympathie und Belieben des Antragstellers.
http://www.likatien.de/likatien/aufbaugruppen.php/cPath/info_aufbau_augr

Die wirtschaftlichen Organisationen des Stammes werden "Bereiche" genannt:

Die Wirtschaftsstruktur des Stammes der Likatier gliedert sich in sechs wirtschaftliche Bereiche. In diesen jeweiligen Bereichen arbeiten branchenähnliche Betriebe zusammen. Die Betriebe haben ihre jeweiligen Betriebsleiter und darüberhinaus gibt es einen Bereichsleiter, der für den Bereich insgesamt verantwortlich ist.

Klar, daß wirtschaftliche Effizienz auch eine funktionelle Hierarchie erforderlich macht.

Zuzüglich noch zu einer vierten, auf der Webseite des Stammes ungenannte Ebene (die so etwas wie „Gesinnungsgemeinschaften“ erfasst) ergibt sich daraus ein hochkomplexes System überlappender Gruppen, in die ein Stammesmitglied eingebunden sein kann.

Ich selbst war in diesem System Lebemensch, Mitglied der Sozialgruppe Eloeme und dem Bereich Schwanen zugeordnet, wobei ich in jeder Ebene mit anderen Menschen (überlappend) verknüpft war. Insgesamt ist der Stamm der Likatier insofern als ein komplexes System überlappender Gruppen darstellbar und beweist die Anwendbarkeit des Likertschen Managementsystems auch und vor allem für herrschaftsfreie Gemeinschaftsformen.

Nemetien als System überlappender Gruppen

Auch das zukünftige Nemetien wäre mithin als ein hochkomplexes System überlappender Gruppen (und Gemeinschaften und Kooperativen etc.) vorstellbar.

Eine Erfahrung der letzten Jahre ist beispielsweise, dass es nicht sinnvoll ist, Menschen mit sehr unterschiedlichen Intentionen, Wünschen, Vorstellungen und Zielen in einer einzigen Gruppe zusammenzufassen. Unabhängig von der Art der Entscheidungsfindung (demokratisches Mehrheitssystem, Konsens, Vetoprinzip, Autokratie, Oligarchie) tendiert eine hochgradig heterogene Gruppenbildung zum Zerfall, zur Spaltung oder zur Verödung. Ein System überlappender Gruppen dagegen erlaubt die Gruppierung von Menschen entlang ihrer Ziele, Interessen etc. und bietet doch die Möglichkeit vielfältiger Zusammenarbeit und Kooperation.

Die Oneida Community: Komplexe Ehe

(Aus der Geschichte der Intentionalen Gemeinschaften)
Die 1848 von dem christlichen utopischen Sozialisten John Noyes gegründete Oneida-Gemeinschaft im US-Bundesstaat New York pflegte eine Form der Gruppenehe, die man „komplexe Ehe" nannte und in der theoretisch jede Frau mit jedem Mann verheiratet war. Die Gemeinschaft praktizierte auch eine Form „wissenschaftlicher Fortpflanzung", bei der die zukünftigen Eltern nach Gesichtspunkten der körperlichen und geistigen Gesundheit von der Gemeinschaft festgelegt wurden, was natürlich letztlich auf Eugenik hinausläuft.
Trotz dieses durchaus anrüchigen Umstandes zählt die Oneida Community zu den interessantesten Vorläufern der heutigen intentionalen Gemeinschaften.

Oneida ist eigentlich der Name einer nordamerikanischen indianischen Nation (im Sinne von: Zusammenschluß mehrerer matriarchaler Stämme), siehe http://www.oneida-nation.net/ oder http://www.oneidanation.org/.
Das ist aber ein anderes Thema.


Oneida ist aber eben auch der Name dieser 1848 gegründeten historischen Gemeinschaftssiedlung von sogenannten “Bibel-Kommunisten”, Möglicherweise ließen sie sich bei ihrer Namensgebung von den matriarchalen Oneida – Indianern sich inspirieren.
Der sogenannte „Bibel – Kommunismus“ war, daran soll ausdrücklich erinnert werden, im 19. Jahrhundert eine außerordentlich rege und kreative Strömung in den USA.
Immerhin hatte die Oneida Community 32 Jahre lang, von 1848 bis 1881 Bestand und war damit eine der stabilsten Gemeinschaftsgründungen in den USA.
Das Schlüsselwort ihrer perfektionistischen Weltanschauung hieß: „Verbesserung“.

Im Jahr 1848 hatten Noyes und seine Anhänger eine herrschaftliche Villa in Oneida Creek im Staat New York bezogen, um dort einen urchristlichen Kommunismus zu verwirklichen. Sie bildeten eine Wohngemeinschaft, in welcher allen alles gemeinsam war – auch die Frauen.
Jede erwachsene Frau war mit jedem erwachsenen Man der Wohngemeinschaft verheiratet.
Noyes nannte dies „complex marriage", also komplexe Ehe.
Ein anderer damals ungewöhnlicher Aspekt des in Oneida Creek praktizierten Kommunismus war, dass auch die Männer Hausarbeit machten, was dazu führte, dass die Männer Waschmaschinen und Geschirrspülmaschinen erfanden und zusammenbastelten, während die Frauen auch im Beruf ihren Mann standen. Zu erwähnen ist auch, dass die Oneida Community sehr großen Wert auf Bildung und Erziehung für alle ihre Mitglieder legte.

Religiös waren sie sogenannte Perfektionisten, eine christliche Richtung.
Diese glaubten, dass die Wiederkunft Jesu, von den Christen am Tag des jüngsten Gerichtes erwartet, schon längst stattgefunden habe: nämlich im ersten Jahrhundert n. Chr.
Damit – so ihre Schlussfolgerung - war das Reich Gottes schon lange Wirklichkeit geworden. Sie unterschieden sich demnach von „gnostischen“ evangelisch-christlichen Vorstellungen, wonach die Welt vom Bösen regiert werde und das Reich Gottes ( = Kommunismus) erst in ferner Zukunft nach dem Jüngsten Gericht einkehren werde.
Sie konnten das durchaus auch mit der Bibel begründen.Im 1. Korintherbrief, Abschnitt 15, Vers 51 schrieb Paulus: „Wir werden nicht alle sterben, aber wir werden alle wiederauferstehen“.

Da ist der Schluß zwingend dass das Jüngste Gericht schon im Ersten Jahrhundert nach Christus stattgefunden hat, bevor alle Zeitgenossen des Paulus gestorben waren.

Die Oneida Community hatte indessen damit die notwendige Einstellung, um sich über Tabus (wie z.B. der Kleinfamilie) hinwegzusetzen und ihre eugnischen Vorstellungen umzusetzen. Noyes nannte diese Züchtung von Menschen „stirpiculture“ (Kultivierung des Nachwuchses).

Noyes nannte die traditionelle Ehe eine „selbstsüchtige Institution, in welcher die Männer ihre Eigentumsrechte über die Frauen ausübten“ und pries die Tugenden der „freien Liebe“ – was Noyes in starke Nähe zu den Auffassungen eines Charles Fourier brachte (es ist mir unbekannt, ob die beiden Männer voneinander wussten).
Zwei Regeln gab es aber in der Oneida Community:
1. Zwei Partner durften nur miteinander ins Bett gehen, wenn jeder damit einverstanden war und dies auch gegenüber einem dritten bekundet hatte.
2. zwei Partner konnten nicht ausschließlich nur mit ihrem bevorzugten Partner ins Bett gehen.

Die zweite Regel stellt allerdings strenggenommen einen Verstoß gegen die Freiwilligkeit dar, wenn auch die Oneida Community nie so weit ging, ihren Mitgliedern die Geschlechtspartner vorzuschreiben, wie es bei der AAO im 20. Jahrhundert der Fall war.

Die Idee der „stirpicultur“ bestand nun darin, dass man Kinder mit besseren Erbanlagen erzeugte, indem man die gesündesten und intelligentesten Männer und Frauen miteinander verband. Nur bestimmte Mitglieder der Gemeinschaft erhielten das Recht, Eltern zu werden. Diese wurden durch ein Komitee ausgewählt. Um zu verhindern, dass die jungen Mädchen nicht unkontrolliert Sex mit dem Erstbesten hatten, der ihnen gerade gefiel, sondern mit denjenigen ins Bett gingen, die ihnen zugedacht waren, erfand man die Praxis der „aufsteigenden Partnerschaft“. Sogenannte „Zentralmitglieder“ wachten über die Jungfrauen und sorgten dafür, dass sie vom „richtigen“ Partner schwanger wurden. Deshalb war es wohl wichtig, selbst Zentralmitglied zu sein oder ein gutes Verhältnis zu den Zentralmitgliedern zu haben. Bis es soweit war, dass die zur Fortpflanzung bestimmten Partner zur Zeugung schritten, wurden die jungen Frauen mit älteren Partnern und junge Männer mit älteren Frauen vereint.

Um unerwünschte Schwangerschaften zu vermeiden und um den nicht zur Fortpflanzung berechtigten Partnern auch Gelegenheit zum Sex zu geben, praktizierte man „männliche Selbstbeherrschung“, die darin bestand, dass man durch Carrezza-Praktikenoder durch Coitus interruptus oder durch Petting vermied, dass die Frauen schwanger wurden. In der Praxis war das wohl so, daß das Paar sich in weihevoller Stimmung zunächst mit einem ausgedehnten Vorspiel beschäftigte, der Mann dann behutsam in die Frau eindrang, dort etwa eine Stunde lang ziemlich regungslos verharrte - während sich das Paar den angenehmen Empfindungen hingab - und sich dann wieder behutsam zurückzog ohne zum Orgasmus gekommen zu sein.
Einige amerikanische Anhänger des tantrischen Buddhismus vermuten, dass die Oneida-Liebespaare eine Art Sexual-Meditation durchgeführt hätten, wie sie auch im Tantrismus oder im Taoismus praktiziert werden.

Die Verhütungspraktiken als Geburtenkontrolle scheinen recht erfolgreich gewesen zu sein. Innerhalb von 20 Jahren gabe es in der Gemeinschaft, die etwa 250 Menschen umfasste, nur ca. 40 Geburten.

Ein Problem der „complex marriage“ war, dass die Partner nicht nur gegenüber einer Person, sondern gegenüber allen Mitgliedern die Pflicht hatten, sexuell verfügbar zu sein. Zwar legte Noyes großen Wert darauf, dass ein Geschlechtsverkehr nur stattfand, wenn beide Partner dies wünschten. In der Praxis sahen sich die Mitglieder der Kommune, vor allem wohl die attraktiveren Mitglieder der Community, vor allem wohl die Frauen, einem starken Druck ausgesetzt, ihren sämtlichen Ehemännern zur Verfügung zu stehen. Das könnte schon mal die Freude am Sex verderben, möchte ich mutmaßen.

Obwohl man sich vorstellen kann, dass es in der Community eine Menge Konflikte gab, erwies sie sich als außergewöhnlich stabil. Es existierten sicher die ganz alltäglichen Probleme wie Eifersucht und Liebe zu einem bestimmten Partner, der mit allen anderen geteilt werden sollte. Da gab es bestimmt auch Opposition gegen den Führer der Kommune, die dieser immer wieder durch Einfühlungsvermögung und Überzeugungsarbeit, oft wohl auch durch Berufung auf die heiligen Texte überwinden musste.
Außerdem war die Community von Seiten der Außenwelt allerlei Druck und Problemen ausgesetzt, - wen wunderts? - durch Politiker, die sich zu Tugendwächtern aufspielten und einen fanatischen verleumderischen Kreuzzug gegen die Community starteten.
Daß dieses Sozialexperiment inmitten einer feindlichen Umwelt so lange existieren konnte, war zum einen den Führungsqualitäten von Noyes zuzuschreiben, aber auch der freundlichen und kultivierten Art, mit der die Perfektionisten ihren Nachbarn begegneten, die oft von ihnen sehr angetan waren.
Ein dritter Faktor war sicher auch, dass die Kommune großen wirtschaftlichen Erfolg hatte und zu Wohlstand kam.

So hatte die Oneida Community 32 Jahre lang, von 1848 bis 1881 Bestand, und zwar wesentlich länger als andere Gründungen dieser Art (Shaker, Nauvoo, Harmony, New Harmony) aus der an Gemeinschaftsexperimenten ausgesprochen reichen amerikanischen Früh-Geschichte.
Am Ende (1881)wurde sie in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die Konserven, Tierfallen, Tafelbesteck u. a. produzierte – alles mit der gleichen Perfektion, mit der man auch Menschen gezüchtet und das Liebesleben geregelt hatte.
Wie kam es zu dem Ende?
Die Ursache der Auflösung der Oneida Community ist meines Erachtens auch darin zu suchen, dass sie sich zentral um einen einzigen charismatischen Führer drehte, dessen Sinnesänderung aufgrund einer persönlichen Diskreditierung der auf ihn fixierten Gemeinschaft den Todesstoß versetzte.

Laut dem englischen wikipedia:
http://en.wikipedia.org/wiki/John_Humphrey_Noyes
Im Juni 1879 alarmierte einer von Noyes treuesten Gefolgsleuten ihn, dass er wegen Kindesmißbrauch (Unzucht mit Minderjährigen? Englisch im Original: statutory rape) eingesperrt werden sollte. Er floh mitten in der Nacht nach Ontario in Kanada, wo die Community eine Fabrik besaß. Im August diesen Jahres schrieb er ein Statement zurück zur Community, dass es Zeit wäre, die Praxis der komplexen Ehe zu beenden und in einer „mehr traditionellen Weise“ zu leben. So wurde die Community formal aufgelöst und in eine Aktiengesellschaft umgewandelt (1.Januar 1881). Diese Aktiengesellschaft war als Erzeugerin von qualitativ hochwertigem rostfreiem Besteck außerordentlich erfolgreich und ging erst 2006 vollständig in rein private Hände über.
http://en.wikipedia.org/wiki/Oneida_Limited

Noyes kehrte niemals in die USA zurück, sondern blieb in Kanada. Es werden noch merkwürdige Geschichten über ihn erzählt, er behielt bis zu seinem Tod 1886 noch großen Einfluß auf seine Anhänger. Aber mit der komplexen Ehe war plötzlich Schluß.
Wesentlich mehr war aus den mir zur Verfügung stehenden Quellen leider nicht zu erfahren.

Gewiß widerspricht Noyes Experiment in manchen Punkten (vor allem dem der Eugenik) dem Prinzip der Freiwilligkeit, was für sich schon eine Instabilität der Kommune bedingt, doch erklärt dies nicht den plötzlichen Kurswechsel Noyes am Ende seines Lebens.
Wer die Geschichte der amerikanischen Gemeinschaftsgründungen kennt und auch weiß, dass die puritanische Kultur der USA als Überbau eines entfesselten Kapitalismus Gemeinschaftsexperimente nicht gern sah, sondern entweder zu vernichten oder anzupassen versuchte (ich erinnere an die Lynchjustiz gegen den Gründer der Mormonenkirche Joseph Smith jr.), der kann die Geschichte der Oneida – Community nicht einfach als „gescheitertes kommunistisches Experiment“ abtun.
Das „Experiment“ scheiterte demnach letztlich am Einknicken seines offensichtlich erpressbaren charismatischen Führers.
Möglicherweise handelte es sich um einen ähnlichen Fall wie der des ebenso charismatischen Otto Mühl, dessen AAO – Kommune zu Fall kam, weil der Gründer sich in ein frühreifes 13jähriges Mädchen seiner Gemeinschaft verliebte, mit ihr auch Sex hatte und dadurch mit dem Gesetz in Konflikt kam.
http://de.wikipedia.org/wiki/Aktionsanalytische_Organisation

(Die AAO ist ein eigenes Thema).

Es darf also die Frage aufgeworfen werden, ob die Geschichte der Kommune unter anderen Bedingungen nicht hätte auch anders verlaufen können.

Die Oneida Community bleibt für uns eine Quelle der Inspiration, vor allem auch ihre Fehler können sehr lehrreich sein.

Ehre dem Andenken der Oneida - Kommunarden.

Einige Links dazu:

http://en.wikipedia.org/wiki/Oneida_Society
http://en.wikipedia.org/wiki/John_Humphrey_Noyes
http://www.koinae.de/noyes.htm
http://www.nemetien.org/nhoi/oneida.html
http://www.oneidacommunity.org/
http://digitalcommons.unl.edu/etas/5/
http://www.crookedlakereview.com/books/saints_sinners/martin11.html

Sonntag, 18. Mai 2008

An Nemetien orientierte Gruppe gegründet

Marga, Mischa und Pedro beschlossen am Wochenende 9./10./11. Mai die Bildung einer Gruppe, die als Initiatorengruppe die Gemeinschaftsbewegung in Südwestdeutschland inspirieren und stimulieren will. Diese Gruppe orientiert sich an den Sieben Nemetischen Leitideen, deren Ausformulierung und Aktualisierung auch Aufgabe der neuen Struktur sein wird (siehe www.nemetien.org). Entsprechend ist die Gemeinschaftsbildung (auf vielen Ebenen und in vielen Bereichen) auf Grundlage von Freiwilligkeit ein wichtiges Anliegen.
Für besonders wichtig halten die drei Initiatoren die Art und Weise der Kommunikation und Entscheidungsfindung der Struktur. Diese soll durch echtes Konsensprinzip und Integration gekennzeichnet sein. Unter echtem Konsensprinzip wird verstanden, dass in einer Entscheidung die Motive, Vorschläge und Intentionen aller Beteiligten integriert werden sollen. Landläufig wird aber unter „Konsensprinzip“ oft Vetoprinzip verstanden, wo die Nein – Stimme einer einzigen Person eine mehrheitsfähige Vorlage zu Fall bringen kann. Dies wird von Marga, Mischa und Pedro ausdrücklich nicht als Konsensprinzip verstanden.
Der Name für die neue Gruppe ist noch nicht beschlossen und befindet sich derzeit in der – natürlich konsensualen – Entscheidungsfindung.
Es wird sich nicht um eine geschlossene, sondern um eine offene Gruppe handeln. Allerdings werden im Unterschied zu früheren Gruppengründungen (MEIGA – Gruppe KA, Etxekoak, Maitea, „Schnuggi“) Mitgliedschaftskriterien existieren. Diese sehen zum einen die aktive Unterstützung der Sieben Nemetischen Leitideen (in welcher Form auch immer) vor, sowie die Bereitschaft und Fähigkeit zu konsensualer Entscheidungsfindung.
Als eine unserer Aufgaben sehen wir die aktive Unterstützung bei Gründung von Gemeinschaftsprojekten und geben gerne unsere vielfältigen Erfahrungen weiter.
Weiterhin beabsichtigen wir, die Sieben Nemetischen Leitideen weiter zu entwickeln, zu fördern, zu verbreiten und praktische Initiativen zu entwickeln, wo Menschen sich zum Zwecke der Gemeinschaftsbildung zusammenfinden. Wir kooperieren gerne mit anderen gemeinschaftsorientierten Gruppen.

Wir sind seit über 10 Jahren in der Gemeinschaftsorientierten Bewegung im Großraum Pfalz/Baden aktiv und haben damit bereits Geschichte geschrieben. Einen Grund für den Zerfall vieler Gruppen sehen wir in der Tatsache, dass sie sich diffus nur durch zeitweilige persönliche Sympathien definierten (und durch persönlich motivierte Ressentiments abgrenzten) und keine weitergehende Ausrichtung besaßen. Konkrete Hausgemeinschaftsprojekte litten daran, dass kulturelle Gewohnheiten der auf Ellbogenprinzipien basierenden alten Gesellschaft sich ungebrochen auswirkten und Desolidarisierung hervorriefen.
Die Gruppe ist entschlossen, aus allen Erfahrungen zu lernen und lehrreiche Schlussfolgerungen für zukünftige Ansätze abzuleiten.

Marga
Mischa
Pedro

Kontakt zu uns: vorläufig über ProjektNemetien[at]nemetien.org
Eine eigene Mailadresse wird nach der Namensfindung eingerichtet

Freitag, 9. Mai 2008

Kommune W

Ich möchte Ihnen heute, liebe Leser, die „Kommune W“ vorstellen, mit der ich auch persönlich schon viele Jahre befreundet bin. Es handelt sich nicht um den offiziellen Namen der Gemeinschaft, die in einer Kleinstadt im Nordwesten Baden – Württembergs angesiedelt ist.
Angesichts der Größe und auch der unterschiedlichen Alterstufen der Kommune gestaltete sich die Interviewerstellung etwas schwierig.
Ich reichte einen Fragenkatalog ein und ging zunächst davon aus, dass jede/r die Fragen für sich beantwortete. Dies erwies sich als unpraktikabel und wurde verworfen.
Die nun vorliegenden Antworten entstanden im Rahmen eines umfangreicheren Palavers am Frühstückstisch. C, ein Mitglied der Gemeinschaft, sammelte die Antworten auf einem Notizzettel. Ich habe die teilweise nur in Stichworten vorliegenden Antworten so ausformuliert, dass sie für Sie lesbar sind. Manche Antworten, die allesamt im Gruppengespräch entstanden, sind natürlich ironisch zu verstehen, bei einigen habe ich das auch explizit kenntlich gemacht.
Wer Kontakt mit der Gemeinschaft aufnehmen möchte, sende mir bitte eine entsprechende Mail, die ich dann weiterleiten werde.
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1.) Seit wann existiert eure Gemeinschaft?

23 Jahre von den frühesten Anfängen her. (*)

2.) Wie groß (zahlenmäßig) ist eure Gemeinschaft und wie setzt sie sich zusammen?

Wir sind derzeit 17 Menschen: 9 Frauen und 8 Männer aller Alterstufen. Das jüngste Mitglied ist 6 Jahre alt, das älteste 91 Jahre.
(**)

3.) Wie sieht die ökonomische Basis eure Gemeinschaft aus? Womit verdienen eure Mitglieder ihr Geld?

Wir leben über unsere Verhältnisse, aber unter unserem Niveau (*****). Wir arbeiten alle außerhalb und sind hauptsächlich Akademiker und Studenten.

4.) Habt ihr eigene Betriebe?

ja! (***)

5.) Hat sich die Existenz eurer Gemeinschaft durch gegenseitige Fürsorge und Hilfe schon positiv für einzelne Mitglieder eurer Gemeinschaft ausgewirkt?

Ja. In folgenden Bereichen: Lösung interner Konflikte; die Gemeinschaft wirkte auch beziehungsstabilisierend; Kinder- und Altenbetreuung; bei der persönlichen Weiterentwicklung.
Wobei stets gilt: Ratschläge sind auch Schläge. (*****)
Weiterhin beim Thema Geld (sich gegenseitig Geld leihen), Autos verleihen bzw gemeinsam nutzen, Ausheulen, Einkäufe organisieren, Kochen, Haushaltsführung.
Man findet Badepartner. Flirt- und Liebesschulung

6.) Welche Konfliktlösungsmethoden praktiziert ihr?

Sex.
Diskussion, bis der Gegner erschöpft aufgibt (*****).
Einspruch: wir haben keine Gegner, sondern „leider“ Partner.
Wir praktizieren wöchenliche Treffs zum Austausch der persönlichen Situation (Sprechhasen – Runde, wobei ein Stoffhase einen Sprechstab darstellt).
In diesem Zusammenhang haben wir auch schon einen eigenen Jargon der Kommunikation entwickelt.
So bedeutet bei uns „Zipfel“ eine ungare, noch nicht ausgefeilte Ahnung.
„Ignaz“ ist bei uns der personifizierte „Schweinehund“ und dient zum Benennen des Unbewussten.
In jedem Falle ist Konfliktbereitschaft und Wille zur Wahrheit wichtig.

7.) Habt ihr verschiedene Konfliktlösungs und Kommunikationsmethoden ausprobiert, und welche Erfahrungen habt ihr dabei gesammelt?

Körperliche Auseinandersetzungen bringen nichts (klar). Die Methode „Heißer Stuhl“(+) ist zu verletzend. Manchmal ist eine Art Theaterforum sehr hilfreich. Eine große Rolle spielen bei uns Küchengespräche und Einzelgespräche (Dialoge). Es gibt in unserem Haus eine funktionierende „Hauspost“: jeder erzählt jedem schnellstmöglich alles.
Eine bedeutende Rolle spielen auch gemeinsame Aktivitäten, z.B. Joggen.

8.) Jede Gemeinschaft lebt vom Konflikt, konkreter, von der gemeinsamen positiven Lösung von Konflikten. Es gibt typische Grundschauplätze von Konflikten in einer Cohousing – Gemeinschaft (Cohousing = Wohngemeinschaft). Nach eurer Beobachtung: was waren in eurer bisherigen Geschichte die häufigsten Konfliktfelder: Geld? Sex und Liebe? Sauberkeit und Ordnung? Kommunikation? Sympathie und Antipathie?

Wir beschäftigen uns lieber mit dem Konfliktfeld Initimität, statt mit dem schweren Konfliktfeld Geld. Und viel mit dem Thema Selbstwertgefühl.
Nötige Strukturveränderungen durch Wachstum der Gemeinschaft birgt auch Konfliktpotential. (****)
Das Thema Ordnung und Sauberkeit haben wir durch gemeinschaftliches Outsourcing gelöst.

9.) Seid ihr eine offene Gemeinschaft oder seid ihr für weitere Mitglieder offen?

Wir sind offen für weitere Mitglieder, aber nicht für alle, d.h. keine Schnuggis, keine faschistoiden Emanzen, keine Faschos, keine Ultra – Ökos, keine Hardcore – Spirituellen. Für Millionäre mit Charme, KFZ-Mechaniker und andere Handwerker sind wir offen.

10.) Was sind Kriterien für die Mitgliedschaft bei euch (sofern ihr welche habt)?

(Schon beantwortet.)

11.) Habt ihr Beziehungen zu anderen Gemeinschaften, und welcher Art sind diese?

Wir besuchen die schon, aber kein Schwein ruft uns an.
(*****)

12.) Habt ihr als Gemeinschaft ein kollektives Selbstverständnis im Sinne einer „intentionalen Gemeinschaft“, sei es weltanschaulicher, spiritueller, politischer, philosophischer natur?

Wir sind politisch sehr links, pflegen offene Beziehungen. Wir nennen uns manchmal die „Hexen von Weinheim“ (aber offiziell „glauben wir nicht dran“). (*****)
„Es gibt nichts Schlimmeres als Scharlatanerie“ (O-Ton A.)

13.) Wird dieses Selbstverständnis von allen Gemeinschaftsmitgliedern mitgetragen?

Mitgetragen: ja schon, eigentlich schon.

14.) Aus Vorgesprächen weiß ich, dass ihr Mehrfachbeziehungen praktiziert und auch bewusst kultiviert, was eine Besonderheit ist auch unter Gemeinschaften, die „freie Liebe“ propagieren. Wie hat sich diese kulturelle Eigenschaft eurer Gemeinschaft entwickelt?

Mit Ach und Krach. Aus der Erkenntnis, dass der Mensch nicht für „lebenslängliche“ Zwangsehe (Wilhelm Reich) geschaffen ist und die Lust nicht auf einzelne Menschen beschränkt ist. Und weil es Spaß macht, sich zu verlieben. Außerdem entwickelte sich diese kulturelle Eigenschaft unserer Gemeinschaft, weil wir uns der Doppelmoral des kapitalistischen Systems entgegen werfen.

15.) Mehrfachbeziehungen werden zwar unter der Bezeichnung „Polyamory“ von zahlreichen Gruppen unter den internationalen intentionalen Gemeinschaften propagiert, sie sind aber erfahrungsgemäß erst einmal schwer zu handhaben. Könnt ihr das bestätigen?

Ja, genauso wie Zweierbeziehungen.
„Nur gibt es weniger Tote, aber mehr Spaß“. (*****)

16.) Gibt es nach eurer Erfahrung Grundregeln, die es ermöglichen, dass Mehrfachbeziehungen stabil sind und sich – im Sinne von Charles Fourier – zu „Quellen hochherziger Freundschaften“ entwickeln?

Alles offen legen, Wahrheit auf den Tisch knallen. Konfliktbereitschaft.
„Die Lust ist heilig“.
(Jemand wirft ein: „Ich finde den Spruch komisch, da er ein Tabu beinhaltet. Ohne Tabu ja“)

Immer wieder alles hinterfragen und nach Lösungen suchen, die auf die Situation passen. Solidarität und Freundschaft.
In Krisensituationen kommen wir immer wieder zum Fazit: „Wir sind die Besten“. (*****)

17.) Wie ist das Verhältnis der Generationen untereinander in eurer Gemeinschaft?

Es existieren Beziehungen über alle Generationen hinweg.

18.) Habt ihr als Gemeinschaft Zukunftspläne, und wenn ja, welche?

Ein ganz ganz großes Haus, oder mehrere Häuser. Ausbreitung unseres Lebensmodells, am besten ein ganzer Ort (oder Stadt). Wir möchten gern andere infizieren mit unseren Ideen. Mehr internationale Kontakte.
(„Gilt nicht für mich“ warf jemand ein)
Weiterentwicklung der Ideen durch die jüngere Generation, da diese eine ganz andere Basis schon hat.



(Selbstgewähltes Portrait der Kommune W)

Anmerkungen

(*) Nach meiner Beobachtung ging die Bildung der Gemeinschaft von zwei miteinander verbundenen Paaren aus, A, K, C und R. Ich kenne A und K seit 26 Jahren (1982) und weiß, dass sie schon immer die Bildung einer Gemeinschaft zum Ziel hatten.

(**) Hinzu kommt ein Dunstkreis von Freunden und Interessenten, die sich gern der Gemeinschaft anschließen würden, was aber das derzeitige Wohnhaus nicht zulässt.

(***) Es handelt sich um mindestens eine IT – Firma in der Rechtsform einer GmbH, sowie andere Aktivitäten wie Hausaufgabenhilfe etc.

(****) Spielt darauf an, dass in dem bewohnten Haus der Wohnraum allmählich knapp wird.

(*****) Ironie

(+) Die Methode „Heißer Stuhl“, die in manchen „Psycho“ – Kreisen praktiziert wird, basiert darauf, dass sich eine Person auf einen Stuhl in die Mitte setzt und alle anderen offen über diese Person reden, als ob sie nicht da wäre. Die betroffene Person selbst muß schweigen.

Mittwoch, 26. März 2008

Projekt Grünes Haus Zunsweier

Liebe Leser, ich möchte Ihnen heute das Projekt Grünes Haus Zunsweier vorstellen. Mit dem Initiator und Gründer des Projektes, miScha, bin ich seit einigen Jahren befreundet. Das Grüne Haus gehört zum nemetischen Netzwerk.
Das Projekt ist für weitere Mitbewohner und auch Gäste und Besucher offen.

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Wie lange besteht dein Projekt schon?

Seit 2005.

Was bedeutet der Name „Grünes Haus“? Es ist ja (noch) nicht grün.

Grün verweist auf die sprießende Vielfalt des Lebens. „Grau, Freund, ist alle Theorie, doch grün des Lebens goldener Baum“ (Goethe).

Wie bist du zu dem Haus gekommen?

Durch Erbschaft von meinem Großvater, den ich bis zum Alter von 97 Jahren gepflegt habe.

Wer bewohnt derzeit das Haus?

Ich selbst, dann Govinda, mein Vater und die Miez (eine Katze). Zusätzlich gibt es einige Menschen, die im Haus verkehren und sich mehr oder weniger hier heimisch fühlen. Die letzten Jahre wohnten zeitweise überdies noch andere Menschen im Haus.

Suchst du Mitbewohner, und welchen Platz hat das Grüne Haus?

Ja, wir suchen Mitbewohner. Platz ist für 6 – 8 feste Bewohner. Ich wünsche mir zusätzlich eine ebenso große Anzahl Menschen, die sich hier zuhause fühlen, obwohl sie woanders wohnen.

Was sind die Ziele deines Projektes?

Ich habe den Aufbau eines „Paradiesgartens“ im Sinn, in dem Menschen zu ihrer wahren Natur zurückfinden und diese hier leben können.

Was bedeutet „Paradiesgarten“?

Ein sehr vielfältiger großer Lebensraum. Es handelt sich um die Gestaltung des vorhandenen großen Gartens. Ich nenne Stichworte: Waldlichtung, Hexenzaun, Dickicht, Feenhalle, Kletterbaum, Baumhaus, nackt ums Feuer tanzen, Gartenteich (auch zum Plantschen), Höhle, Sauna, Scheune, Barfußweg, Moos, versteckte Lauben, Grüne Dachterassen, wuchernde Wildnis, Kirschenfest, Acker mit Eremitenhütte, und und und.

Was ist deiner Ansicht nach die wahre Natur des Menschen?

Unsere wahre Natur ist Freiheit. Mir fällt ein Satz von Rumi ein: „Jenseits unserer Vorstellungen von richtig und falsch gibt es einen Ort. Dort begegnen wir uns (wirklich)“. Unsere wahre Natur liegt demnach jenseits unseres begrifflichen Verstehens und unserer Konzepte.

Was ist dein spiritueller Hintergrund?

Ich bin Sannyassin in zweiter Generation und war in Poona. Sannyas ist für mich eine Erfahrung des alles Loslassens, des Vonsichwerfens, der Befreiung. Das heißt im Grunde, den ganzen Krempel nehmen und wegwerfen.

Welchen Krempel?

Den ganzen Ballast, den wir mit uns tragen, im Kopf, emotional, die ganzen Blockaden.

Was sind deine zentralen Anliegen mit deinem Projekt? Was für Menschen suchst du zur Teilnahme an dem Projekt Grünes Haus?

Zentral ist für mich der Aufbau einer intimen Lebens- und Liebesgemeinschaft.

Was bedeutet für dich Intimität?


Intimität bedeutet im ursprünglichen Wortsinn angstfrei. Das beinhaltet für mich Bejahung von Körperlichkeit und Sinnlichkeit ohne Scheu, ist aber nicht auf diese beschränkt. Lebens- und Liebesgemeinschaft bedeutet für mich, das ganze Leben in allen seinen Aspekten miteinander zu teilen.

Worin siehst du die Voraussetzung für die von dir genannte Intimität?

Als wichtig erlebe ich, frei zu werden von Wertungen, bzw einen liebevollen Raum aufzubauen, der frei ist von Wertungen und Verurteilungen und in dem jeder sich so zeigen kann, wie er oder sie ist.

Welche Erfahrungen hast du bis jetzt damit gemacht, einen solchen intimen Raum aufzubauen? Das scheint mir ja nicht so ganz einfach zu sein, was du dir da wünscht.

Es waren sehr vielfältige und unterschiedliche Erfahrungen. Ich würde diese Erfahrungen ungern in gute und schlechte unterteilen, weil das schon wieder eine Wertung darstellen würde. Ich habe viel gelebt und gelernt und bin bereit, in eine neue Phase einzutreten.

Was waren deine wichtigsten Lernprozesse?

Ich habe anfänglich allen Energien und Impulsen aller Beteiligten freien Raum gelassen.
Der wichtigste Lernprozess für mich war der, dass in einem ungeregelten, ungeleiteten, unbewußten, völlig freien Raum sich vorrangig unsere gesellschaftlich- kulturellen und persönlich - biographischen Muster und Ego – Strukturen manifestieren.

Was für Konsequenzen hast du daraus gezogen? Worin müsste eine Regelung bzw eine Leitung bestehen?

Ich vertrete aber weiterhin ein offenes Leitungskonzept, in dem es nicht „den einen Chef“ gibt, der über andere Macht ausübt, sondern wo alle Beteiligten gemeinsam in Bewusstheit dessen was sie tun „leiten“, statt alles nur im freien Fall trudeln zu lassen.

Wünscht du dir weitere Sannyassin als Mitbewohner?

Durchaus, ich bin aber auch offen für Vertreter aller spirituellen Richtungen, da alle Spiritualität sich auf die gleiche Quelle bezieht.

Gilt das auch für Atheisten?

Buddha war Atheist. Er wurde an einem Tag gefragt: „Gibt es einen Gott?“, und zwar von drei verschiedenen Menschen.
Dem ersten antwortete er: „Ja, es gibt einen Gott“.
Dem zweiten antwortete er: „Nein, es gibt keinen Gott“
Und als Antwort auf den dritten schloß er die Augen und meditierte mit ihm in Stille.

Du hast unter anderem das Stichwort Schamanismus in den Vorgesprächen genannt. Was meinst du damit?


Ich verstehe mich auch als Schamane in Hinblick auf das Feiern des gesamten Lebens in allen seinen Aspekten, u.a. durch zeremonielle Gestaltung von Jahreskreisfesten. Da hab ich übrigens viel von Dir gelernt, wofür ich sehr dankbar bin.

Du hast mir gegenüber die Notwendigkeit neuer soziale Formen betont? Was hast du damit genau im Auge?

Das klassische Überlebensmodell der Menschheit ist stets die kooperative Gruppe gewesen, der Klan, die Sippe, die Großfamilie. Diese Formen sind letztlich zerbröselt unter dem Einfluß der Industrialisierung. Stichworte: Versingelung, Kleinfamilie bedeutet heute schon fast nur noch alleinerziehende Mutter mit Kind, Ehescheidung neuerdings auch online unter www.ehe-scheidung-online.de.
Die Situation des heutigen Menschen ist seine Versingelung als Einzelindividuum und seine Einbindung in unüberschaubare riesige „Gemeinwesen“ (Krankenkasse, EU, globale Strukturen), in denen seine Stimme nicht gehört wird.
In dieser Kluft zwischen vereinzeltem Individuum und Megastruktur wachsen neue soziale Formen. Es handelt sich um selbst gewählte Gemeinschaften, die klein genug sind, um überschaubar zu sein, und doch groß genug, um energetisch vollständig zu sein und die damit stark genug sind, den einzelnen bei der Bewältigung des Alltags zu begleiten und bei Krisen helfen zu können.
An solchen neuen Formen wird inzwischen selbst in der Mainstreamkultur vielfältig experimentiert: Mehrgenerationenhäuser, Alten – WGs, Tauschringe, Regiogeld, Autofreie Siedlung Köln, Artabana. Da sind nicht mehr nur „linke Spinner“ am Werk, das interessiert heute schon „Otto Normalverbraucher“.

Ich sehe das Haus als Hausgemeinschaft in seiner Größe überschaubar und heimelig. Die Einbindung in das nemetische Gemeinschaftsnetzwerk bringt Größe und Stärke der energetisch vollständigen Struktur.

Was meinst du mit energetisch vollständig?

Als energetisch vollständig bezeichne ich einen Lebensraum, der alle Lebenssituationen und –erfahrungen beinhaltet, ermöglicht und trägt.
Ein solcher Raum beinhaltet alte und junge Menschen, Männer und Frauen, Schlaue und Dumme, Dicke, Dünne, Handwerker, geistig rege Menschen, Tiere aller Art, Bäume, Gemüsegärten und ist geeignet, vielfältige Lebenserfahrungen aller Art darin zu machen und letztlich jede Lebenserfahrung und Lebensphase zu beinhalten und auffangen zu können. Sei es Geburt, Tod, Eheschließung, Krankheit, Pflege, Ausbildung, Lernen, Erwerbstätigkeit, Arbeitslosigkeit oder was auch immer jedem einzelnen von uns geschehen mag.
Letztlich ist ein solcher Raum ein Heilungsbiotop.

Die klassische Großfamilie leistete das durch die Einbindung in die Dorfgemeinschaft.
Die neuen Formen (Hausgemeinschaften, neue Stämme) leisten das durch Einbindung ins Netzwerk.
Unsere Gemeinschaft soll aber nicht eine Neuauflage der Großfamilie werden, sondern unterscheidet sich in wesentlichen Aspekten von den alten Formen: patriarchalisch-hierarchische Strukturen damals, Entscheidungsfindung durch Konsensbildung heute z.B..
Freiwilligkeit und Einsicht in Notwendigkeit statt Machtausübung ist mir ein wichtiges Anliegen, auf das ich durch dich und den NHZ – Artikel ……. gekommen bin.

Vielen Dank, miScha, für das Interview.

Wer mit Mischa und dem Projekt Grünes Haus Zunsweier Kontakt aufnehmen möchte, der sende eine Mail an spenglergaessle [at] gmx.de.
Webseite des Projektes: http://www.die-kleine-prinzessin.de

Freitag, 15. Februar 2008

Ordnung und Sauberkeit

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Dieser Artikel von -raven- erschien in der Printausgabe der Nemetische Heimatzeitung Nr. 11 6.n.Z. (2006)
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Warum ein Artikel zu Ordnung und Sauberkeit in
einer Zeitschrift zur Gemeinschaftsbildung?
Scheinbar beantwortet sich die Frage selbst. Diese
beiden Begriffe sind der Quell gewiß von mehr als
der Hälfte von Zerwürfnissen vor allem in
Kleingemeinschaften.
Grund genug, dieses Thema einmal unabhängig von
einem konkreten Fall näher zu beleuchten. Es ist
ein sehr empfindliches Thema. Nach meiner
Erfahrung vermuten die meisten nicht in
Gemeinschaft lebenden Menschen in Örtlichkeiten
wie Küche und Bäder das größte Konfliktpotential.
Es sind Hellseher, denn in der Tat entwickeln sich
um derartige Örtlichkeiten gewöhnlich die
destruktivsten Auseinandersetzungen, die nicht
selten kleine Gemeinschaftsansätze geradewegs
auseinanderreißen. Das sollte Grund genug sein,
sich dieser Thematik zu widmen.
  • Die meisten Menschen kommen aus
    Lebensumständen, in denen sie – vor allem in
    Kindheit und Jugend – zu einem von den
    Erwachsenen definierten Niveau von Ordnung
    und Sauberkeit gezwungen worden sind. Die
    eigene Erfahrung der Zwanghaftigkeit wird
    meist dergestalt verinnerlicht, dass man meint,
    ohne Zwang und Nötigung sei Ordnung und
    Sauberkeit grundsätzlich nicht herstellbar. So
    wird die eigene Zwangserfahrung natürlich
    auch ungebrochen an die nachfolgenden
    Generationen weitergegeben.
  • Beide Begriffe Ordnung und Sauberkeit
    werden in ihrer wahren Bedeutung und
    Sinnhaftigkeit niemals hinterfragt, sondern
    meist als quasi moralische Grundwerte
    vorausgesetzt. Insbesondere fühlt sich der
    „Sauberere“ und der „Ordentlichere“ als besser
    als die „Unsauberen“ und „Unordentlichen“.
    Regelmäßig stellt sich heraus, dass die
    Vorstellungen über das, was ordentlich und
    sauber ist, zwischen den Beteiligten im Detail
    oft auseinanderklaffen, und zum Teil sogar auf
    verschiedenen Ebenen noch völlig
    unterschiedlich sind (jemand läßt das Geschirr
    stehen, aber ist akribisch und unduldsam in
    Fragen der Müllentsorgung). Trotzdem meinen
    alle Beteiligten oft, dass ihr eigenes
    Verständnis von Ordnung und Sauberkeit „das
    einzig richtige“ und das der anderen „das
    falsche“ ist.
  • Natürlich kommt es dabei auch zu der
    unvermeidlichen Erscheinung, dass Menschen,
    die einen lebenslangen inneren Krieg gegen die
    eigene „Schlampigkeit“ führen, diesen inneren
    Bürgerkrieg gern dadurch unterbrechen, indem
    sie ihren inneren Konflikt auf andere
    projizieren. Aus meiner Erfahrung ist gerade in
    diesem Bereich die Tendenz ungeheuer
    verbreitet, den Splitter im Auge des anderen
    anzuklagen, um den Balken im eigenen Auge
    zu vertuschen. Nach außen hat diese
    Doppelbödigkeit meist verheerende Folgen, da
    sie Vertrauen im Alltag zerstört und zu
    endlosen Grabenkriegen führt.
  • Oft sind Auseinandersetzungen über Ordnung
    und Sauberkeit Stellvertreterkriege für
    Konflikte auf ganz anderen Ebenen. So kann
    eine demütigende Bemerkung hervorragend
    gerächt werden, indem man den Beleidiger bei
    einer Nachlässigkeit erwischt und „zur Sau
    macht“ (verräterische Sprache!). Kriege um
    Sauberkeit und Ordnung entpuppen sich bei
    näherem Hinsehen oft als verschobene und
    damit unkenntlich gemachte Macht- und
    Revierkämpfe.


Um nicht missverstanden zu werden: wenn ich die
Begriffe Ordnung und Sauberkeit gewissermaßen in
Frage stelle, dann spreche ich mich nicht etwa für
Unordnung und Unsauberkeit aus, sondern möchte
die Aufmerksamkeit auf den subjektiven Charakter
beider Begriffe in konkreten Zusammenhängen
aufmerksam machen.
Letztlich hat jeder Mensch ein wie auch immer
geartetes Verständnis von Ordnung und Sauberkeit,
selbst der Obdachlose, der unter der Brücke
übernachtet.
Sauberkeit ist grundsätzlich eine willkürliche
Definition, denn die entgegengesetzte Definition
für „Dreck“ oder „Unrat“ ist ebenfalls willkürlich.
Die Online – Enzyklopädie Wikipedia schreibt
dazu: Ob eine Materieansammlung eine
Verschmutzung bildet ist orts- und zeitabhängig
und unterliegt teilweise auch subjektiven
Einschätzungen. Dreck oder Schmutz ist in diesem
Sinne das "falsche Ding zur falschen Zeit am
falschen Ort"
, oder „Dreck ist Materie am falschen
Platz“
. Dies setzt gleichwohl voraus, dass es eine
Definition von richtigem oder falschem Platz gibt.
Wo mehrere Menschen beteiligt sind, liegt es nahe,
dass diese Definition einvernehmlich gefunden
werden muß. Wo sie es nicht ist, da sind destruktive
Auseinandersetzungen geradezu vorprogrammiert.
Kaum anders verhält es sich mit dem Begriff
„Ordnung“. Ordnen heißt gestalten. Wo eine Seite
ihre Ordnungsvorstellungen gegen die andere
„durchsetzt“, da wird logischerweise der
Gestaltungswille einer Seite gebrochen. Wo aber
der Gestaltungswille mehrerer Menschen sich
kombiniert, da wird eine gemeinsame Ordnung
entwickelt.
Erhellend ist da ein Blick auf den aktuellen Stand
der Robotik. Warum gibt es trotz Internet noch
keine Haushaltsroboter, die mir meine Wohnung
sauber und ordentlich halten? Die Antwort ist
einfach: die Systementwickler stellten fest, daß die
Definition dessen, was ordentlich und sauber ist,
viel zu komplex ist, um einfach objektivierbar zu
sein. Freilich kann man heute schon staubsaugende
Roboter kaufen, die nach dem Zufallsprinzip den
Boden abfahren und saugen. Doch bereits ein Stück
Papier oder Plastik kann die Entscheidungsfähigkeit
einer solchen Maschine überfordern. Wann ist ein
Stück Papier Müll und wann ist es ein Geldschein
beispielsweise?
Wo kein gemeinsames und einvernehmliches
Verständnis von Sauberkeit und Ordnung
entwickelt wird, da entwickelt sich ein Herd
ständiger destruktiver Auseinandersetzungen.
Welche konkrete Ausformung Ordnung und
Sauberkeit innerhalb einer konkreten Gemeinschaft
annehmen, kann sehr unterschiedlich sein. Wichtig
ist lediglich, daß die Definition einvernehmlich
entwickelt wurde.
Natürlich ist diese Einsicht allein kein Patentrezept
für die Lösung aller Sauberkeits- und
Ordnungsfragen in Gemeinschaft, aber sie gibt die
Methode an, mit der die Konfliktlösung erfolgen
muß. Nicht der Disput darüber, welches „richtige“
und „falsche“ Auffassungen sind, sondern das
gemeinsame Bemühen darum, Lösungen zu finden,
die letztlich alle Beteiligten zufriedenstellen. Das
impliziert natürlich auch, die eigenen Vorstellungen
zu überprüfen.

-raven-

Freie Liebe?

Im Gemeinschaftsumfeld taucht immer wieder der Begriff „Freie Liebe“ auf, insbesondere wenn es sich um den Einflussbereich des ZEGG handelt.
Was verbirgt sich hinter dem Begriff?
Nun, platt gesagt, das was sich die jeweiligen Menschen darunter vorstellen. Und das kann sehr sehr unterschiedlich sein, sogar gegensätzlich.

Was ist also unter freier Liebe zu verstehen?

Tatsächlich scheint es keinen Begriff zu geben, der von unbedarften Menschen auf der einen Seite und böswilligen Verleumdern auf der anderen Seite nicht so schon so grob falsch interpretiert wurde.

Tatsächlich konnte ich persönlich die Erfahrung schon machen, dass Menschen aus der Peripherie des ZEGG (also Besucher, keine Bewohner) diesen Begriff als eine Art „Pflicht zu Offenheit“ verstanden. Vereinzelt gab es auch besonders „freie“ Männer, die das Argument „freie Liebe“ als eine Art „Verführungsinstrument“ verwendeten, das ganze eventuell noch mit einer Prise nötigungsorientierter Kommunikation wie „Ooch, bist du prüde“.
Solcherlei Dinge sind natürlich ein gefundenes Fressen für Berufsneurotiker, „Publizisten“ und „Sektenforschern“, die Gemeinschaftsansätzen unterstellen, als „Sekten“ ihre Mitglieder zu „möglichst viel Sex“ zu animieren oder gar Promiskuität zur „Pflicht“ zu erklären.
Sehr häufig lassen solche Anwürfe tiefer in die Psyche der Verleumder und ihrer verdrängten Bewusstseineinhalte blicken als in das reale Leben eines Gemeinschaftsansatzes (ich denke hier an die Boulevardpresse – Kampagnen gegen das ZEGG oder den Stamm der Likatier in den letzten 20 Jahren.. )

Das ZEGG jedenfalls hat zu solchen Projektionen von Freunden und Feinden unmissverständlich Stellung genommen:

Im ZEGG gibt es keine Pflicht zu »möglichst viel Sex« oder eine »Pflicht zur Sexualität mit mehreren Personen«. Unsere Utopie von »freier Liebe« ist weder durch die Art der Sexualität noch durch die Zahl der PartnerInnen definiert.

http://www.zegg.de/index.php?kontrovers_kurz

„Freie Liebe“ ist eine Folge von Vertrauen unter Menschen. Dass auf dem Weg dahin auch verstopfte Kanäle aufbrechen und Ungelebtes nachgeholt werden will, gehört vielleicht zum Heilungsprozess dazu, darf aber nicht mit „freier Liebe“ verwechselt werden.

Und

Freie Liebe bedeutet, dass ich mehr als einen Menschen lieben darf und dass ich eine Form finde, wo ich diese Wahrheit so leben kann, dass es für alle Beteiligten Glück erzeugt und nicht Angst, Verletzung und Streit.

Und

Die Menschen im ZEGG leben Beziehungsformen, die so vielfältig sind wie die Menschen, die sie leben.

http://www.zegg.de/ZeggInBildern/Liebe/index.htm

Das ist wohl an Klarheit nicht zu überbieten.

Auch das Projekt Nemetien propagiert „freie Liebe“, wobei mir aber der Begriff von Charles Fourier „liberte amourouse“ (Freiheit in der Liebe) besser gefällt.
Denn einem Charles Fourier war jeder Gedanke an ein erzwungenes oder ernötigtes Verhalten des Menschen ein tiefer Greuel. Vielmehr soll in der Zukunftsgesellschaft der „Harmonie“ jeder Menschen seine Leidenschaften, welche auch immer es seien, frei leben können (unter der Voraussetzung, niemandem anderen damit zu schaden).

In diesem Sinne bedeutet „Freiheit in der Liebe“ - wie in der gesamten Vorstellung Fouriers von der Harmonie – dass der einzelne Mensch die Freiheit hat, seine Leidenschaften zu leben und darin von der Gesellschaft unterstützt wird.

Auf keinen Fall ist es richtig, „freie Liebe“ einseitig mit „Mehrfachbeziehungen“ zu assoziieren, oder mit „häufig wechselnden Sexpartnern“.
Menschen mit mehr als einer ständigen Beziehung leben sogenannte „Polyamorie“.
Die Neigung zu „häufig wechselnden Sexpartner“ (möglicherweise anonyme) bezeichnet man als Promiskuität (von lat. „promiscuus“ = fremd, d.h. Sex mit unbekannten, anonymen Menschen).
Beides sind zudem auch noch unterschiedliche Dinge.
http://de.wikipedia.org/wiki/Polyamorie
http://de.wikipedia.org/wiki/Promiskuität



Auch die Gegenüberstellung von „Freie Liebe“ und Monogamie ist völlig unsinnig.

Freiwillige Monogamie
gehört nämlich genau so zur Freiheit der Liebe wie etwa die Askese, oder auch die Promiskuität.

Man könnte also allgemein Askese, Monogamie, Polyamory und Promiskuität als völlig gleichwertige Grundvarianten sexuellen Verhaltens und sexueller Neigungen gegenüberstellen, zuzüglich noch der Differenzierungen hinsichtlich Hetero/Bi/Homosexualität, zwischen romantischer versus sexueller Liebe, sodann die diversen „fetischistischen“ Orientierungen (die Fourier als „Zwiespältigkeiten“ bezeichnete), Polaritäten wie voyeuristisch versus exhibitionistisch, dominant versus submissiv usw usf.



DAS ALLES gehört zu „Freiheit in der Liebe“, will heißen: dass der einzelne Mensch, soll frei, ohne jeden Gruppendruck, darüber entscheiden können, welche der „Spielarten“ und „Orientierungen“ er zur seinen wählt und zudem auch noch beliebig oft wechseln kann.

Dieses Grundkonzept der Freiheit der Liebe unterscheidet sich schon sehr von der durch „Moral“ und Gesetz verteidigten uniformen Lebensform der Vergangenheit, die die monogame Kleinfamilie (möglichst lebenslang) zum gesellschaftlichen „Normmodell“ erklärte.

In der Zukunftsgesellschaft der „Harmonie“, wie sie Charles Fourier prognostizierte, wird es eben kein „Normmodell“ mehr geben, sondern eine Vielfalt von freiwillig eingegangenen Beziehungsformen, wozu letztlich auch die monogame Kleinfamilie zählen wird – für diejenigen, die genau das wollen. Und Polyamorie und Promiskuität ebenso.

Dienstag, 12. Februar 2008

Friedrich Engels über Gemeinschaftsbildung

Friedrich Engels: "Beschreibung der in neuerer Zeit entstandenen und noch bestehenden kommunistischen Ansiedlungen"

Aus: "Deutsches Bürgerbuch für 1845", Darmstadt 1845. S. 326-340, abgedruckt in der NHZ Nr.6

Vorwort der Redaktion der NHZ

Daß der Begriff "Kommunismus" ursprünglich nicht ein Synonym war für Gulag, Stacheldraht und Einparteiendiktatur war, sondern für den Aufbau solidarischer Lebens- und Arbeitsgemeinschaften stand, wird aus dem folgenden Text des "Klassikers Engels" deutlich ersichtlich. In seinen Ausführungen betrachtet er auch religiös inspirierte Gemeinschaften zu seiner Zeit in den USA und in Großbritannien, um konkret zu machen, was er unter Kommunismus verstand.



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(Beginn Textauszug Friedrich Engels)

Wenn man sich mit den Leuten über Sozialismus oder Kommunismus unterhält, so findet man sehr häufig, daß sie einem in der Sache selbst ganz recht geben und den Kommunismus für etwas sehr Schönes erklären; "aber", sagen sie dann, "es ist eine Unmöglichkeit, dergleichen jemals in der Wirklichkeit auszuführen". (...) Übrigens, wenn man jenem Einwande etwas näher auf den Grund geht, so findet man, daß er sich in zwei weitere auflöst; nämlich erstens: es würden sich keine Arbeiter zu den niedrigen und unangenehmen Handarbeiten hergeben; und zweitens: es würden, bei einem gleichen Anrecht auf den gemeinschaftlichen Besitz, die Leute sich um diesen Besitz streiten, und so würde die Gemeinschaft wieder zerfallen. - Der erste Einwurf löst sich einfach so: diese Arbeiten sind, einmal in der Gemeinschaft, nicht mehr niedrig; und dann, sie lassen sich durch verbesserte Einrichtungen, Maschinen u. dergl. fast ganz beseitigen. (...) - Was aber den zweiten Einwurf. betrifft, so sind bis jetzt alle kommunistischen Kolonien nach zehn bis fünfzehn Jahren so enorm reich geworden, daß sie von allem Wünschenswerten mehr haben, als sie verzehren können, also gar keine Veranlassung zum Streit da ist.

Der Leser wird finden, daß die meisten der in Nachfolgendem geschilderten Ansiedelungen von allerhand religiösen Sekten ausgegangen sind, welche meistens über verschiedene Gegenstände sehr abgeschmackte und unvernünftige Ansichten hegen, und will der Schreiber dieses nur kurz bemerken, daß diese Ansichten durchaus mit dem Kommunismus nichts zu schaffen haben. Es ist auch offenbar einerlei, ob diejenigen, welche die Ausführbarkeit der Gemeinschaft durch die Tat beweisen, an einen Gott, an zwanzig oder an gar keinen glauben; wenn sie eine unvernünftige Religion haben, so ist das ein Hindernis, das der Gemeinschaft im Wege steht, und wenn sich trotzdem die Gemeinschaft hier im Leben bewährt, wieviel eher muß sie bei andern möglich sein, die von solchen Verrücktheiten frei sind. (...).

Die ersten Leute, welche in Amerika und überhaupt in der Welt eine Gesellschaft auf dem Grund der Gütergemeinschaft zustande brachten, waren die sogenannten Shakers. Diese Leute sind eine eigne Sekte, welche sehr sonderbare religiöse Meinungen haben, nicht heiraten und überhaupt keinen Verkehr der Geschlechter dulden, und was dergleichen mehr ist. Dies aber geht uns hier nichts an. Die Sekte der Shakers entstand vor ungefähr siebenzig Jahren. Ihre Stifter waren arme Leute, die sich vereinigten, in brüderlicher Liebe und Gemeinschaft der Güter zusammenzuleben und ihren Gott auf ihre Weise zu verehren. (...).

Außer den Shakers gibt es aber noch andre auf Gemeinschaft der Güter begründete Ansiedlungen in Amerika. Vor allen sind hier die Rappiten zu erwähnen. Rapp ist ein Prediger aus Württemberg, der sich um 1790 mit seiner Gemeinde von der lutherischen Kirche lossagte und, da er von der Regierung verfolgt wurde, 1802 nach Amerika ging. Seine Anhänger folgten im Jahre 1804, und so siedelte er sich mit etwa hundert Familien in Pennsylvanien an. Sie hatten etwa 25 000 Taler zusammen im Vermögen, wofür sie Grundstücke und Werkzeuge kauften. Ihr Land war ein unbebauter Urwald und kostete sie soviel, als ihr ganzes Vermögen betrug; doch bezahlten sie es erst nach und nach. Sie vereinigten sich nun zur Gütergemeinschaft, und zwar machten sie folgenden Vertrag:

1. Jeder gibt alles, was er hat, in die Gemeinschaft, ohne dadurch irgendeinen Vorteil zu erlangen. In der Gemeinschaft sind alle gleich.

2. Die Gesetze und Vorschriften der Gesellschaft sind gleich bindend für alle.

3. Alle arbeiten nur für das Wohlergehen der ganzen Gesellschaft und nicht jeder für sich allein.

4. Wer die Gesellschaft verläßt, hat keinen Anspruch auf Vergütung für seine Arbeit, bekommt aber alles zurück, was er eingelegt hat; und wer nichts eingelegt hat und in Frieden und Freundschaft scheidet, bekommt ein freiwilliges Geschenk auf den Weg.

5. Dafür verpflichtet sich die Gemeinde, jedes Mitglied und seine Familie mit den nötigen Lebensbedürfnissen und der nötigen Pflege in Krankheit und Alter zu versehen, und wenn die Eltern sterben oder austreten und ihre Kinder zurücklassen, so wird die Gemeinde diese Kinder erziehen.

Die Ansiedlung Rapps (...) blüht bis auf den heutigen Tag. Über ihre jetzige Lage berichtet der erwähnte Reisende Finch:

"Die Stadt Economy besteht aus drei langen und breiten Straßen, welche von fünf ebenso breiten Querstraßen durchschnitten werden, sie hat eine Kirche, einen Gasthof, eine Wollen-, Baumwollen- und Seidenfabrik, eine Anstalt zur Zucht von Seidenwürmern, öffentliche Warenlager zur Benutzung der Mitglieder und zum Verkauf an Fremde, ein Naturalienkabinett, Werkstätten für die verschiedenen Handwerke, Wirtschaftsgebäude und große schöne Wohnhäuser für die verschiedenen Familien mit einem großen Garten bei jedem Hause. Das dazugehörige Ackerland ist an zwei Stunden lang und eine Viertelstunde breit, enthält große Weinberge, einen Obstgarten von siebenunddreißig Morgen nebst Ackerland und Wiesen. Die Zahl der Mitglieder ist gegen vierhundertundfünfzig, die alle wohlgekleidet und gut genährt sind und prächtig wohnen, heitere, zufriedene, glückliche und tugendhafte Leute, die seit vielen Jahren keinen Mangel kennen.

Auch sie waren eine Zeitlang sehr gegen die Ehe eingenommen, doch heiraten sie jetzt und haben Familien und wünschen sehr die Zahl der Mitglieder zu vermehren, wenn geeignete Leute sich ihnen anbieten sollten. Ihre Religion ist das Neue Testament, aber sie haben kein besonderes Glaubensbekenntnis und lassen jedem seine eigne Meinung, solange er die andern gewähren läßt und nicht wegen Glaubenssachen Streit anhebt. Sie nennen sich Harmonisten. Sie haben keine bezahlten Geistlichen, Herr Rapp, der über achtzig Jahre alt ist, ist sowohl Geistlicher als Verwalter und Schiedsrichter. Sie musizieren gern, haben zuweilen Konzerte und musikalische Abendunterhaltungen. Die Ernte wurde den Tag vor meiner Ankunft mit einem großen Konzert in den Feldern angefangen. In ihren Schulen wird Lesen, Schreiben, Rechnen und Sprachunterricht gegeben; aber keine Wissenschaften, gerade wie bei den Shakers. Sie arbeiten viel länger als sie nötig haben, nämlich Winter und Sommer von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang; alle arbeiten, und die im Winter nicht in den Fabriken unterkommen, finden Arbeit beim Dreschen, der Viehzucht usw. Sie haben 75 Milchkühe, große Schafherden, viele Pferde, Schweine und Geflügel, und von dem, was sie erspart haben, haben sie große Summen bei Kaufleuten und Wechslern ausstehen; und obwohl sie durch Bankerotte einen bedeutenden Teil dieser Ausstände verloren haben, so haben sie doch noch eine Menge nutzlosen Geldes, die mit jedem Jahre größer wird.

Sie leben in Familien von zwanzig bis vierzig Leuten, deren jede ein eignes Haus und eine eigne Wirtschaft hat. Alles was sie bedarf, erhält die Familie aus den gemeinschaftlichen Vorratshäusern. Sie haben Überfluß für alle, und sie bekommen alle unentgeltlich soviel sie wünschen. Wenn sie Kleider brauchen, so gehen sie zum Schneidermeister, zur Näherin oder zum Schuhmacher und bekommen sie gemacht nach ihrem Geschmack. Das Fleisch und die übrigen Nahrungsmittel werden jeder Familie nach der Anzahl ihrer Mitglieder zugeteilt, und sie haben alles reichlich und im Übermaß."

Eine andere in Gütergemeinschaft lebende Gemeinde hat sich zu Zoar im Staate Ohio angesiedelt, Auch diese Leute sind württembergische Separatisten, die sich zu gleicher Zeit wie Rapp von der lutherischen Kirche lossagten und, nachdem sie zehn Jahre lang von dieser und der Regierung verfolgt worden waren, ebenfalls auswanderten. Sie waren sehr arm und konnten nur durch die Unterstützung menschenfreundlicher Quäker in London und Amerika zu ihrem Ziele kommen. (...) Ein amerikanischer Kaufmann, der sehr häufig nach Zoar kommt, schildert diesen Ort als ein vollkommnes Muster von Reinlichkeit, Ordnung und Schönheit, mit einem prächtigen Gasthof, einem Palast zur Wohnung für den alten Bäumler, einem schönen öffentlichen Garten von zwei Morgen mit einem großen Treibhause und schönen, wohlgebauten Häusern und Gärten. Er schildert die Leute als sehr glücklich und zufrieden, arbeitsam und ordentlich. Seine Beschreibung wurde in der Zeitung von Pittsburg (Ohio) veröffentlicht ("Pittsburg Daily Advocate and Advertiser", July 17., 1843).

Der mehrerwähnte Finch erklärt diese Gemeinde für die am vollkommensten eingerichtete von allen, die in Amerika in Gütergemeinschaft leben. Er gibt ein langes Verzeichnis ihrer Reichtümer, erzählt, daß sie eine Flachsspinnerei und eine Wollenfabrik haben, eine Gerberei, Eisengießereien, zwei Kornmühlen, zwei Sägemühlen, zwei Dreschmaschinen und eine Masse Werkstätten für alle möglichen Handwerke. Dazu sagt er, daß ihr Ackerland besser bebaut sei als alles andre, was er in Amerika gesehen habe. - Das "Pfennig-Magazin" schätzt den Besitz der Separatisten auf hundertsiebenzig- bis hundertachtzigtausend Taler, die alle in fünfundzwanzig Jahren verdient wurden, da sie mit gar nichts anfingen als sechs Taler für den Kopf. Es sind ihrer etwa zweihundert. Auch sie hatten eine Zeitlang die Ehen untersagt, sind aber, wie die Rappisten, davon zurückgekommen und heiraten jetzt.

Finch gibt eine Abschrift der Verfassung dieser Separatisten, die der Hauptsache nach in folgendem besteht:

Alle Beamten der Gesellschaft werden gewählt, und zwar von sämtlichen Mitgliedern derselben, die über einundzwanzig Jahre alt sind, aus ihrer eignen Mitte. Diese Beamten bestehen aus:

1. Drei Verwaltern, von denen jährlich einer neu gewählt wird und die jederzeit von der Gesellschaft abgesetzt werden können. Diese verwalten das sämtliche Eigentum der Gesellschaft und versehen die Mitglieder mit den nötigen Lebensbedürfnissen, Wohnung, Kleidung und Nahrung so gut, wie es die Umstände erlauben und ohne Ansehen der Person. Sie ernennen Unterverwalter für die verschiedenen Arbeitszweige, schlichten kleine Streitigkeiten und können, in Vereinigung mit dem Gesellschaftsrat, neue Vorschriften erlassen, die aber nie der Verfassung widersprechen dürfen.

2. Aus dem Direktor, der solange in seinem Amte bleibt, als er das Vertrauen der Gesellschaft besitzt und sämtliche Geschäfte als oberster Beamter leitet. Er hat das Recht zu kaufen und zu verkaufen, Kontrakte zu schließen, kann aber in allen wichtigen Angelegenheiten nur mit Einwilligung der drei Verwalter handeln.

3. Aus dem Gesellschaftsrat, der aus fünf Mitgliedern besteht, von denen jährlich eines austritt, und der die höchste Macht in der Gesellschaft besitzt, mit den Verwaltern und dem Direktor Gesetze erläßt, die übrigen Beamten beaufsichtigt und Streitigkeiten schlichtet, wenn die Parteien mit der Entscheidung der Verwalter nicht zufrieden sind; und

4. aus dem Zahlmeister, der auf vier Jahre gewählt wird, und der allein von allen Mitgliedern und Beamten das Recht hat, Geld in Verwahrung zu haben.

Im übrigen verordnet die Verfassung, daß eine Erziehungsanstalt errichtet werden soll, daß sämtliche Mitglieder all ihr Eigentum für immer in die Gemeinschaft geben und es nie zurückverlangen können, daß neue Mitglieder nur, nachdem sie ein Jahr mit der Gesellschaft gelebt und wenn sie die Stimmen aller Mitglieder für sich haben, aufgenommen und die Verfassung nur dann geändert werden kann, wenn zwei Drittel der Mitglieder dafür sind. (...)

Der Erfolg, dessen die Shakers, Harmonisten und Separatisten sich erfreuen, sowie das allgemeine Bedürfnis einer neuen Ordnung der menschlichen Gesellschaft und die daraus entsprungenen Bemühungen der Sozialisten und Kommunisten, haben viele andre Leute in Amerika veranlaßt, in den letzten Jahren ähnliche Versuche anzustellen. So hat Herr Ginal, ein deutscher Prediger in Philadelphia, eine Gesellschaft gebildet, welche 37 000 Morgen Wald in dem Staat Philadelphia angekauft, dort über achtzig Häuser errichtet und schon an fünfhundert Personen, meistens Deutsche, dort angesiedelt hat. Sie haben eine große Gerberei und Töpferei, viele Werkstätten und Vorratshäuser, und es geht ihnen recht gut. Daß sie in Gütergemeinschaft leben, versteht sich, wie bei allen nachfolgenden Beispielen von selbst. (...).Aber nicht nur in Amerika, auch in England ist es versucht worden, die Gütergemeinschaft durchzuführen. Hier hat der menschenfreundliche Robert Owen seit dreißig Jahren diese Lehre gepredigt, sein ganzes großes Vermögen zugesetzt und sein Letztes hingegeben, um die jetzt bestehende Kolonie zu Harmony in Hampshire zu gründen. (...) Sie zählt jetzt über hundert Mitglieder, die in einem großen Gebäude zusammenwohnen und bis jetzt hauptsächlich im Feldbau beschäftigt worden sind. Da sie gleich von vornherein als ein vollkommenes Muster der neuen Gesellschaftsordnung eingerichtet werden sollte, so war ein bedeutendes Kapital dazu nötig, und bis jetzt sind schon an zweimal hunderttausend Taler hineingesteckt worden. (...)

Von der Anlage selbst gibt ein praktischer Ökonom, der ganz England durchreiste, um sich von dem Zustande des Ackerbaus zu unterrichten und mit der Unterschrift: "Einer, der hinter dem Pfluge gepfiffen hat", der Londoner Zeitung "Morning Chronicle" darüber zu berichten, folgende Beschreibung ("M[orning] Chr[onicle]", Dec. 13., 1842).

Nachdem er durch eine sehr schlecht bebaute, mehr mit Unkraut als mit Getreide bewachsene Gegend gekommen war, hörte er zum ersten Male in seinem Leben in einem nahen Dorfe etwas über die Sozialisten in Harmony. Ein wohlhabender Mann dort erzählte ihm, daß sie ein großes Grundstück bebauten, und zwar sehr gut bebauten, daß alle die lügenhaften Gerüchte, die über sie verbreitet seien, nicht wahr seien, daß es der Pfarre zur großen Ehre gereichen würde, wenn nur die Hälfte ihrer Einwohner sich so anständig aufführen wollten wie diese Sozialisten und daß ebensosehr zu wünschen wäre, daß die Gutsbesitzer der Umgegend den Armen so viel und so vorteilhafte Beschäftigung gäben wie jene Laute. Sie hätten ihre eignen Ansichten vom Eigentum, aber bei alledem führten sie sich sehr gut auf und gäben der ganzen Umgegend ein gutes Beispiel. Er fügte hinzu: Ihre religiösen Meinungen sind verschieden: einige gehen in diese, andere in jene Kirche, und sie sprechen nie über Religion oder Politik mit den Leuten aus dem Dorfe. Mir antworteten zwei auf mein Befragen, es gäbe keine bestimmte religiöse Meinung unter ihnen und jeder könne glauben, was er wolle. (...)

Wir sehen also, daß die Gemeinschaft der Güter gar nichts Unmögliches ist, sondern daß im Gegenteil alle diese Versuche vollkommen geglückt sind. Wir sehen auch, daß die Leute, welche in Gemeinschaft leben, bei weniger Arbeit besser leben, mehr Muße zur Ausbildung ihres Geistes haben, und daß sie bessere und sittlichere Menschen sind als ihre Nachbarn, die das Eigentum beibehalten haben. Alles das haben auch die Amerikaner, Engländer, Franzosen und Belgier sowie eine Menge Deutscher bereits eingesehen. In allen Ländern gibt es eine Anzahl Leute, welche sich mit der Verbreitung dieser Lehre beschäftigen und für die Gemeinschaft Partei ergriffen haben.

Wenn diese Sache für alle wichtig ist, so ist sie es ganz besonders für die armen Arbeiter, die nichts besitzen, die ihren Lohn, den sie heute verdienen, morgen wieder verzehren und jeden Augenblick durch unvorhergesehene und unvermeidliche Zufälle brotlos werden können. Diesen wird hierin eine Aussicht auf eine unabhängige, sichere und sorgenfreie Existenz, auf eine vollkommene Gleichberechtigung mit denen gegeben, die jetzt durch ihren Reichtum den Arbeiter zu ihrem Sklaven machen können. Diese Arbeiter geht die Sache am meisten an. In andern Ländern bilden die Arbeiter den Kern der Partei, die Gütergemeinschaft verlangt, und es ist die Pflicht auch der deutschen Arbeiter, sich die Sache ernstlich zu Herzen zu nehmen.

Wenn die Arbeiter untereinander einig sind, zusammenhalten und einen Zweck verfolgen, so sind sie unendlich viel stärker als die Reichen. Und wenn sie vollends einen so vernünftigen und das Beste aller Menschen wollenden Zweck im Auge haben, wie die Gemeinschaft der Güter, so versteht es sich ja von selbst, daß die besseren und verständigeren unter den Reichen sich mit den Arbeitern einverstanden erklären und ihnen beistehen. Es gibt auch schon eine große Menge wohlhabender und gebildeter Leute in allen Teilen Deutschlands, welche sich für die Gütergemeinschaft offen erklärt haben und die Ansprüche des Volks auf die von der reichen Klasse mit Beschlag belegten Güter dieser Erde verteidigen.

Über den Konsens

Einige Denkanstöße
von Roland Raven, damals geschrieben zur Diskussion in der ZEGG-inspirierten Gruppe Maitea, erschienen in NHZ Nr. 1 (Jahr 2000)

Es gibt eine gewisse Übereinstimmung, sozusagen einen Konsens, in der Gruppe Maitea, aber letztlich auch in vielen Gemeinschaften, daß das sogenannte Konsensprinzip bei Entscheidungsfindungen angestrebt wird. Ich möchte dazu einige Überlegungen anstellen.

Zur Etymologie: Was bedeutet Konsens?

Das Wort Konsens entstammt dem lateinischen "Consensio" bzw "consentio" bzw "Consensus" und bedeutet laut Wörterbuch:
- Übereinstimmung, Einigkeit,.einstimmiger Beschluß
- Geheimes Einverständnis, Verabredung, Komplott
Es besteht aus dem Suffix "con-" bzw "com" bzw. "cum", was wiederum (laut Wörterbuch) bedeutet:
zusammen, gemeinsam, zugleich, völlig
Dann ist da noch das Stammwort "sentio" bzw. "senus". "sensus" bedeutet nach Wörterbuch:
Sinnes- Empfindungsvermögen, Wahrnehmung, Besinnung
- Ansicht, Meinung, Gedanke
- Gefühl, teilnehmende Empfindung, Gesinnung. Stimmung
Damit wäre ein Konsens so etwas wie ein übereinstimmendes (einstimmiges) Gefühl bzw. übereinstimmende Auffassung. Interessant, was eine etymologische Betrachtung so alles ergibt!

Der Begriff Konsensprinzip im landläufigen Verständnis

Als ich 1987 mich am Gewerbehofprojekt beteiligte, wurde dort gerade das Konsensprinzip im Plenum eingeführt. Es wurde formell so gehandhabt, daß Anträge im Plenum gestellt werden konnten und dann kam es darauf an, ob eine der beteiligten Parteien Veto einlegte. Da es gegen jeden möglichen Beschluß möglicherweise Einwände geben kann und auch gab, wurde von dem Vetoprinzip natürlich auch Gebrauch gemacht. Die Szenerie gestaltete sich dann so, daß die einzelnen Gruppen Vetodrohungen gegeneinander aufbauten. Im Ergebnis kamen manche, selbst dringend notwendige Entscheidungen nur sehr schleppend voran, die Entscheidungsfindung entwickelte sich milimeterweise.

Mehrheitsprinzip (Demokratie) versus Konsensprinzip

Formell lassen sich Mehrheitprinzip und Konsensprinzip einander gegenüberstellen. Beide haben Vor- und Nachteile. Der Vorteil des Mehrheitsprinzips ist die größere Entscheidungsfreudigkeit und –fähigkeit des betreffenden Organismus. Der Nachteil besteht darin, daß es Sieger und Verlierer gibt. Die Mehrheit ist nämlich die Gewinnerseite, die ihre Interessen und Ansichten durchsetzen kann, die Minderheit ist die Verliererseite, deren Interessen und Ansichten untergebuttert werden.
Über das Konsensprinzip wird gesagt, daß es den Nachteil des Mehrheitsprinzips, nämlich daß es Verlierer und Gewinner gibt, vermeiden kann, weil alle Interessen berücksichtigt werden. Der Nachteil besteht in einer schleppenderen Entscheidungsfindung.
Doch damit möchte ich mich nicht begnügen. Ich behaupte nämlich, daß es zwei vollkommen gegensätzliche Varianten des Konsensprinzips gibt.

Welche Entscheidungen sind besser?

Es ist eine müßige Frage, ob das Konsensprinzip oder das Mehrheitsprinzip bessere Entscheidungen hervorbringt, denn das hängt nicht von dem formalen Verfahren ab. Die Qualität einer Entscheidung hängt davon ab, wie gründlich die Entscheidung vorbereitet wurde (sogenannte Entscheidungsvorbereitung) und inwieweit die Entscheidung getragen wird. Es ist richtig, daß im Mehrheitsprinzip die Neigung der Minderheit gering sein wird, eine Mehrheitsentscheidung mitzutragen (das ist eine Frage der Disziplin). Es ist aber auch richtig, daß eine durch Veto blockierte Entscheidung eine Entscheidung darstellt und eine durch Veto blockierte Mehrheit sich durchaus als Verlierer sehen kann. Letztlich hängt die Qualität einer Entscheidung –wen wunderts? – nicht vom formellen Abstimmungsverfahren ab, sondern von der Gründlichkeit der Entscheidungsvorbereitung und der Qualität und Differenziertheit der Entscheidungsfindung.

Zwei entgegengesetzte Varianten des Konsensprinzips

Es gibt meines Erachtens zwei entgegengesetzte Varianten des Konsensprinzips, die sich allerdings nur schwer formal beschreiben lassen, weil es inhaltliche Varianten sind:
- Das Vetoprinzip
- Das synergetische Prinzip
Das Vetoprinzip zeichnet sich dadurch aus, daß der Entscheidungsraum der Gruppe von jedem einzelnen eingeschränkt werden kann. Es ist nicht wahr, daß es im Vetoprinzip keine Gewinner und Verlierer gibt. Im Gegenteil kann derjenige, der andere Impulse und Einflüsse blockieren will, mit wesentlich bescheideneren Mitteln auskommen als im Mehrheitsprinzip. Es ist leicht, unter Bedingungen des Vetoprinzips zu blockieren, und es gibt genug Menschen, die sich dann als Sieger sehen, wenn sie andere blockieren. Auch eine Nicht – Entscheidung ist eine Entscheidung. Ein durch ein Veto blockierter Vorschlag ist gleichbedeutend mit der Entscheidung, beim Alten zu bleiben. Eine Minderheit kann also die Entscheidung gegen die Mehrheit treffen, beim Alten zu bleiben. Machtkämpfe werden unter diesen Umständen dadurch ausgetragen, daß die streitenden Parteien versuchen, Ihren Standpunkt als den alten Standpunkt auszugeben, der durch eine neue, und nicht durch Veto blockierte Entscheidung aufgehoben werden müßte.
Tatsächlich gehen die angeblichen Vorteile des Konsensprinzips gegenüber dem Mehrheitsprinzip dann gegen Null, wenn im Konsensprinzip hauptsächlich ein formaler Mechanismus gesehen wird, in dem eine Minderheit jederzeit eine Mehrheitsentscheidung blockieren kann. Dann siegt eben nicht die Mehrheit über die Minderheit, sondern die Minderheit über die Mehrheit, kraß gesagt.

Das synergetische Prinzip ist dagegen kein formales Prinzip, sondern es setzt inhaltliche Prozesse voraus. Es basiert auf der Annahme, daß es grundsätzlich meistens möglich ist, einen wirklichen Konsensus, eine wirkliche Übereinstimmung zu finden. Diese wirkliche Übereinstimmung wird aber sicherlich nicht auf dem Weg des Veto gefunden. Im Gegenteil markiert ein Veto bereits definitiv das Scheitern des Konsensprinzips, der Konsens ist nämlich nicht erreicht worden. Sobald jemand sagt: "Da bin ich dagegen" besteht eigentlich schon buchstäblich kein Konsens und es kann deshalb nicht von Konsensprinzip gesprochen werden.
Konsensprinzip ist dann gegeben, wenn ein Beschluß gefällt wird, der bruchlos von allen Beteiligten mitgetragen werden kann. Ein Kompromiß also? Die folgende Betrachtung soll zeigen, daß Kompromiß und Synthese zwei verschiedene Paar Stiefel sind.

Kompromiß und Synthese

Was sind die Bedingungen einer wirklichen Übereinstimmung?
Eigentlich ist diese Frage sehr leicht zu beantworten. Eine wirkliche Übereinstimmung ist dann gegeben, wenn alle Beteiligten ihre Interessen und Beweggründe in dem getroffenen Beschluß in vollem Umfange wiederfinden. Dies setzt natürlich Voraus, daß diese Interessen und Beweggründe positiver Natur sind, und nicht in Ausgrenzung oder Xenophobie bestehen. Um nicht mißverstanden zu werden: das ist dann kein Kompromiß. Ein Kompromiß ist in aller Regel nur eine notdürftige Konfliktlösung. Der Kompromiß basiert darauf, daß alle Beteiligten so weit von ihren Positionen zurückgehen und sogenannte Abstriche vornehmen, bis alle "mit Bauchschmerzen" bei dem Beschluß übereinstimmen können.
Eine Synthese ist dagegen etwas ganz anderes. Sie basiert darauf, daß alle Beteiligten ihre eigentlichen Intentionen verwirklichen können. Synergetischer Konsens ist also kein formaler Mechanismus, sondern ein Inhaltlicher. Er setzt einen gemeinsamen, also kollektiven Prozeß des Begreifens und der bewußten und aktiven Gestaltung voraus.
In diesem Prozeß gibt es folgende Stufen:
- Zuhören, Erfassen, worum es dem anderen wirklich geht
- Das andere Wertesystem begreifen, ohne es vorzuverurteilen
- Gemeinsame Werte ermitteln und herausarbeiten
- Prüfen, inwieweit die beiden kommunizierenden Systeme voneinander lernen können
- Verschmelzung der jeweiligen Ziele – Komplexe zu einem gemeinsamen Zielrahmen, in dem die Ziele aller Beteiligten voll integriert sind.

Winnie Gryphon und andere haben den geschilderten Weg zu einem Kommunikationssystem ausgestaltet, das sie Transprogramming nennen. Wissenswertes darüber gibt es unter der Webadresse http//www.tp.syncos.de zu finden. (Hinweis: dieser Link ist nicht mehr aktiv)

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